Jülich: Erdbeben: Das Forschungszentrum hat einen unruhigen Puls

Jülich : Erdbeben: Das Forschungszentrum hat einen unruhigen Puls

Das Rheinland ist ein Erdbebengebiet. „Italien und Afrika sind Schuld“, sagt Burkhard Heuel-Fabianek, Geologe und Leiter des Bereichs Sicherheit und Strahlenschutz am Forschungszentrum Jülich (FZJ). Das mit Afrika, Europa und dem Rheinland ist eine Jahrmillionen alte Wahrheit.

Der afrikanische Kontinent driftet auf den europäischen zu. Und im Rheinland ist eine der Knautschzonen, die infolge der Kollision verformt wird. „Die Eifel wächst seit Millionen von Jahren in die Höhe, während alles nördlich absinkt“, beschreibt Heuel-Fabianek. Deswegen ist das Rheinland ein Erdbebengebiet. Und deswegen beobachtet das Forschungszentrum, was die Erde macht.

Das Erdbeben von Mexiko in den Aufzeichnungen der Seismometer an Burg Eltz (oben), im FZJ (Mitte) und an der Steinbachtalsperre (unten).

Früher noch viel mehr, als das FZJ noch eine Kernforschungsanlage (KFA) war. Da schrieben die Behörden vor, dass zwei Seismometer den Boden überwachen und die Versuchsreaktoren automatisch abschalten, sobald das Beben eine bedenkliche Stärke erreicht. „Das ist aber nie passiert“, sagt Heuel-Fabianek. Heute ist noch ein Seismometer in Betrieb, das die Erderschütterungen registriert.

Das ist alles: Burkhard Heuel-Fabianek zeigt den Seismometer, die kleine blaue Kiste auf dem Boden.

„Das ist ein behördliches Überbleibsel aus der Zeit der KFA. Wir haben schließlich noch radioaktives Material auf dem Gelände“, spricht er die Castoren an. Gearbeitet wird mit dem strahlenden Material bekanntlich lange nicht mehr. Trotzdem bleibt das Seismometer. Vorsichtsmaßnahme.

Beschichtung für 600.000 Euro

Genau wie der 124 Meter hohe Wetterturm. Früher war er dazu da, Windrichtungen festzustellen für den Störfall, um zu wissen, wohin eine mögliche nukleare Abluftfahne wehen würde. Auch dafür gibt es keine Notwendigkeit mehr, die Wetterstation wird aber weiter betrieben.

Ihre Seite ist die bestbesuchte im Internetangebot des FZJ. Und einige Institute, beispielsweise die Klimaforscher oder das Institut für Bio- und Geowissenschaften, nutzen die Wetterdaten. Deswegen wird der Wetterturm im neuen Jahr neu beschichtet. 600.000 Euro kostet es, die alte Schicht ab- und die neue aufzutragen. Bis zu eineinhalb Jahren können die Arbeiten dauern.

Wesentlich weniger pflegeintensiv ist die Erdbebenmessstation. Sie ist untergebracht in einer mannshohen Metallhütte im Schatten des Wetterturms, die Kerneinheit, das Seismometer, ist so groß wie ein kleiner Schuhkarton. Das FZJ ist Betreiber, genutzt wird sie aber meistens von der Uni Köln, die auch die Erdbebenmessstation in Bensberg betreibt. „Für Köln ist es interessant, ein Seismometer so nah am Tagebau zu betreiben“, sagt Heuel-Fabianek.

Eigentlich sei das Jülicher Land weich gelagert. Die Gesteinsformationen, die in der Eifel zu einem Gebirge geworden sind, sind hier abgesunken auf rund 800 Meter Tiefe. Darüber befinden sich Schichten von Braunkohle, Sanden oder Schluff. Deswegen verzeichnet die Station im FZJ große Erdbeben wie das in Mexiko im September weniger stark als beispielsweise die Stationen auf Burg Eltz oder an der Steinbachtalsperre (Kreis Euskirchen), die beide auf Felsformationen gelagert sind.

Es gibt noch einen Unterschied: Und zwar die große Unruhe im Erdreich in Jülich. Die vielen Bauaktivitäten im FZJ verursachen Ausschläge, genau wie die Tagebaubagger. „Die Braunkohlebagger sorgen für eine Art Grundrauschen. Man muss als Experte schon genau hinschauen, um das starke Beben in Mexiko zu erkennen. Für Burg Eltz und die Steinbachtalsperre ist das viel einfacher.“ Das FZJ hat also einen unruhigen Ruhepuls.

Der wird auch gemessen, um die Ergebnisse der hochempfindlichen Geräte zu verstehen. Beispielsweise bei Pico, dem Mikroskop mit dem höchsten Vergrößerungsfaktor der Welt. Das steht zwar auf einem massiven, hydraulisch gelagerten Betonfundament, das Erschütterungen abfängt. Aber es ist so empfindlich, dass kleine Bewegungen trotzdem stören. Wenn Pico unscharfe Ergebnisse liefert, weil die Erde unmerklich für den Menschen gebebt hat, dann wissen die Forscher dank des Seismometers, dass Pico nicht defekt ist, sondern Afrika Schuld hat.

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