Jülich: Gerettet mit den Stammzellen der Schwester

Jülich: Gerettet mit den Stammzellen der Schwester

Wenn ein Mensch an Leukämie erkrankt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Geschwister ihn mit einer Stammzellenspende retten können, fast genau so hoch wie bei einem Sechser im Lotto. „Alexandra ist mein Sechser im Lotto“, sagt Diana Thomas (48) aus Linnich.

Alexandra Thomas (44) hat zwei Mal Stammzellen gespendet und ihre Schwester damit zwei Mal vor dem sicheren Tod bewahrt.

Im Herbst 2000 hatte Diana Thomas die Gewissheit, dass sie künftig einen Kampf auf Leben und Tod führen muss. Die Blutuntersuchung vor einer einfachen Operation am Fuß hatte ergeben, dass sie Leukämie hat, also Blutkrebs. Ihre Schwester hatte daraufhin ihr Blut untersuchen lassen, um etwas zu tun. Es sei höchst unwahrscheinlich, dass man einen Spender in der Verwandtschaft finden würde, sagte eine Ärztin in der Essener Uniklinik damals.

Bei Stammzellenspenden müssen selbst kleinste Gewebemerkmale übereinstimmen. Dass es sowas in der Familie gibt, komme eigentlich nicht vor. Bei den Thomas-Schwestern doch. Die Gewebemerkmale stimmten überein wie die von eineiigen Zwillingen. Für Diana Thomas bedeutete das die Chance auf Leben. Damals war die Datenbank der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) noch nicht so groß wie heute. Und auch heute wird nicht für jeden Kranken ein Lebensretter gefunden.

„Unsere Eltern waren früh gestorben, wir hatten schon als Kinder eine enge Beziehung. Für mich war sofort klar, dass ich das mache, als das Testergebnis da war“, sagt Alexandra Thomas. Für die Spenderin folgte eine schwierige Woche. Sie musste sich täglich mehrere Spritzen setzen, die eine Art Grippe provozieren, damit noch mehr Stammzellen produziert werden. Viele Spender werden nciht krank, andere sehr wohl, wie Alexandra Thomas. „Und wie“, sagt sie.

Für ihre Schwester begann der Kampf gegen den Tod am 20. Oktober 2000 zum ersten Mal. Das Immunsystem des Patienten wird bei Stammzellenspenden auf Null herunter gefahren, damit der Körper die neuen Zellen nicht abstößt. Ein kleiner Krankheitserreger im Zimmer kann den Tod bedeuten. Deswegen lag sie über Wochen in Quarantäne. „Das war eine schlimme Zeit. Ich habe mich von meiner Familie verabschiedet in der Hoffnung, dass ich sie wiedersehe.“

Dass das nicht selbstverständlich war, hat sie schnell gelernt. „Einige, die auch auf dieser Station gelegen haben, haben es nicht geschafft“, sagt sie. Die Stammzellen ihrer Schwester haben ungewöhnlich schnell angeschlagen. Schon drei Tage nach der Spende war das abzusehen. Drei Wochen später konnte die Linnicherin wieder nach Hause — ein Fortschritt, für den andere Patienten ein halbes Jahr lang kämpfen müssen.

Sieben Jahre gelten als Faustformel. Wenn die Leukämie sieben Jahre lang nicht zurückkehrt, dann gelten Patienten als geheilt. Bei Diana Thomas kam sie zurück. Sechs Jahre nach der Spende zeigte ihr Körper Abstoßreaktionen. Eine neue Spende war notwendig. Diesmal ohne lange Chemotherapie, Quarantäne und das Abtöten des Immunsystem vorher.

„Auf der sicheren Seite“

Deswegen konnte die Patientin die Spenderin sofort besuchen und erlebte so mit, dass ihre Schwester wegen der Spende wieder krank geworden war. „Dann siehst du, wie sehr deine Schwester für dich leidet“, spricht sie von einem prägenden Moment. Komplett gesund geworden ist die einstige Leukämie-Patientin nicht. Sie kann nicht mehr arbeiten, unter anderem wegen einer Diabetes-Erkrankung, einer der Folgen von damals.

Seit Jahren kämpft die einstige Kindergärtnerin dafür, dass ihre befristete Rente in eine reguläre Rente umgewandelt wird. Mit dem Thema Leukämie hat sie acht Jahre nach der zweiten Spende abgeschlossen. „Ich fühle mich heute auf der sicheren Seite“, sagt sie und lächelt dabei.

Diana Thomas weiß, dass sie ohne die Hilfe ihrer Schwester nicht mehr Leben würde. „Ich bin ihr dafür jeden Tag dankbar.“ Das hat sie ihr auch jeden Tag gesagt. „Das ging mir irgendwann auf den Wecker“, sagt Alexandra Thomas heute. Die Schwestern haben einen Weg gefunden, mit diesen Gefühlen umzugehen. Oder besser gesagt einen Tag. Jedes Jahr am 30. Oktober, dem Jahrestag der ersten Spende, feiern sie gemeinsam ihren neuen Geburtstag, ein Tag nur unter Schwestern. „Diese Geschichte hat uns noch enger zusammengeschweißt“, sagt Alexandra Thomas.

Und sie hat noch etwas geändert. Mediziner beobachten oft, dass Patienten einige Eigenschaften der Spender übernehmen. Im Fall der beiden Schwestern ist es das Selbstbewusstsein. „Diana ist heute viel selbstbewusster“, sagt Alexandra Thomas.