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Das vermeintliche Opfer schweigt vor Gericht

Eltern sollen Tochter mehrfach malträtiert haben

Vor dem Landgericht Aachen wird der Fall eines Elternpaars aus Jülich verhandelt, dass seine Tochter gefoltert haben soll. FOTO: dpa / Marius Becker

Aachen/Jülich Eltern einer 14-jährigen Tochter sollen das Mädchen mehrfach malträtiert haben. Die Vernehmung der Schülerin war schnell vorbei, denn sie verweigerte vor der 5. Großen Strafkammer am Aachener Landgericht die Aussage.

Der Auftritt der 14-jährigen Schülerin vor der 5. Großen Strafkammer am Aachener Landgericht, vor der ihre Eltern wegen wiederholter Züchtigung einer Minderjährigen und Schutzbefohlenen, eben ihrer Tochter, seit vergangener Woche angeklagt sind, war kurz, er dauerte nur etwas mehr als fünf Minuten. Das Mädchen verweigerte die Aussage. Die Vernehmung der Schülerin fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, ein Verfahren, das immer üblicher vor den Gerichten wird und das regelmäßig Fragen offenlässt. Das Mädchen, das nach dem Wortlaut der Anklage unter folterähnlichen Umständen von beiden Elternteilen, das sind Vater Mamdou Abdal B. (59) und seine Ehefrau Noha Ali Kilany F. (50), vor allem an einem Tag im Januar 2019, gequält wurde, mochte vor Gericht nichts mehr sagen.

Nur so viel sickerte durch, dass sie bislang nicht ganz die Wahrheit bekundet habe. Wie auch immer das zu werten ist, es wird die erfahrene Kammer unter Vorsitz von Richterin Regina Böhme bei der Urteilsfindung zu beschäftigen haben. Die Anklage jedenfalls wirft beiden Elternteilen vor, in verschiedener „Besetzung“ und zu verschiedenen Gelegenheiten die älteste Tochter mit der Hand, der Faust, einem Gartenschlauch mit Eisenaufsatz und – kaum fassbar – mittels Stromstößen aus der Steckdose gezüchtigt zu haben. Der Grund waren zum Teil schlechte schulische Leistungen, aber auch reine Renitenz gegenüber den Anordnungen der Eltern.

Am Montag nun bestätigte die wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung angeklagte Mutter in einem von ihrem Strafverteidiger Torben Petry vorgetragenen Teilgeständnis, sie sei am 16. Januar 2019 so erbost über das Verhalten ihrer Tochter gewesen, dass sie sie geschlagen und auch mit einem Gartenschlauch bearbeitet habe. Das tue ihr heute leid, zu den weiteren Vorwürfen gab es keine weitere Stellungnahme. Nachfragen waren nicht zugelassen. Der vom Eschweiler Rechtsanwalt Christian Franz verteidigte Vater gab zu Protokoll: „Wir verteidigen uns weiter schweigend.“ Dem Beschuldigten droht vermutlich eine höhere Strafe als seiner Frau, da ihm die Folterszene mit einem an die Zehen der Tochter angeschlossenen Stromkabel und der zweimaligen Gabe von Stromstößen vorgeworfen wird.

Damit steht für die Kammer nun eine umfangreiche zeugenschaftliche Beweisaufnahme ins Haus, die bereits am Montag startete und am dritten Verhandlungstag fortgeführt wird. Zunächst verlas die Kammervorsitzende einen Arztbrief aus dem Dürener Krankenhaus, worin dem Tatopfer durchaus ernsthafte und schwerwiegende Hautunterblutungen am Körper sowie an Armen und Beinen bestätigt wurden. Allerdings: Für Strommarken an den Füßen hätten sich keine Anhaltspunkte gefunden, hieß es dort.

Einer der wichtigsten Zeugen dürfte der für den Fall anfangs zuständige Ermittlungsrichter sein. Denn nachdem die Minderjährige vom Jugendamt aus der Familie genommen worden war, musste sie vor diesem Richter aussagen, unmittelbar nach den Geschehnissen vom Januar 2019. Danach sei sie, berichtete der Richter, als Zeugin vor der Kammer von ihm ausführlich belehrt worden – auch darüber, dass ihre Aussagen später vor Gericht verwandt werden können. Die damals noch minderjährige Zeugin sei „sehr aufmerksam und völlig bei der Sache gewesen“, bekundete der Jurist. Sie habe sich in der Vernehmung bereits „erstaunlich erwachsen“ gezeigt.

Damals habe sie genau beschrieben, wie sie an jenem 16. Januar, einem Mittwoch, nach Hause kam und von einer wütenden Mutter empfangen wurde. Hintergrund waren wohl in der Schule angesiedelte Probleme, da sie zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt wurde und das mit einem Schulkameraden via Handy klären wollte. Leider blieb dafür nur das Gerät der Mutter, was die 14-Jährige heimlich nutzte. Jene bemerkte den Chat und verlangte Aufklärung, das oftmals anscheinend aufsässige Mädchen war aber wie meistens nicht zu Auskünften bereit. Hieraus habe sich die Situation am 16. Januar ergeben, sagte der Zeuge. In der Folge gab es Schläge mit dem Schlauch und auch das Anschließen der Zehen des Mädchens mittels eines dafür vom Vater in der Küche präparierten Stromkabels habe sie damals beschrieben. Am heutigen Dienstag wird das Verfahren im Landgericht Aachen, Raum A 1.002, ab 9 Uhr fortgesetzt.

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