Atommüll aus Jülich: Inszenierter Streit ums Zwischenlager

Atommüll aus Jülich : Inszenierter Streit ums Zwischenlager

Das Aktionsbündnis „Stop Westcastor“ vermutet, dass der Atommüll aus Jülich abgeschoben werden soll. Das Forschungszentrum dementiert diese Vorwürfe. Eine irreführende Antwort der Bundesregierung sorgt außerdem für Verwirrung.

Bis Oktober soll die Prüfung, auf welchem Gelände ein neues Zwischenlager für die Brennelemente-Kugeln des früheren AVR-Versuchsreaktors errichtet werden könnte, abgeschlossen sein. Das sagt Jörg Kriewel von der Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen (JEN): „Wir prüfen derzeit noch, ob wir das Zwischenlager auf dem AVR-Gelände realisieren können. Angrenzend ist ein Areal reserviert, auf dem ein Zwischenlager zu 100 Prozent realisierbar wäre.“

Für das AVR-Gelände spricht, dass an diesem Standort eine Umweltverträglichkeitsprüfung deutlich einfacher realisierbar wäre als auf der angrenzenden Fläche. Dort könnte beispielsweise der Artenschutz eine zusätzliche Hürde darstellen, zumindest aber Zeit kosten. Die Zwischenlagerung der Brennelemente-Kugeln ist eine von drei möglichen Optionen neben einem Transport der Castoren nach Ahaus oder in die USA.

Ursprünglich hatte das Forschungszentrum bereits im Jahr 2012 eine Fläche für ein mögliches Zwischenlager identifiziert, „die vorbehaltlose Überlassung“ des Geländes im März 2019 aber zurückgezogen. Die Begründung damals: Relevante Rahmenbedingungen hätten sich in der Zwischenzeit verändert. So sei der Flächenbedarf zur Unterbringung der Castoren gestiegen, Sicherheitsbestimmungen hätten sich geändert und zudem sei auch der Raumbedarf für das Forschungszentrum selbst deutlich gewachsen.

Die Folgen: Im März gründeten Forschungszentrum und JEN einen Arbeitskreis, der einen neuen Standort suchen sollte und ziemlich schnell auch fündig geworden ist. „Wir haben nie gesagt, der 2012 identifizierte Standort kommt nicht in Betracht und der aktuelle Sachstand beweist, dass wir als Forschungszentrum hier in der Verantwortung stehen und wir uns dieser Verantwortung auch stellen“, sagt FZJ-Sprecherin Dr. Anne Rother. Dass sie dies aktuell überhaupt neu betonen muss, hängt mit einer Presseerklärung des Aktionsbündnisses „Stop Westcastor“ zusammen.

Das Bündnis will einen Transport der Castoren nach Ahaus oder ins Ausland unbedingt verhindern und spricht sich klar für die Option der Zwischenlagerung am Standort Jülich aus. Daran habe das Forschungszentrum aber „kein Interesse und unternimmt alles, um diese Option ad absurdum zu führen“, behauptet Marita Boslar von „Westcastor“. Ihr Argument: Die Standortzusage habe das FZJ ja schließlich zurückgezogen. Dass das FZJ ein neues Areal zur Verfügung gestellt hat, wird in dieser Pressemitteilung verschwiegen. Begünstigt wird das durch eine Anfrage des Dürener Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer an die Bundesregierung und deren Antwort. So wollte Krischer unter anderem wissen, wie denn die Bundesregierung die Begründungen des FZJ für das Zurückziehen des Areals bewerte. Auch Krischer wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass es ein Ersatzareal gibt.

Irreführende Antwort

Die erstaunliche Antwort der Bundesregierung vor drei Wochen: „Nach Kenntnis der Bundesregierung trifft es nicht zu, dass das Forschungszentrum Jülich die Bereitstellung des Grundstücks zur potenziellen Errichtung eines möglichen atomaren Zwischenlagers zurückgezogen hat.“

Diese Aussage ist zumindest irreführend, aber gar nicht mal falsch, wie sowohl Rother und Kriewel versichern, weil auch das ursprünglich ausgeguckte Areal bis zum Schluss zu den möglichen Standortoptionen gehörte. „Ich will nicht infrage stellen, ob es ein anderes Grundstück gibt“, gesteht Krischer auf Anfrage ein, fühlt sich allerdings für die Interpretation der Antwort auf seine Anfrage durch „Westcastor“ nicht verantwortlich.

Die hatten auch davon gesprochen, dass Bund oder FZJ lügen würden, die Suche nach einem Standort „immer groteskere Züge annehmen“, die Öffentlichkeit „an der Nase herumgeführt“ würde. Für Krischer stellt sich hingegen eine ganz andere Frage. Als ein Argument, warum das ausgesuchte Areal nicht mehr geeignet sei, hatte das FZJ im März angegeben, dass sich der Platzbedarf für das Zwischenlager erhöht habe. Krischer: „Ich verstehe nicht, dass man erst nach sechs Jahren merkt, dass das Grundstück zu klein ist.“

Auch da hat Kriewel eine Antwort parat: „Den konkreten Platzbedarf kann man immer erst angeben, wenn man in die Planungsphase eintritt, zumal sich Rahmenbedingungen in der Zwischenzeit geändert haben.“ Kriewel hat dafür ein anderes simples Beispiel: „Wenn ich heute sage, wie teuer der Neubau wird, nützt das gar nichts, wenn ich erst in sieben Jahren anfange zu bauen.“