FZJ mit 1000 Gerhine-Studie: Fremdsprachen stärken das Gehirn

Forschungszentrum Jülich : Fremdsprachen stärken das Gehirn

Sollten wir alle mehr Fremdsprachen lernen? Jülicher Forscher untersuchen, wie sich das Erlernen einer Fremdsprache auf den Alterungsprozess im menschlichen Hirn auswirkt.

Mit dem Älterwerden des Gehirns ist das wie mit dem Abstieg auf einer Leiter: Wer so weit oben wie möglich beginnt, der kommt umso später unten an. Fremdsprachen sorgen dafür, dass der Mensch auf der Leiter ein paar Sprossen weiter nach oben klettert, bevor der Abstieg beginnt. Das ist die neueste Erkenntnis, die Jülicher Forscher aus der sogenannten 1000 Gehirne-Studie gewonnen haben.

Erlernte Fremdsprachen helfen dabei, die altersbedingte Abnahme der Hirnkapazität zu verlangsamen. „Es gibt viele Variablen, die einen Einfluss auf den Alterungsprozess im Gehirn haben“, sagt Svenja Caspers, Professorin am Institut für Neurowissenschaften und Medizin im Forschungszentrum Jülich (FZJ) und Leiterin der 1000 Gehirne-Studie. „Genetik beispielsweise, Umwelteinflüsse, Ernährung oder Lebenswandel. Sie können bewirken, dass ein 65-Jähriger bereits eingeschränkt ist, während ein 90-Jähriger noch topfit ist“, sagt die Gehirn-Forscherin, die auch Direktorin des Instituts für Anatomie I an der Uni Düsseldorf ist. Ist jemand Raucher, ernährt er sich gesund, betreibt er viel Sport, ist er negativen Umwelteinflüssen wie Feinstaub ausgesetzt? All diese Faktoren kommen auf den Prüfstand bei der 1000 Gehirne-Studie.

Im Moment untersuchen die FZJ-Forscher, wie sich Gehirn-Training auf die Denkzentrale auswirkt. Dabei geht es nicht um Dr. Kawashimas Gehirn-Joggin, sondern um alltägliche Dinge. In der jüngsten Veröffentlichung waren Sprachen der Schwerpunkt, demnächst geht es um Musikalität. „Den Mechanismus, mit dem das Erlernen von Sprachen das Gehirn stärkt, haben wir noch nicht verstanden“, sagt Stefan Heim, Professor für Psychologie, Prüfungsausschussvorsitzender der Logopädie-Studiengänge an der RWTH Aachen und Mitarbeiter am FZJ-Institut für Neurowissenschaften und Medizin. Aber alleine die fundierte Erkenntnis, dass Sprachen das Gehirn fit machen, ist neu. Bisher habe es widersprüchliche wissenschaftliche Ergebnisse gegeben. „Es gab lediglich Studien, die auf der Untersuchung von vielleicht 30 Probanden bestanden haben“, erklärt Heim, dass das Fundament bis dato zu klein gewesen sei. Und nicht repräsentativ, da die Studienteilnehmer oftmals jüngere Menschen gewesen seien, beispielsweise Studierende.

1300 Menschen untersucht

Die 1000 Gehirne-Studie ist anders. Das FZJ-Team hat von 2011 bis 2018 insgesamt 1300 Menschen untersucht und deren Gehirnfunktion mit Magnetresonanztomographie erfasst. Zudem haben die Forscher sie ausführlich zu ihren Gewohnheiten und Fähigkeiten befragt. Die Teilnehmer stammen überwiegend aus dem Ruhrgebiet, hatten dort zuvor an der Heinz Nixdorf Recall Studie zu Herz-Kreislauferkranungen teilgenommen und sich bereiterklärt, auch ihr Gehirn auf den Prüfstand stellen zu lassen. Die Altersspanne reicht von 25 bis 85 Jahren, wobei die Mehrzahl älter als 55 Jahre ist.

Die Gehirnforscher um Caspers und Heim haben Unterschiede festgestellt zwischen Probanden, die in der Schule oder später wenigstens eine Fremdsprache gelernt haben, und solchen, die das nicht getan haben. Bei den Probanden mit Fremdsprache sei der Schläfenlappen – eines von zwei im Gehirn für Sprache zuständigen Arealen – im übertragenen Sinn besser trainiert. „In jungen Jahren sind bestimmte Funktionen recht deutlich bestimmten Arealen zugeordnet“, erklärt Heim. „Mit dem Altern werden die Funktionen auf mehrere Areale verteilt.“

Stefan Heim (l.) und Svenja Caspers gehören dem Team an, das die Testergebnisse ausgewertet hat. Alle Testpersonen wurden unter anderem mit dem Magnetresonanztomograph (im Hintergrund) untersucht. Foto: Guido Jansen

So werde ein Teil des Sprachverständnisses mit dem Alter vom Schläfenlappen in den Stirnlappen umverlagert. In dem befindet sich unter anderem auch ein Sprachzentrum, das aber zunächst für die Motorik wie das Bewegen der Lippen zuständig ist. Bei Menschen mit erlernten Fremdsprachen geschehe dieser Prozess, dass Teile der Sprachkompetenzen im Schläfenlappen verloren gehen und im Stirnlappen kompensiert werden, langsamer und später, wie andere Studien schon früher gezeigt haben. Das führe dazu, dass der Stirnlappen weniger schnell überlastet sei. „Man beobachtet bei älteren Menschen häufiger, dass sie Probleme bekommen, wenn sie gleichzeitig gehen und sich dabei unterhalten wollen. Sie bleiben dann stehen“, nennt Heim ein Beispiel.

Auch die Motorik des Gehens werde teilweise im Stirnlappen gesteuert. Je mehr Bereiche ihre Funktion verlieren, desto schneller ist – in Computersprache ausgedrückt – der Arbeitsspeicher des Stirnlappens ausgelastet. Indem der Stirnlappen mehr Kontrolle übernimmt, soll der Abbau in anderen Bereichen kompensiert werden. Ein mit Fremdsprachen trainierter Schläfenlappen kann also unter anderem dafür sorgen, dass der Stirnlappen nicht so viel Verantwortung übernehmen muss.

Der Effekt, den Fremdsprachen haben, ist nicht groß. Schließlich ist der Stirnlappen nicht nur ein Sprachzentrum, sondern auch für das Gedächtnis und das Erkennen von optischen und akustischen Reizen verantwortlich. Trotzdem belegt die 1000 Gehirne-Studie einen Zusammenhang zwischen Fremdsprachen und einem weniger belasteten Stirnlappen.

Keine Garantie für langes Leben

„Aber das ist natürlich keine Garantie für ein längeres Leben, sondern ein Faktor von vielen“, erklärt Caspers. Die 1000 Gehirne-Studie wird die FZJ-Forscher noch viele Jahre beschäftigen. Als nächstes steht dann Musik auf dem Plan. Auch die könnte den Menschen auf der Leiter des Älterwerdens ein Stück weiter nach oben bringen.

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