Alteingesessene Jülicher sind selten

Viele Familiennamen verschwinden im 19. Jahrhundert : Warum alteingesessene Jülicher so selten sind

Jülicher Geschichte(n): Vor rund 200 Jahren verschwinden etablierte Familiennamen innerhalb einer Generation. Das klingt nach dem Stoff, aus dem die Träume der Verschwörungstheoretiker sind.

Es wirkt wie Hexenwerk oder das Treiben von Geheimbünden. Waren es die Illuminaten? Außerirdische? Guido von Büren lacht ob solcher nicht ganz ernst gemeinter Theorien. Trotzdem spricht auch er von einem ungewöhnlichen Phänomen, das in Jülich vor rund 200 Jahren passiert war: „Wenn man in die Einwohnerlisten vor rund 200 Jahren blickt, dann kann man den Eindruck haben, dass die Bevölkerung von Jülich damals innerhalb von einer Generation ausgetauscht worden ist“, sagt der Mann, der als Historiker für das Museum Zitadelle arbeitet.

Die ursprüngliche Idee für einen Serienteil in den Jülicher Geschichten war, über alteingesessene Jülicher Familien zu schreiben. „Die gibt es in dem Sinne kaum noch“, hatte von Büren geantwortet. „Heutige Jülicher Familien, die schon im Urschleim dabei waren, sind nicht bekannt.“ Eben weil grob umrissen zwischen 1821 und 1858 die meisten bis dahin etablierten Familiennamen aus den Einwohnerlisten verschwunden waren. Die Antwort auf die Frage nach dem Warum liefert keinen Stoff für wilde Verschwörungstheorien, spannend ist sie aber allemal.

20 Prozent Fremde

„Zunächst einmal ist es normal, dass 20 Prozent der Bevölkerung nicht hier geboren ist. Das ergibt irgendwann mal einen Austausch“, erklärt der Historiker. Aber so schnell – das erscheint erstaunlich. Dieses Phänomen sei nicht nur in Jülich zu beobachten, hier hat von Büren sie aber festgestellt. 1797 haben die Franzosen – das Rheinland und damit auch Jülich war französisch besetzt – eine erste komplette Bevölkerungsliste erstellt. Bis dahin waren meistens nur die Haushalte und deren Oberhäupter verzeichnet. „Die Franzosen wollten dann ganz genau wissen, wie viele Steuerzahler in Jülich leben, und wie viele Wehrpflichtige“, erklärt von Büren die Genauigkeit der Franzosen.

1812 zählten die Franzosen in Jülich letztmals. Mit dem Wiener Kongress wurde das Rheinland Preußen zugeschlagen. Die erstellten 1821 ein erstes sogenanntes Urflurbuch. Da hatte der Austausch mutmaßlich schon begonnen. Tillessen sei ein bis dato typischer Jülicher Name gewesen. Cormann oder Hellmanns ebenfalls. 1858 gab es keine Tillessens mehr in der Herzogstadt. Der Wiener Kongress hatte da mutmaßlich großen Einfluss gehabt. „Das war so etwas wie ein Brexit. Aus Jülicher Franzosen, die beispielsweise der Ausbildung oder Studiums halber nach Paris gegangen sind, wurden plötzlich Preußen“, beschreibt von Büren. Frankreich lag von nun an hinter einer Grenze.

Ein wichtiger Faktor war die zunehmende Mobilität. Jülich war bis 1835 eine bedeutende Station der Postkutsche von Aachen nach Köln, die sich mit einer von Neuss aus nach Süden verlaufenden Route kreuzte. So kamen permanent Reisende in die Stadt. Oder das, was man Stadt nennen mag. Keine 2000 Einwohner hatte Jülich damals.

Mit den Preußen kamen nicht nur Reisende, sondern auch Menschen, die geblieben sind. Beamte, allen voran der erste Landrat von Bülow. Jülich war Garnisionsstadt. Alle zwei Jahre wechselte die Besatzung. Auch das hat frisches Blut aus allen Ecken Preußens in die Stadt gebracht. „Es ist sicher vorgekommen, dass Soldaten sich hier verliebt haben und geblieben sind“, zählt von Büren einen weiteren Grund auf.

Mit der einsetzenden Industriellen Revolution begann auch die sogenannte Landflucht. „Die Landbevölkerung hat so die Möglichkeit zum Aufstieg gesehen“, beschreibt von Büren. Überwiegend waren diese Flüchtlinge junge Männer auf der Suche nach Arbeit. Häufiger fanden sie auch Liebe, gründeten Familien und brachten so neue Namen mit in die Stadt.

Verschwunden sind die Tillessens, Cormanns oder Hellmanns aber möglicherweise auch, weil die Menschen vor 150 bis 200 Jahren ein großes Fernweh erfasste. „Hier in der Gegend war es nicht ganz so wie im Westerwald oder im Hunsrück, wo innerhalb von wenigen Jahren ganze Dörfer nach Amerika ausgewandert sind“, vergleicht von Büren.

Auswanderer gab es aber trotzdem. 1848/49 verließen 40 Menschen Jülich, darunter Bürgermeister Jussen und seine Frau Elisabeth Ruetz. 1854 brach der Landschaftsmaler Johann Wilhelm Schirmer seine Zelte in Jülich ab und nahm eine Stelle an der badischen Kunstschule in Karlsruhe an. „Dafür musste er einen Ausreiseantrag stellen. Das Großherzogtum Baden gehörte schließlich nicht zu Preußen“, erklärt von Büren.

Der erste Fischer

Die Geschichte einer anderen Familie, die heute einen klangvollen Namen in Jülich hat, hatte da schon begonnen: die der Fischers. 1821 war Wilhelm Josef Fischer als 19-Jähriger aus Stolberg nach Jülich gekommen, um an der Elementarschule zu unterrichten. 1869 übernahmen die Fischers die Jülicher Zeitung von den Schirmers, die sie 1823 gegründet hatten.

„Eichhorn oder Fischer – das sind die Namen, die die jüngere Geschichte der Stadt geprägt haben“, sagt von Büren.