Jülich: innoVitro forscht, damit Tierversuche überflüssig werden

Jülich: innoVitro forscht, damit Tierversuche überflüssig werden

Vorsichtig holt der Biotechnologe Matthias Goßmann einen kleinen Plastikbehälter aus dem Brutschrank im Labor und stellt ihn auf den Tisch. Was sich in kleinen Kammern darin befindet, erinnert ein wenig an Himbeerwackelpuddig: eine durchsichtige rosa Masse, die gleichmäßig zuckt — eigenständig, ohne Impuls von außen.

Es sind Herzzellen, die darin schlagen. „Jede diese Kammern kann einen Tierversuch ersetzen“, erklärt Goßmanns Kollege, der Biomediziner Peter Linder. Das ist eins der großen Ziele der beiden Forscher, die im März ihr eigenes Unternehmen, innoVitro, gegründet haben. Goßmann und Linder wollen ihre Idee, ihr Projekt marktfähig machen: An diesen Herzzellen statt an Tieren soll schneller und kostengünstiger Medikamente getestet werden. Dafür wurde innoVitro im Juni mit dem ersten Platz beim AC2-Gründerwettbewerb ausgezeichnet.

Der Biomediziner Peter Linder arbeitet an der Software, die das Schlagverhalten der Zellen misst. Foto: Anne Schröder

„Haut oder auch Knochen können sich regenerieren. Das Herz nicht. Wenn man einmal einen Herzinfarkt hatte, können sich die Zellen nur sehr schlecht davon erholen“, erklärt Goßmann. Hier setzt ihre Methode an. Der Clou: Die Herzzellen in den Kammern befinden sich auf einer hauchdünnen und elastischen Membran, die die beiden Forscher entwickelt haben. „Sie gibt den Zellen die mechanische Umgebung wie im Herzen vor, und die fangen dann an zu schlagen. Gleichmäßig und synchron.“ Dieses Schlagverhalten können sie messen und detailliert auswerten — mit einer selbst geschriebenen Software.

Die Herzzellen (in rosa) schlagen in solchen Kammern eigenständig und gleichmäßig. Foto: Anne Schröder

Die Herzzellen im Labor stammen zwar vom Menschen, aber nicht aus dem Herzen, sondern der Haut. Die Hautzellen werden genetisch so umprogrammiert, dass diese zu Stammzellen werden, aus denen wieder theoretisch jede andere Art von Zelle werden kann. Die Herzzellen beziehen die Jülicher Gründer von externen Herstellern.

Dass sie ihren eigenen Weg gehen, haben die beiden Forscher 2016 in einer Bierlaune beschlossen. Goßmann hatte von einer Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen erfahren, die Start-ups in der Hochtechnologie für eineinhalb Jahre mit 270.000 Euro bei der Gründung unterstützen. „In unserer Branche ist es echt schwer, den Startpunkt zu finden. Man braucht vorher viel Geld, bis man überhaupt in die Nähe vom Markt kommt“, sagt er. Es gebe eine Chance von zehn Prozent, irgendwann einmal schwarze Zahlen zu schreiben.

Starker Partner im Gepäck

Die erhaltene Förderung vom Land sowie das Gründerpreisgeld von 10.000 Euro helfen da auf die Sprünge. Aber auch die Strategie der Gründer ist wichtig. „Wir haben gleich ein anderes Konzept verfolgt und einen starken Partner gesucht, der in dem Bereich etabliert ist, die Nanion Technologies aus München“, erklärt Linder. Die Firma stellt weltweit Messgeräte für die Pharmaindustrie bereit. Den Komplettvertrieb für das Messgerät übernimmt München, die Verbrauchsmaterialien, wie der Behälter mit der speziellen Membran, sowie den Service der Messung wollen die Jülicher anbieten. Goßmann und Linder sind, wie auch die bereits gefundenen Investoren, von ihrer Idee überzeugt, haben aber auch Glück, wie sie betonen.

Zurzeit steht ihr Schreibtisch im Bereich der Biomechanik an der FH Aachen Campus Jülich. Nur wenige Schritte müssen sie zu dem Labor gehen, in denen „ihre“ Herzzellen schlagen. „Das Gute ist, dass wir in einem Labor der Kardiotechnik unterkommen konnten, in dem alle Geräte, die wir brauchen, vorhanden sind“, sagt Goßmann.

Für das Labor ist Professor Hans-Joachim Weber verantwortlich, der vom Konzept der beiden überzeugt ist. „Sie haben vieles richtig gemacht und sind schneller auf die Beine gekommen als gedacht“, sagt Weber. Gleichzeitig weiß er, wie wichtig die Phase nach der Gründung ist. „Viele junge Unternehmer scheitern daran, dass sie nicht betriebswissenschaftlich denken. Die erste freie Stelle sollte für jemanden sein, der die Finanzen im Blick hat.“

Bis Ende des Jahres können die Gründer noch in dem Labor bleiben, danach fassen sie das Technologiezentrum ins Auge. Ziel ist es aber, sich langfristig im zukünftigen „Brainergy-Park“ niederzulassen. Jülich soll es also definitiv bleiben. „In der Biotechnologie denken viele an Städte wie Berlin, Frankfurt oder München. Aber gerade Jülich ist durch die hohe Dichte an Wissenschaftlern ideal für uns“, sagt Goßmann.

Ein eingespieltes Team

Die Zukunft haben sie klar vor Augen: Stetiges Wachstum hin zum mittelständischen — familienfreundlichen — Unternehmen, das weltweit agiert. „Wir wollen eigentlich alles anders machen, als wir es bisher kennen“, betont Linder und hat unter anderem eine sechs Stunden Kernarbeitszeit im Kopf. „Wir müssen es nur selber noch vorleben“, ergänzt Goßmann und lacht.

Die beiden sind ein eingespieltes Team, haben Spaß bei ihrer Arbeit und viel Optimismus. „Manchmal krieg ich aber doch Muffensausen, dass nicht alles so klappt. Peter hat immer die Ruhe weg, das strahlt schon auf mich ab. Wir ergänzen uns hervorragend“, verrät Goßmann.

Eine gute Basis zu einem erfolgreichen Start ist also gegeben.

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