Hospizbewegung Düren-Jülich bietet Hilfe bei persönlichen Schicksalen

Hospizbewegung Düren-Jülich : Trauer ist wichtig, Tränen sind erlaubt

Zuerst sind es nur zwei Frauen, die sich vor dem Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Jülich wie gute Bekannte begrüßen. Sie treffen sich hier schon seit vielen Jahren. Jede weitere Person wird mit einem schlichten „herzlich willkommen“ von Birgit Rose empfangen.

An diesem Nachmittag sind es zehn Menschen im unterschiedlichen Alter, die sich mitten auf der Straße einander vorstellen. Sie alle haben einen geliebt3en Menschen verloren.

„Manche der Teilnehmer sind von Anfang an bei den Trauerspaziergängen dabei, andere begleiten uns eine Weile und gehen wieder. Doch stets kommen neue dazu“, erläutert Rose, die als eine der Trauerbegleiterinnen des Hospizbewegung Düren-Jülich ehrenamtlich die Initiative betreut. „Gemeinsam in Bewegung zu sein mit Menschen, die die gleiche Erfahrung durchleiden, einen geliebten Angehörigen verloren zu haben, kann im Trauerprozess eine Erleichterung, manchmal auch eine Befreiung bedeuten“, erläutert sie. Das Laufen helfe dabei, die Gedanken freizugeben und die Trauer zuzulassen. „Hier bekommt man die Möglichkeit, reden zu können ohne reden zu müssen, weinen zu dürfen und Verständnis für den Schmerz zu erfahren“.

Noch bevor sich die Gruppe in Bewegung setzt, lassen einige Teilnehmer ihren Gefühlen freien Lauf. Intime, sehr persönliche Empfindungen bahnen sich den Weg und werden, oft zum ersten Mal, laut ausgesprochen. Emotionsgeladen, mit gepresster, brüchiger Stimme oder leise, nur von stillen Tränen begleitet, schildern die Trauenden ihre persönlichen Schicksale. Andere machen sich schweigend auf den Weg. Sie hören zu. Jeder von ihnen kann das Erzählte nachempfinden.

„Ich habe meinen Mann vor zweieinhalb Jahren verloren“, erzählt Rosi, „und es tut so weh, als wäre es gestern gewesen. Ich komme her, weil es mir nicht gut geht. Ich fliehe aus meinem eigenen Zuhause“. Nach ihrer ersten gescheiterten Ehe hatte sie nicht mehr geglaubt, dass sie die große Liebe kennenlernt. „Aber es war die große Liebe und uns wurden 28 Jahre geschenkt.“ Scheinbar gefasst sagt sie: „Wenn der geliebte Mensch geht, wenn man noch jünger ist, kann doch noch irgendjemand kommen, irgendetwas Gutes im Leben geschehen. Je älter man ist, wenn das passiert, desto weniger bleibt.“

2017 standen Gaby und ihr Mann mitten im Leben, als zuerst ihre, und drei Monate später seine Mutter verstarb. „Er sagte damals, es sei ein schlimmes Jahr gewesen und dass das kommende sicher besser sein wird“, erzählt sie. Die Krebsdiagnose erhielt ihr Mann Ende Juni 2018. „Wir haben alles zusammen überstanden. Die monatelangen Untersuchungen, die Chemotherapie und seine achtstündige Operation im November. Er hat sich sehr schnell erholt und sollte nach anderthalb Wochen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Ich habe mich so gefreut.“

Die Komplikationen traten unerwartet auf. Am Neujahrstag 2019 ist er gestorben. Den ganzen Spazierweg entlang der Rur erzählt Gaby ihre Geschichte. Sie spricht von Kampf, Verlust und Einsamkeit. So lange fließen auch ihre Tränen. „Ich habe keine Familie mehr, nur die Routine meiner Arbeit hilft mir durch den Alltag. Die Sonntage sind die schlimmsten. Da ist plötzlich die lähmende Trostlosigkeit wieder da und ich fange von vorne an.“

Mit einem Lächeln spricht Wolfgang von seiner verstorbenen Frau. „Sie ist am 1. August heimgegangen. Sie hatte eine schlimme Krankheit und ich weiß, dass sie es jetzt leichter hat.“ Auch er kennt die schlimmen Momente. Das Allerschlimmste war, mit ihren Sachen aus dem Krankenhaus das Haus zu betreten, mit der Gewissheit, dass sie selbst es nie mehr tun wird. Beim Trauerspaziergang ist er wie Gaby das erste Mal dabei und wie sie möchte er wiederkommen. „Ich muss mich nur zwischenzeitlich nach Indien aufmachen“, erklärt er. Im letzten Jahr wollten sie diese Reise gemeinsam unternehmen. „Dafür hat sie sich dann nicht stark genug gefühlt, doch jetzt ist sie frei und sie wird bei mir sein.“

Der „Trauerspaziergang“ ist vor acht Jahren aus der Initiative des Vereins Hospitzbewegung Düren-Jülich entstanden. „Wir wollten damals ein schnelles, niederschwelliges Angebot haben, weil es in Jülich nichts Vergleichbares gab“, sagt die Koordinatorin und Trauerbegleiterin Angela Kersten-Stroh. In ihrer Arbeit hört sie oft Sätze wie „Ich glaube, ich werde verrückt“. Es sei eine normale Reaktion auf den erlittenen Verlust. Sie ist davon überzeugt, dass Menschen mit der Trauer von Natur aus umgehen können. „Manche brauchen nur Unterstützung, und die bekommen sie von uns.“

Von den in der Trauerbegleitung und -bewältigung speziell ausgebildeten ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern erfahren Betroffene, dass es erlaubt ist, sich zurückzunehmen, zu weinen, schlaflose Nächte und kreisende Gedanken zu haben. „Unser Körper, Geist und Seele reagieren auf den Verlust“, erklärt Kersten-Stroh, „trauern, nicht verdrängen ist der richtige Weg“. Die Trauer verändert sich, doch sie bleibt. Die Momente, in denen der Schmerz plötzlich wieder präsent ist, wird es immer geben. Aber sie werden weniger. Irgendwann.

Auch Jan möchte die nächste Zeit nicht in seinem, jetzt leeren Haus, verbringen. Nach mehr als 50 Jahren Ehe musste er seine Frau vor zwei Monaten gehen lassen. „Sie ist nach einem langen Leidensweg gestorben.“ Für ihn ist nach all den Jahren, in denen er seine Frau pflegte, eine Leere entstanden. „Wir beide wussten, dass sie vor mir gehen würde“, sagt er, „und ich bin trotzdem in ein tiefes Loch gefallen.“ Er habe jetzt plötzlich so viel Freizeit. „Wir waren früher immer viel unterwegs, auch als sie schon krank war“, erläutert Jan, „ich werde bald wieder Richtung Süden abziehen“. Er möchte den Winter nicht allein in der „Düsternis“ verbringen.

Der „Trauerspaziergang“ in Jülich findet jeden letzten Mittwoch des Monats statt. Treffpunkt ist vor dem Dietrich-Bonhoeffer-Haus um 15.30 Uhr.