Jülicher Land: In den Rathäusern wird reihenweise kapituliert

Jülicher Land: In den Rathäusern wird reihenweise kapituliert

Jecke Weiber und reichlich karnevalistisches Fußvolk haben am Fettdonnerstag im Jülicher Land die Macht übernommen und die heiße Phase des Straßenkarneval eingeleitet.

In Aldenhoven kam der närrische Trupp, der von der KG Turmschwalben angeführt wurde, nur bis zur Rathaustüre, wo Bürgermeister Lothar Tertel ohne großes Federlesen die Schlüssel streckte, die er Prinzessin Monika (Fachinger) aus Siersdorf und dem Nordlichter-Prinzenpaar Barbara und Dirk (Ohlsen) aus Freialdenhoven übergab.

Bürgermeister Ulrich Schuster

Als spezielle Trophäe hatten sich die beiden Prinzessinen zunächst den Schlips des Bürgermeisters gesichert, der angesichts der Narrentrupps jubelte: „So bunt war es hier noch nie.“ Angesichts der leeren Gemeindekasse ließ sich Tertel nicht lumpen, sondern spendierte wie die KG Turmschwalben jeweils ein Fass Bier und weitere Erfirschungsgetränke, die nach der „Rathauserstürmung“ gemeinsam im Festzelt geleert wurden, wo die Sause weiterging.

sturm titz

Kinderdreigestirn führt Jecken an

Die Rathäuser im Jüliocher Land waren gestern nicht mehr sicher. Unsere Fotos zeigen oben links die Erstürmung in Titz und weiter im Uhrzeigensinn die Machtübernahmen im Jülich, Inden und Linnich. Überall rückten die Bürgermeister die Schlüssel heraus, ohne Widerstand zu leisten, und reihten sich unter die schunkelnden Jecken ein. Foto: Janz Jeck

Pünktlich Elf Uhr Elf stürmte der Festausschuss Jülicher Kengerzoch sowie das Kinderdreigestirn Prinz Roman, Bauer Kai und Prinzessin Dana die Treppe im neuen Rathaus hinauf und eroberte damit, stellvertretend für alle Jülicher Närrinnen und Narren die Stadtverwaltung. Bis zum Aschermittwoch herrscht da nun Ausnahmezustand, denn wie hatte Prinz Roman gesagt: „Kinder an die Macht“.

Die Rathäuser im Jüliocher Land waren gestern nicht mehr sicher. Unsere Fotos zeigen oben links die Erstürmung in Titz und weiter im Uhrzeigensinn die Machtübernahmen im Jülich, Inden und Linnich. Überall rückten die Bürgermeister die Schlüssel heraus, ohne Widerstand zu leisten, und reihten sich unter die schunkelnden Jecken ein. Foto: Janz Jeck

Die Mitarbeiter des Rathauses und in vorderster Front der Personalrat hatten diese Rathausstürmung organisiert und sorgten vorbildlich dafür, dass die Gläser ihrer Gäste nie leer wurden. Außerdem stellten sich die Karnevalsgesellschaften der Stadt mit einem kurzen Programm vor und ansonsten herrschte Jubel, Trubel, Heiterkeit bis in den frühen Abend hinein aber streng nach dem Motto: Dat Rathaus bliev op jede Fall Rauchfrei auch im Karneval“.

Ruckzuck war Linnichs Bürgermeister Wolfgang Witkopp den Schlüssel los, denn die närrische Übermacht, die das Rathaus belagerte, war einfach zu groß. Angeführt von der Linnicher Stadtgarde, waren die Gesellschaften der Kernstadt gekommen, um ihre Macht zu demonstrieren und vor allem zu feiern. Sie alle hatten außerdem sehr zur Freude der zahlreichen Närrinnen und Narren stets das Beste mitgebracht, was ihre Vereine zu bieten hat, ihre Garden. Da gab der Bürgermeister doch freiwillig den Schlüssel ab, dieses Mal an Prinz Roman I. und Prinz Franz-Josef I., beide von der KG Willer Jecke. Anschließend feierte das närrische Volk im Festzelt auf dem Place de Lesquin ausgelassen weiter. Organisiert hatte in diesem Jahr die Rathausstürmung der Linnicher AKV.

Bademantel und Stützstrümpfe

„Kennt ihr das auch, wenn sie wehtun, die Glieder? Ihr dabei schlapp werdet, sinket danieder?“ Pünktlich zum Start der tollen Tage erschien der Titzer Bürgermeister Jürgen Frantzen im Bademantel mit Stützstrümpfen, OP- Haube und Mundschutz, einen Tropf mit angehängten Rathausschlüsseln vor sich herschiebend, im gut gefüllten Ratssaal und lamentierte in Reimform über seine Wehwehchen. Aber dank diverser „Mittelchen in Maximalportion“ schaffte er es schließlich doch: „So, nun aber will ich kapitulieren, auf dass die Jecken dürfen endlich regieren“.

Der erste Rathausschlüssel gebührte der katholischen Frauengemeinschaft Titz. Sitzungspräsidentin Kathie Wolf reimte für den Bürgermeister und erfüllte ihm seinen „geheimsten Wunsch“. Gemeinsam mit der uniformierten Marita Reitz, die „einmal im Leben Schützenkönig sein“ wollte und deshalb einen über den Durst getrunken zu haben schien, zog sie tanzend durch die feiernde Menge.

Für mächtig Stimmung sorgte das Ophertener Dreigestirn, wo Jungfrau Bernadine I. (Immerath) „des Bauers (Basti I.) Vater“ ist. Dass das einzige Trifolium in der Landgemeinde nicht nur singen und tanzen kann, stellte Prinz Norbert I. (Mülfarth) unter Beweis. Sein frohgelauntes Mundartgedicht im Paarreim enthielt allerdings auch Kritik. Die Ophertener Tollitäten wollten im Prinzenwagen des Titzer Tulpensonntagszug mitfahren, was „zwei Stimmen“ der IG Karneval augenscheinlich vereitelte hatten.

Sogleich schwenkte der Prinz wieder auf Karnevalsmodus um, riet aber dazu, „net ze verjesse bei dem janzen Fiere, dat mer der Respekt net vüreinander verliere“ und wurde kräftig beklatscht. Als Prinzengarde dienten die Ophertener „Zwergkaninchen“, die einen flotten Tanz mit Pyramiden aufs Parkett legten. Einen Wermutstropfen hatte die närrische Rathauserstürmung doch: Peter Wirtz, der im Rathaus „seit 50 Jahren seinen Job macht, und das meistens top“, hatte seinen letzten Arbeitstag und den Schreibtisch schon geräumt.

Nur ein kurzer Kampf

Nicht die Mama, wie die Bläck Fööss es singen, „kriegt schon widder eh Kind“, sondern „die Jungfrau der KG Echte Fröngde aus Lamersdorf, kriegt ein Kind“, scherzte der 1. stellvertretende Indener Bürgermeister Herbert Schlächter, als er die vier Karnvealsgesellschaften aus der Gemeinde Inden beim Sturm aufs Rathaus begrüßte. So fehlte denn Marktilda I. angesichts „Mutterfreuden“, Prinz Stefan I. und Bauer Charly I. mussten alleine um den Rathausschlüssel kämpfen, den Bürgermeister Ulrich Schuster — „ich bin weder krank, noch verletzt, noch habe ich Urlaub, ihr müsst heute mit mir vorlieb nehmen“ — als bekennender Nichtkarnevalist schnell aus der Hand gab.

Ins gemeinsame Alaaf stimmten auch das Frauen-Dreigestirn der KG Lustige Jonge Inden/Altdorf mit Prinzessin Sandra I., Bauer Ute I. und Jungfrau Martina I., die KG Frenzer Burgnarren mit Jugendprinzessin Michelle I. sowie der KG Lukkebömmelte Lü aus Lucherberg ein. Musikalisch eingeheizt wurde der Narrenschar von den Musikfreunden Hambach, denen angesichts der zugigen Temperaturen der eine oder andere Ton wegblieb. „Jungs, dies habt ihr toll gemacht“, meinte Schlächter unter dem Applaus der Jecken, die sich nicht lange aufhalten ließen, um die Rathaustür zu stürmen. Auf Einladung von Schuster, der keine Penuze, sondern „heiße Luft zum Aufwärmen“ zur Verfügung stellte.

(hfs., Kr., ptj, ahw)
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