Niederzier/Jülich: Führung zeigt Einblicke in die Rekultivierung rund um den Tagebau Hambach

Niederzier/Jülich: Führung zeigt Einblicke in die Rekultivierung rund um den Tagebau Hambach

„Wir haben in den letzten 50 Jahren gelernt. Im jetzigen Lernstadium geht es ums Feintuning, immer weiter in Richtung Naturschutz“. Das sagte Elmar Kampkötter, Revierförster des Bergbautreibenden RWE für die Bereiche der Tagebaue Inden und Hambach.

Er führte eine 21-köpfige „Abo-Plus“-Lesergruppe unserer Zeitung in einem Tagebaubus durch die Anlage des Tagebaus Hambach, der eine „sehr hohe Effizienz und Effektivität hat“. Von dort ging es quer über die 1600 Hektar große Sophienhöhe, die „immer weitläufiger wird“. Der Förster ist „auf eine gute Zusammenarbeit mit RWE angewiesen, denn ohne vernünftiges Bodensubstrat ist keine vernünftige Rekultivierung möglich“.

Der erfrischende Gang durch den Mammutwald: „Die Braunkohle hier ist zum größten Teil aus Mammutbäumen entstanden“. Foto: Jagodzinska

Hier kommt der Forstkies ins Spiel, den der Schaufelradbaggerfahrer im obersten Schnitt der Tagebaue dort gewinnt, wo entsprechende Löß- und Kiesverhältnisse vorliegen, ohne dass es eines Mischungsvorgangs bedarf. Der Forstkies, der im Rahmen der Qualitätssicherung regelmäßig untersucht wird, bildet aufgrund seiner physikalischen und chemischen Eigenschaft die Voraussetzung für die Entwicklung zu einem standortgerechten Waldboden.

Revierförster Elmar Kampkötter präsentiert fossile Holzstücke am „Höller Horn“. Foto: Jagodzinska

„1600 Hektar Wald haben wir rekultiviert. Zum Ende des Tagebaus Mitte des Jahrhunderts werden wir 3800 Hektar rekultiviert haben“, blickte Kampkötter in die Zukunft. Sinn der Maßnahme sei neben der Holzproduktion die Erholungsfunktion und der Schutz von Natur, Boden und Wasser. So seien durch Standortvielfalt, gleichbedeutend mit Artenvielfalt, etliche „Rote-Listen-Arten“ auf die Sophienhöhe gebracht worden. Beispiele aus der Fauna sind der Uhu, die nachtaktive Haselmaus, die in den rund 1000 hölzernen Kurbelkästen maximale Sicherheit findet, oder der Wanderfalter „Goldene Acht“. Die Teilnehmer starteten ihre Tour „an der Schnittstelle zwischen Düren und Jülich“, wie unser Redakteur Volker Uerlings es ausdrückte, der die Gäste begrüßte.

Der gelbe Tagebaubus passierte den neuralgischen Punkt zwischen Innen- und Außenkippe und somit einen Vegetationszeitstrahl von rund 30 Jahren durch Wald, Wiesen, Freiflächen, Landmarken mit Wiedererkennungswert, Seen und Extrembiotope, die für die Biodiversität wichtig sind. Dabei vermittelte Kampkötter „unheimlich viele Informationen“, wie die Leser begeistert bemerkten. So handelt es sich bei den toten Baumstämmen auf der Strecke, die wie Marterpfähle in den Himmel ragen, um die Stämme alter Bäume aus der Vorfeldrodung, die als „halbnatürliche Höhlen“ auf Totholz angewiesenen Spechten und Insekten Lebensraum bieten.

Gang durch den „Mammutwald“

Besonders interessant waren natürlich die Haltepunkte: Der Aufenthalt am „Inselsee“ mit seiner großen Graureiherpopulation oder der erfrischende Gang durch den „Mammutwald“, verbunden mit dem Befühlen der weichen Rinde des Küstenmammutbaums oder dem Riechen an den Blättern der Küstentanne, die nach Orange und Zitrone dufteten. Wichtige Information: „Die Braunkohle hier ist zum größten Teil aus Mammutbäumen entstanden.“ Eine weitere Station war das „Höller Horn“, ein Holzturm mit Wetterfahne, der in einer dünenartigen Landschaft steht.

Der rund 17 Hektar große Bereich ist das älteste Beispiel eines Extrembiotops auf der Abraumhalde. Es blieb bis auf die gezielte Verkippung mit „tertiärem“ Sand, tonigem Material und Kies naturbelassen. Hier suchte Kampkötter aus dem Sand 500 bis 600 Jahre alte „fossile Holzstücke“ und Eisenoxid, aus dem „unsere Vorfahren Metalle gemacht haben“. Als besonders spannend erwies sich die Besichtigung der noch nicht für die Öffentlichkeit zugänglichen „Goldenen Aue“ südlich des Wetterradars, die nach der bedrohten krautigen Pflanze „Klapptertopf“ benannt ist. „Das ist der Anfang einer großen Wiesenfläche, die den Wald auf einer Fläche von 50 Hektar durchzieht. Eine wasserspeichernde Lehmschicht wird eingebaut“, erklärte Kampkötter. Ein riesiger Steinhaufen in der Zone fällt in den Blick, der etwa „Eidechsen und Molchen Lebensraum bietet, die wir aus dem Tagebauvorfeld abfangen“.

Erwähnenswert sind unzählige Informationen aus der Flora und Fauna. Etwa die, dass der Ginster „Katastrophenpflanze“ genannt wird, weil er als Erstbesiedler nach Katastrophen, in diesem Fall dem Tagebau, „sofort den Boden abdeckt und für Schatten sorgt“. Das Gegenteil einer Katastrophe ist die gute Arbeit im Sinne der Biodiversität, die der Bergbautreibende in enger Zusammenarbeit mit Experten heute in der Rekultivierung der Sophienhöhe betreibt. Kräftiger Applaus für den Förster und Fragen wie: „Kann man solche Touren auch privat buchen“ bekräftigten den Erfolg der Befahrung.

(ptj)