Jülicher Land: In Jülicher Dialekten ist das ripuarische Erbe noch zu hören

Jülicher Land : In Jülicher Dialekten ist das ripuarische Erbe noch zu hören

Wer die Ripuaren waren, wo genau und vor allem wann — darüber streiten sich heute noch die Geschichtswissenschaftler. Dass es den germanisch-fränkischen Volksstamm am Ende der Antike und/oder im frühen Mittelalter gegeben hat, dafür gibt es bis heute ein unüberhörbares Zeugnis: Osser Sproch. Oder usser Sproch? Os, us? Jedenfalls das, was heute im Rheinland gesprochen wird.

Da, wo Begriffe wie Kokolores, Kappes und usselig einen tiefen Sinn ergeben. Das Jülicher Land ist jedenfalls tiefstes Ripuaren-Land aus Sicht der Sprachwissenschaftler. „Das ist eine sehr spannende Region, in der es viel mehr Unterschiede gibt als in anderen Regionen“, sagt Peter Honnen vom Landschaftsverband Rheinland. Honnen ist Sprachwissenschaftler am Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte. Und die kleinen Unterschiede interessieren ihn.

„Je weiter man von den großen Städten weggeht, desto kleinteiliger wird die Sprache“, sagt Honnen. „Teilweise begegnet man Begriffen, die schon im Nachbarort anders ausgesprochen werden.“ Für die Eifel gelte das ganz besonders. Aber auch für das Jülicher Land. Deswegen gebe es jede Menge Besserwisser, die dann aufmerken, dass „usser Sproch“ falsch ist und es „osser Sproch“ heißen muss. „Viele glauben, dass ihre Aussprache die richtige ist, und kennen die große Bandbreite, die es in ihrer Region gibt, möglicherweise gar nicht“, erklärt Honnen.

Luther als Anfang vom Ende?

Gerade diese Bandbreite mache den Reiz der Sprache im Jülicher Land oder in der Eifel aus. Aber sie werde immer kleiner. „Als Sprachwissenschaftler stelle ich das nüchtern fest. Als Rheinländer bedauere ich das sehr“, sagt Honnen. Der Anfang des schleichendes Endes könnte schon Luther gewesen sein, der der Erste war, der eine Art deutscher Universalsprache geschaffen hat mit seiner Bibelübersetzung ins Deutsche. „Ein Hochdeutsch gab es zu seiner Zeit nicht. Luther musste sich für eine Version entscheiden, die möglichst viele Menschen verstehen“, erklärt der LVR-Sprachexperte.

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Vor 500 Jahren habe es viele auch in sich nicht einheitliche Dialekte gegeben und daneben sogenannte Verkehrssprachen. Also Schriftsprachen, die Händler aus unterschiedlichen Dialekt-Regionen genutzt haben, um überhaupt miteinander kommunizieren zu können. „Dass sich Menschen im Gesprochenen nicht verstanden haben, war noch um 1900 der Fall“, erklärt Honnen. „Der Bauer aus Kleve hat den Käufer aus Aachen nicht verstanden. Beide sprachen kein Hochdeutsch.“

Nach Luther begann der Prozess, dass die Verkehrssprachen zu gesprochen Sprachen geworden sind. Nach 1850 fand diese Entwicklung immer stärker statt. Noch heute ist sie ein Grund dafür, warum die regionalen Besonderheiten weniger werden. Noch gibt es sie: Der Kölner spricht eindeutig anders als der Dürener, und der Aachener ist ohnehin ein Fall für sich.

Gleichzeitig zeichne sich laut Honnen ab, dass eine allgemeinverständliche rheinische Umgangssprache übrig bleibe, die im gesamten ripuarischen Sprachraum verstanden wird. Sie ist quasi eine Art kleinster gemeinsamer Nenner. Sie enthält Kokolores, Kappes und usselig. Das für Aachen so typische „Au Hur“ habe es noch nicht in diese Sprache gebracht. „Der Begriff ist regional sehr begrenzt und trotzdem wieder so bekannt, dass jeder was damit anfangen kann“, sagt Peter Honnen.

Universell-rheinisch verständlich ist auch das Wort läppsch. „Es ist faszinierend, was im Rheinland alles läppsch sein kann.“ Manche Begriffe schaffen es auch über das Rheinische hinaus. Was Klüngel bedeutet ist heute in jeder Region Deutschlands bekannt. Das Knöllchen kennt auch jeder.

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