Bernhard Gottfried Johnen zu Besuch in der alten Heimat: Im Interview spricht er über Jülich und den Brexit

Bernhard Gottfried Johnen zu Besuch in der alten Heimat : Im Interview spricht er über Jülich und den Brexit

Bernhard Gottfried Johnen lebt in England, ist aber gebürtiger Jülicher. Er ist hier auf den Spuren seines Vaters unterwegs. Im Interview spricht er über die Veränderungen in seiner alten und seiner neuen Heimat.

Zuletzt war Bernhard Gottfried Johnen (75), genannt Berndfried, noch einmal in seiner alten Heimat. Er war auf den Spuren seines namhaften Vaters unterwegs. Der 1980 verstorbene Wilhelm Johnen war der letzte Landrat des Kreises Jülich und Präsident des NRW-Landtags. „Er hat so viel über andere Menschen geschrieben, nur nicht über sich selbst“, erklärte Johnen, warum er aus England nach Jülich gekommen war – unter anderem, um im Archiv unserer Zeitung zu stöbern. Der Diplom-Agraringenieur lebt seit 1974 in England, ist verheiratet, hat zwei Töchter. Guido Jansen hat mit Bernhard Gottfried Johnen Jülich früher und heute verglichen und über den EU-Austritt seiner neuen Heimat gesprochen.

Zuletzt kursierte im Internet ein Film, der Jülich in den 70er Jahren zeigt. Da keimte die Diskussion auf, dass die Stadt früher viel schöner gewesen sei. Was sagen Sie dazu?

Bernhard Gottfried Johnen: Die Innenstadt, also die vom Renaissance-Baumeister Pasqualini geplante Stadt, ist in ihrer Großzügigkeit etwas verloren gegangen durch die vielen Umbauten. Da hat eine Verengung stattgefunden. Das finde ich nicht so schön. Gleichwohl ist die Stadt viel grüner als früher. Insgesamt habe ich einen positiven Eindruck.

Worauf beziehen Sie das?

Johnen: Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern, dass an der Wilhelmstraße derart große Bäume gestanden haben. Überhaupt ist die Stadt sehr grün. Oder wenn ich mir die Zitadelle anschaue. Solange ich denken kann gab es das Anliegen, dass aus der Festung was gemacht wird. Vor ein paar Jahren habe ich die Zitadelle nochmal besichtigt und ich war sehr positiv angetan vom Zustand. Oder schauen Sie sich die Gegend rund um die Vogelstange an. Das war eher heruntergekommen, als ich jung war. Heute wirkt alles sehr ansehnlich.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Veränderungen?

Johnen: Ich habe jetzt eine kleine Rundtour gemacht. Das Forschungszentrum war früher die Kernforschungsanlage. Heute ist es viel größer, eines der größten Forschungszentren in Europa. Das ist ein deutlicher Unterschied zu meinen Jugendjahren. Oder die Fachhochschule. Da finden überall große Entwicklungen statt.

Sie leben als Deutscher seit 45 Jahren in England. Jetzt kommt der Bre­xit, oder vielleicht doch nicht. Beschlossen ist der Austritt aus der EU  jedenfalls. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?

Johnen: Fast alle Angehörigen der ausländischen Gemeinschaft sind fassungslos, dass dieses Referendum so ausgegangen ist. Jeder weiß heute, dass vor der Abstimmung so viel gelogen worden ist wie man lügen kann. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Teile der Bevölkerung außerhalb der Großstädte offenbar denken, dass sie die Größe des Empires wieder zurückbringen können und dass das Königreich alleine stärker ist.

Sind Sie als Ausländer von der Ausweisung bedroht?

Johnen: Wir haben unsere Verhältnisse regeln können, weil wir nachweisen können, dass wir seit mehr als 40 Jahren in England leben und arbeiten. Wir haben Glück gehabt, dass ich so viele Dokumente aufbewahrt habe. Seit 1980 haben wir eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Wenn ich das nicht hätte nachweisen können, dann könnte es uns blühen, dass wir ausgewiesen werden, wenn der Brexit kommt. Selbst dann, wenn wir schon seit 40 Jahren dort leben.

Viele Menschen, die mitunter seit vielen Jahren im Service- und Dienstleistungsbereich in Großbritannien arbeiten, sind Ausländer.  Hat sich bei der Abstimmung niemand Gedanken darüber gemacht, wer sie im Fall des Brexits im Restaurant bedient oder wer die Kranken pflegt?

Johnen: So ein bisschen kann man die Sichtweise in ländlichen Bereichen mit der vergleichen, die in ländlichen Bereichen in den USA offenbar herrscht: Die Leute haben kaum eine Ahnung davon, was jenseits der Landesgrenzen passiert. Und was im eigenen Land passiert. Das Gesundheitssystem würde ohne die vielen ausländischen Kräfte nicht funktionieren.

Sie leben in England auf dem Land. Da gibt es einige Sehenswürdigkeiten, die ohne EU-Fördermittel so nicht erhalten geblieben wären. Verstehen die Menschen das nicht, obwohl sie in touristischen Gebieten davon abhängig sind?

Johnen: Da wird deutlich, wie weit Fehlinformationen verbreitet sind. In der Brexit-Diskussion wurde immer nur darüber gesprochen, dass das Vereinigte Königreich zu viel Geld nach Brüssel überweisen muss. Dass die EU zurückzahlt und Regionalfonds hat, die direkt den Regionen in England zugutekommen, wird nirgends gesagt. Sie müssen bedenken, dass Engländer, die im Ausland leben, nicht wählen durften. Sie verstehen besser, was Europa bedeutet. Vielleicht gibt es für diesen Ausschluss eine gute Begründung, aber mir ist keine zugänglich.

Was stellen Sie im Bezug auf den Brexit im Gespräch mit Engländern fest?

Johnen: Dass mal wieder eine unterschwellige Antipathie gegen Ausländer aufgekommen ist. Jedem, der mit einem nicht-englischen Akzent spricht, wird mit Vorsicht begegnet. Es ist eine Schande, dass mit all den Unwahrheiten im Zusammenhang mit dem Brexit Ressentiments geschürt worden sind, von denen man gehofft hatte, dass sie überwunden sind. Bei jungen Menschen beobachte ich das weniger. Aber in der Altersgruppe Ü45, die die Wahl entschieden hat, beobachte ich das.

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