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Weltfrauentag in Jülich: Fünf Frauen aus fünf Nationen

Weltfrauentag in Jülich : Fünf Frauen aus fünf Nationen

Fünf Frauen aus fünf Nationen sprechen über ihre Rollen und Chancen in der heutigen Gesellschaft.

Al Ghusam Sibba aus Linnich möchte an den langen Fluchtweg aus dem vom Bürgerkrieg erschütterten Syrien nicht erinnert werden. Vor anderthalb Jahren kam die Hausfrau und Mutter mit ihrer Familie in Deutschland an. Sie lernt die deutsche Sprache im „Dürener Integrationszentrum für Arbeit, Ausbildung und Qualifizierung“.

„Unter den arabischen Ländern kann man Syrien zumindest auf der politischen Ebene als Vorreiter in Fragen der Frauenrechte bezeichnen. Seit 1949 können Frauen wählen, seit 1963 ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau offiziell festgeschrieben. Die ersten Ärztinnen im arabischen Raum wurden an den syrischen Universitäten ausgebildet. Auch ich wollte Medizin studieren, doch meine Familie konnte mich auf dem langen Bildungsweg finanziell nicht unterstützen. Ausgenommen die allgemeine Schulpflicht  sind die weiterführenden Schulen in der Regel kostenpflichtig. Dennoch gibt es in Syrien viele berufstätige Frauen und der Frauenanteil an den Universitäten ist hoch. Eine verheiratete Frau und Mutter kann ihrem Beruf nachgehen, doch für die Hausarbeit und Kindererziehung ist sie allein verantwortlich.“

Dr. Mirjana Stein-Arsic aus Serbien. Physikerin, freischaffende Künstlerin. Foto: Marzena Vomberg

Dr. Mirjana Stein-Arsic aus Jülich studierte Technische Physik in Serbien. An der RWTH Aachen promovierte sie in Festkörper-Physik. Ihr Berufsfeld: Wissenschaftliche Mitarbeit im Forschungszentrum Jülich und am Institut für Kristallographie der RWTH Aachen. Außerdem ist sie freischaffende Künstlerin und Mitglied im Kunstverein Jülich.

„Im ehemaligen Jugoslawien standen den Frauen meiner Generation sämtliche Bildungswege offen. In dieser Hinsicht gab es in allen Ost-Block-Staaten keine Unterschiede zwischen Frau und Mann. Weil die Kinderbetreuung staatlich gewährleistet und die gesellschaftliche Zustimmung selbstverständlich war, konnten die Frauen lange Erziehungspausen vermeiden. Das ist bis heute in Serbien der Fall. In Jülich musste ich nach der Geburt meines ersten Sohnes als Naturwissenschaftlerin beruflich pausieren, weil es keine Kitas gab. Auch heute ist es nicht  immer einfach für die Frau ihren natürlichen Wunsch nach einer Familie mit jenem nach beruflicher Erfüllung zu vereinbaren. Dieser inneren Zerrissenheit können nur gegenseitige Unterstützung, Respekt und Freiräume für die Belange aller Familienmitglieder entgegenwirken.“

Kirsten Müller-Lehnen aus Deutschland. Frühere Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Vorsitzende des Kunstvereins. Foto: Marzena Vomberg

Kirsten Müller-Lehnen aus Jülich ist Innenarchitektin, Soziologin und Mitbegründerin des Frauenmuseums Bonn. Ihr Berufsfeld: Empirische Sozialforschung und Frauenpolitik. Sie war die erste Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Jülich. Seit 2003 ist sie ausschließlich als freischaffende, multidisziplinäre Künstlerin tätig und Vorsitzende des Kunstvereins Jülich.

„Die neue Frauenbewegung der 70er-Jahre erlebte ich in Berlin. Damals waren Frauen als  gesellschaftliche Gruppe auf dem Weg zur Selbstfindung. Sie erkämpften sich ihre Rechte bei zuständigen Institutionen und vollzogen den langen Befreiungsprozess. In Deutschland war es gleichzeitig  eine Auseinandersetzung mit der Generation der Eltern und Großeltern. Diese kannte und lebte die „Blut-und-Boden-Ideologie“ und das „Frauen-an-den-Herd-Prinzip“. In anderen europäischen Ländern hatten die Mädchen die Bürde des Nationalsozialismus nicht zu tragen. Heute haben die Geschlechter die gleichen Rechte und, wenn auch die gleiche Bezahlung immer noch zu erkämpfen ist, den gleichen Zugang zu Berufen. Die Männer sind nicht mehr die alleinigen Ernährer der Familie.“

Sjöfn Müller Thór aus Island. Lehrerin, Krimiautorin, Kleinunternehmerin. Foto: Marzena Vomberg

Sjöfn Müller Thór aus Inden studierte Theologie an der Universität Island in Reykjavik. Danach nahm sie ein Lehramtsstudium an der Universität Akureyri auf. Sie ist Pfarrerin der Isländischen Gemeinde in Luxemburg, Lehrerin, Krimiautorin und Kleinunternehmerin.

„In Island wird die Familie relativ früh, oft während des Studiums, gegründet. Danach ist die Frau voll berufstätig. Das ermöglicht vor allem das isländische Schulsystem. Aus wirtschaftlichen Gründen sind meist beide Elternteile berufstätig. Es wird mit Verwunderung angesehen, wenn eine Frau das nicht ist. Als alleinerziehende Mutter  konnte ich in Island meiner Vollzeitstelle als Pfarrerin ohne größere Hürden nachgehen. In Deutschland erledige ich meine beruflichen Aktivitäten von zu Hause aus oder nur in Teilzeit. Das deutsche Bildungssystem fordert meist eine intensive Kinderbetreuung nach der Schule. Meine Entscheidung, sich vor allem dieser ehrenvollen Aufgabe zu widmen, war also nicht ganz freiwillig. Ich bin  Feministin und manches ärgert mich. Zu viele Rollen sind viel zu stark festgelegt. Wenn mein Mann Fenster putzt und Einkäufe erledigt, bleiben ironischen Kommentare anderer Männer nicht aus. Warum?“

Rui Yun aus China. Biomedizin-Studentin an der FH Aachen, Campus Jülich. Foto: Marzena Vomberg

Rui Yun aus Jülich kommt ursprünglich aus China. Mit 16 Jahren absolvierte sie einen Gastfamilienaufenthalt in Deutschland im Rahmen des Austauschprogramms „Youth for Understanding“. Ihr Abitur machte sie in ihrer Heimatstadt Changzhou. Jetzt studiert sie Biomedizin an der Fachhochschule  Aachen, Campus Jülich.

„Seit der Gründung der Volksrepublik China 1949 ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Verfassung festgelegt. Doch es gibt große Unterschiede. Während Frauen in den Metropolen einen uneingeschränkten Bildungszugang haben, müssen Frauen in einigen ländlichen Provinzen beim Neujahrsfest von den Männern getrennt sitzen. In den Familien wird die Tradition des Patriarchats je nach Generation und finanziellem Status mehr oder weniger fortgeführt. Viele Chinesinnen sind wie ihre Partner berufstätig, doch Hausarbeit und Kindererziehung sind allein ihre Aufgabe. Häusliche Gewalt ist „Familiensache“. Heute fordern Frauen immer lauter Gleichberechtigung auf gesellschaftlicher  Ebene, Schutz vor häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch. Dabei spielen das soziale Netzwerk Sina Weibo und die starke chinesische #MeToo-Bewegung eine große Rolle.“