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Jülich: Faust in moderner Fassung beim Theaterfestival des Gymnasiums Zitadelle

Jülich : Faust in moderner Fassung beim Theaterfestival des Gymnasiums Zitadelle

Goethes „Faust“, der an einer Schule des 21. Jahrhunderts statt in der gotischen Studierstube des Gelehrten Doktor Faustus spielt, erlebt man nicht allzu oft. In der zweiten von drei Bühnenvorstellungen des jüngsten Theaterfestivals in der Jülicher Stadthalle präsentierte der Literaturkurs des Gymnasiums Zitadelle die moderne Klassiker-Adaption „Alles oder nichts“.

Unter der Leitung von Pia Pflugfelder wurde diese Fassung von 34 äußerst kreativen Köpfen noch einen Schritt weiter ihren eigenen Vorstellungen von der bedeutendsten Tragödie der deutschen Literatur angepasst. Schon bei der einfallsreichen Plakatgestaltung von Nada Frettlöh wurde dem Jugendstück ein individuelles Zeichen mit einem neuen Titel „Faust — teuflisch neu aufgeverführt“ verpasst. Auf Wunsch und zur großen Freude der Schülerschaft wirkte bei Regie und Textarbeit der pensionierte und weithin beliebte Pädagoge Pedro Obiera mit. So spielt er im Prolog mit selbstgedichteten Worten den an der menschlichen Erkenntnisgabe zweifelnden Faust.

Mit Augenzwinkern und einer wahrlich faustischen Verzweiflung sprach er seine pädagogische Erfahrung aus: „Heiße Magister, heiße Doktor gar und führe seit an die 40 Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum und sehe, dass wir nichts wissen können“. Doch die Schüler überraschten ihren „Meister“ und das Publikum mit einer energiegeladenen, spritzigen Theatervorstellung, die alle Aspekte der Tragödie zwar fantasievoll, jedoch mit großem Respekt für das Werk interpretierte.

In die Jugendsprache übersetzt

Vertretend für die ganze Schülergruppe sprachen Eva-Marie Göbbels (Doppelbesetzung mit Ilayda Demirtas als Christina) und Marcel Töws (Joe) vom großen Engagement für die Idee einer modernen Umsetzung des im Schulprogramm obligatorischen Klassikers. „Die Grundgeschichte kannten wir schon vom Unterricht. Diese in unsere reale Welt und mit der Jugendsprache umzusetzen, machte Riesenspaß“, sagte Eva-Marie Göbbels.

„Durch die Sprache, die wir alle kennen, konnten wir unsere Figuren besser interpretieren und auch manchmal im Text improvisieren. So gab es weniger auswendig zu lernen“, erklärte Marcel Töws mit verschmitztem Lächeln. Trotz dieser kleinen Erleichterung dauerten die Vorbereitungen rund sieben Monate. In der heißesten Phase vor der Prämiere opferten die jungen Darsteller gar die Pfingstferien, um in privaten Treffen „ihrem Stück“ den letzten Schliff zu verleihen. „Der Worte sind genug gewechselt, lass mich auch endlich Taten sehen“

So entstand eine klassische Theatervorstellung über die menschlichen Schwächen und Stärken, die sündhaften Versuchungen eines leichten Lebensweges und der Bedeutung des Glaubens und der Liebe. Es war eine Darbietung von Goethes Suche nach dem Sinn des Lebens, brillant in ein Klassenzimmer der Gegenwart katapultiert.

Von der berühmten Wette an, in der die Mächte von Gut und Böse um die menschliche Seele ringen, bis hin zu den finalen Fragen „Was jetzt?“ und „Wer soll der nächste sein?“, überzeugten sowohl die Hauptfiguren als auch die Nebendarsteller mit einer charmanten, oft selbstironischen und gesellschaftsrelevanten Interpretation der Protagonisten. Lioba Horn als Teufelin „Femphisto“ und ihr männliches Pendant Mephisto, verkörpert von Christopher Jansen, lieferten eine personifizierte Versuchung für sämtliche menschliche Sehnsüchte ab.

Zwei Seelen als Wetteinsatz

Die Hauptprotagonisten Christina (Ilayda Demirtas/Eva-Marie Göbbels), Beni (Lukas Reinert), und Joe (Marcel Töws), deren Seelen der Wetteinsatz waren, glänzten mit ihrem authentischen Schauspiel. Überzeugten sie zunächst als komplexbehaftete Außenseiter, so entfachten sie nach Erhalt der teuflischen Kräfte die Missgunst der Zuschauer als skrupellose Manipulatoren ihrer Mitmenschen.

Marie-Claire Penser und Olivia Dreßen schienen die Rollen der verführerischen Hexen Rabia und Fungia wie auf den Leib geschnitten. Noemi Göbbels, Sandra Glasenapp, Hena Imamovic, Chiara Küppers und Leoni Engels boten die oberflächigste und naivste aller schulischen Tussi-Cliquen an. Mit viel Wärme und einer gehörigen Portion Humor sorgte Jule Mürkens alias Joes Oma für spontane Lacher im Publikum.

Ihnen und all den vielen weiteren Nebendarstellern, die mit größter Sorgfalt und eine Hingabe für Details ihre Rollen spielten, dem einfallsreichen Bühnenbild sowie dem gelungenen Einsatz der Ton- und Lichttechnik verdankte das Publikum einen unvergesslichen Gothe-Abend mit einem so noch nie erlebtem „Faust I“.

Der lang anhaltende Applaus war eine angemessene Auszeichnung an die Schüler, die ihr Abenteuer mit dem Klassiker der Weltliteratur als „atemberaubend“ bezeichneten.