Johann von Bülow und Wolfgang Johnen prägten Jülich

Jülicher Geschichte(n) : Ein Preuße, der nicht nach Jülich wollte

Der erste Erste Mann im Kreis Jülich war ein Militär und hatte keine Lust auf sein Amt. Der letzte Erste Mann war ein Machtmensch und hat viel bewirkt, konnte aber nicht verhindern, dass der Kreis Jülich nach 155 Jahren von der Landkarte verschwunden ist.

Nur wenige Menschen haben die Geschichte des Jülicher Landes so geprägt wie Johann Carl Wilhelm von Bülow (1778 – 1851) und Wilhelm Johnen (1902 – 1980). Ersterer war der erste Landrat im Kreis Düren, der Letztgenannte der Letzte.

Beide hätten nicht unterschiedlicher sein können. Der erste Landrat war Landrat wider Willen. „Es war üblich, dass die Preußen damals verdiente Militärs aus adligen Häusern auf solche Posten gesetzt haben“, sagt der Jülicher Historiker Guido von Büren. Man muss wohl davon sprechen, dass von Bülow von diesem Los getroffen wurde. „Er war offenbar vom ersten Tag an nicht begeistert und hat Briefe nach Berlin geschrieben“, berichtet von Büren aus dem Jahr 1816, dem Jahr, als das Rheinland Preußisch und die Verwaltungsstruktur umgekrempelt wurde von Französisch auf Preußisch.

„Kreise waren was typisch Preußisches“, erklärt der Historiker die Geburtsstunde der Kreise Düren und Jülich. Beide lagen im Regierungsbezirk Aachen – der wie der Kreis Jülich am 1. Januar 1972 im Zuge der kommunalen Neugliederung aufgelöst wurde. Die Ebene darüber nannte sich ab 1822 Rheinprovinz und wurde von Koblenz aus verwaltet. Das ging bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs so, bis der preußische Staat aufgelöst, die Bundesrepublik gegründet und die Bundeslänger NRW und Rheinland-Pfalz 1946 gegründet wurden.

Probleme mit dem Klüngel

Zurück zum Mann der ersten Stunde. Johann Carl Wilhelm von Bülow schrieb 1823 in Richtung preußische Regierung: „Der Wunsch, wieder rechtsrheinisch zu kommen, ist groß.“ Möglicherweise war es ein beinahe natürlicher Konflikt zwischen den preußisch-militärischen Vorstellungen von der Organisation eines Kreises und katholisch-rheinländischen Phänomenen, die man heute umschreibt mit Klüngel und einer gewissen Gelassenheit, frei nach dem 2. Artikel des rheinischen Grundgesetzes: „Et kütt wie et kütt.“ „Er saß sicher zwischen den Stühlen: zwischen dem Regierungspräsidenten und Bürgermeistern hier vor Ort, die Entscheidungen nicht immer sofort ausgeführt haben“, schildert von Büren das Spannungsfeld für von Bülow.

Trotz etlicher Versetzungsgesuche habe von Bülow mit preußischem Pflichtbewusstsein in Jülich 32 Jahre die Stellung gehalten. Im Zuge der Revolution 1848 wurde er schließlich in den Ruhestand versetzt. Heute ist keine Straße und kein Platz nach dem ersten Ersten Mann im Kreis Jülich benannt. Im Gegensatz zu Wilhelm Johnen, dem Notar und CDU-Politiker, der von 1959 bis 1966 NRW-Landtagspräsident und von 1945 bis 1971 Jülicher Landrat war. Es ist kein Zufall, dass ein Teil der Privatstraße, die zum Haupteingang des Forschungszentrums führt, nach ihm benannt ist. Johnen hat die Jülicher Landschaft verändert.

Er war eine der treibenden Kräfte dahinter, dass die Kernforschungsanlage (KFA) nach Jülich gekommen ist. Die KFA hat sich weiterentwickelt und ist heute als Forschungszentrum mit über 5500 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber im Kreis Düren. Als die Luftwaffe nach einem Standort für das heute in Nörvenich ansässige Jagdbombergeschwader suchte, hatte sie die Merscher Höhe im Blick. „Johnen hat schnell dafür gesorgt, dass da die Masten der Rundfunksendeanlage hingekommen sind“, sagt von Büren.

Im Gegensatz zu von Bülow war Johnen gewählt. Deshalb habe er sein Amt sehr politisch ausgelegt, wie von Büren betont. Das war insofern möglich, weil es seit dem Zweiten Weltkrieg bis zur Abschaffung 1999 eine sogenannte kommunale Doppelspitze gab mit einem Oberkreisdirektor als Chef der Verwaltung und einem Landrat als politischem Repräsentanten. Johnen war eigentlich Landrat, aber irgendwie auch beides. „Deswegen nannte man ihn in Düsseldorf auch ‚Herzog von Jülich‘“, sagt von Büren.

Mit diesem Schreiben im Jülicher Correspondenz- und Wochenblatt hat sich der erste Landrat von Bülow 1848 von Bürgern verabschiedet. Das Blatt, von ihm gegründet, ist übrigens der Vorläufer unserer Zeitung. Foto: Stadtarchiv Jülich

Das Ende seines Kreises konnte der letzte „Herzog von Jülich“ nicht verhindern. Im Zuge der kommunalen Neugliederung ging der Kreis Jülich im Kreis Düren auf. Damit verschwand auch die Selbstständigkeit von kleinen Ämtern wie Barmen, Stetternich oder Siersdorf. Die Volksschulen wurden aufgelöst, mit der Hauptschule Jülich entstand eine der größten Hauptschulen des Landes.

„Es gab das Bestreben, das Ende des Kreises Jülich zu verhindern mit dem sogenannten Müller-Gutachten aus dem Jahr 1968“, berichtet von Büren. Das Problem für den Kreis: Er hatte zu wenig Menschen und zu wenig Fläche, um die Norm zu erfüllen, die ab dem 1. Januar 1972 galt. Das Gutachten enthielt schlicht den Vorschlag, den Kreis Jülich in alle vier Himmelsrichtungen auszudehnen.

Der Dürener Stadtteil Merken sollte zum Kreis Jülich gehören, genau wie Ortschaften aus dem Elsdorfer und Hückelhovener Raum. „Dass diese Rechnung nicht aufgehen konnte, war klar. Wenn das jeder gemacht hätte, wäre am Ende nichts übrig geblieben“, sagt von Büren.

Ein bisschen aber ist der Kreis Jülich zurückgekommen. Seit einigen Jahren können Lokalpatrioten ein JÜL-Kennzeichen an ihr Auto schrauben. Im Spätsommer nimmt das sogenannte kleine Kreishaus am Marktplatz seinen Betrieb auf, dass dafür sorgt, dass jeder aus dem Jülicher Land, der Kreis-Angelegenheiten zu klären hat, nicht mehr bis nach Düren fahren muss.

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