In Jülich spricht man "Platt" mit "Knubbele" aus Frankreich

Französischen in unserer Mundart : Amour gibt es nicht nur in Paris

Opas Wort hat noch Gewicht bei seinen Enkeln – zumindest vor vier Generationen: „Wellste Amour, jank net noh Paris! Os Mädcher send jenausu sööß.“ Eine Abhandlung über den Einfluss des Französischen auf unsere Mundart.

Noch vor hundert und mehr Jahren gab es selten Ehen, die weit über die Grenzen eines Dorfes – schon gar nicht eines Landes – hinaus geschlossen wurden. Der dörfliche Dialekt der Eltern wurde also an die Kinder weitergegeben und somit bewahrt. Auch eben „Francais met Knubbele“, ein unebenes Französisch. Heute werden die Kinder spätestens in der Schule mit der Hochsprache konfrontiert, die die Mundart immer weiter zurückdrängt. Alte, typische Plattausdrücke – darunter viele französische Lehnwörter – geraten dadurch zunehmend in Vergessenheit. Trotzdem sind aktuell immer noch rund 250 Gallizismen wie etwa „Visaasch“ (visage: Gesicht) im rheinischen Sprachgebrauch.

Möglicherweise kennen die Einheimischen im Jülicher Land sogar einige Begriffe mehr. Aufgrund des Zitadellenbaus sind Wortbedeutungen wie Lünette (frz. lunette: Außenwerk vor Festungen) oder Kasematten (casemate: Geschützraum) nicht allerorts, jedoch hier allgegenwärtig. Die Rheinländer stellen den Kasematten gern ein Präfix voran, sodass das Lehnwort „verkassematuckele“ (verhauen,verprügeln) entsteht.

Viele der aus dem Französischen entlehnten Wörter sind freilich mit ihren Ursprungsvokabeln unverändert geblieben. So behält „Trottoir“ (Trottowaa) auch im Ripuarischen die Bedeutung eines Bürgersteigs. Der Polizist (Gendarm) ist in rheinischer Mundart veraltet Schandarm. Der Senf, im Französischen „moutarde“, wird lokal wie regional heutzutage noch „Mostert“ genannt.

Da stellt sich manchem die Frage, wie eine Fremd- in der Muttersprache überhaupt eine solche Bedeutung erlangen kann. Mitte des 15. Jahrhunderts brachte Frankreich erstmals mit aller Klarheit zum Ausdruck, es wolle die natürlichen Grenzen, die Länder bis an den Rhein besitzen. Berührungen der Franzosen mit den Rheinländern gab es bereits vor fünf- oder sechshundert Jahren durch französische Auswanderer, politische oder konfessionelle Flüchtlinge, hauptsächlich aber durch Kriege, die französische Soldaten verweilen ließen.

Bereits im 12. Jahrhundert begannen erste Wörter aus dem Sprachgut der Franzosen ins Deutsche einzufließen. Durch das Rittertum und die höfische Kultur, die an das französische Vorbild anknüpften, fanden altfranzösische Begriffe ihren Weg ins Mittelhochdeutsche und somit in den Regio- und Dialekt. In dieser Zeit entstehen die rheinischen Suffixe „iere“ oder örtlich „eere“. Zum Beispiel wird das französische „se lamenter“ zu „lamentiere“ oder „lamenteere“ für „klagen“.

In der zweiten Schlacht an der Rur anno 1794 triumphierten Napoleons Truppen. Die Franzosen begannen im Rheinland eine Verwaltungs- und Rechtsreform nach zentralistischem Vorbild zu schaffen. Die strukturellen Veränderungen beeinflussten die gesamten Lebensverhältnisse und dadurch die Alltagssprache. Obwohl es das Vokabular der Besatzer war, wurde das Französische vor allem in den oberen Schichten als Bildungssprache „populaire“ und drang in alle Lebensbereiche vor.

Es ging gar das Gerücht, dass die hohen Herrschaften nur noch mit ihren Pferden deutsch reden würden. Urkunden, Beschlüsse, sowie Akten wurden fortan ausschließlich auf Französisch verfasst; Hans oder Johann wurde zu „Jean“ – ins Plattdeutsche übertragen zu „Schäng“.

Obwohl das ´französische´ Rheinland mit den Befreiungskriegen 1814 sein Ende fand, sind etliche Ausdrücke der Franzosen im rheinischen Dialekt erhalten geblieben. Viele Redewendungen sind in der Mundart der Rhein- und Rurländer inzwischen fest verwurzelt, werden im Alltag verwendet. Wir „esdemeere“ (estimer), schätzen den Partner, die Partnerin, verabschieden uns mit „adschö“ (adieu).

Wir machen etwas aus dem Stegreif, „us dä Lamäng“ (de la main), oder ereifern, „eschoffeere“ (s´échauffer) uns über Fremdworte in der deutschen Sprache, aber „adapteere“ (adapter) sie im Regiolekt, passen sie der Mundart im Jülicher Land an. So wohlklingende Adaptionen wie „Plümmo“, „Kavalöres“, „Odekolonsch“ oder „Bredullje“ und „Kanallje“ sind sicherlich – c´est la vie! – alles andere als ein „Mallöör“ (Malheur) im plattdeutschen Redefluss an Inde, Rur, Merzbach und Malefinkbach.

(khs)