Stadt über zwei Jahrhunderte geprägt: Eine Familie mit Jülich in der DNA

Stadt über zwei Jahrhunderte geprägt : Eine Familie mit Jülich in der DNA

Als Wilhelm Joseph Fischer 1821 sozusagen als Migrant von Stolberg nach Jülich kam, um als Lehrer zu arbeiten, wird er nicht im Kopf gehabt haben, dass er den Grundstein legte zur Gründung einer Familie, die die Geschicke der Stadt mitgeprägt hat wie nur wenige andere.

Lange überlegen muss Wolfgang Hommel nicht, wenn er gefragt wird, mit welchem Menschen er sich gerne einmal unterhalten würde. Der Mann, der der Letzte in der langen Reihe der Jülicher Verleger-Familie Fischer sein wird, hätte gerne die Chance, mit seinem Großvater zu sprechen, Adolf Fischer, geboren 1874, gestorben 1937, 20 Jahre vor Hommels Geburt. „Er ist sicher nicht immer mit dem Strom geschwommen“, sagt Hommel über seinen Großvater, den vielleicht einflussreichsten Vertreter einer Familie, die die jüngere Geschichte der Stadt so geprägt hat wie kaum eine andere. „Die Verbundenheit zur Stadt Jülich ist quasi in der DNA der Familie Fischer angelegt“, sagt der Historiker Guido von Büren über die Fischers.

Von 1903 bis 1937 leitete Adolf Fischer den Jos. Fischer Verlag und damit das Jülicher Kreisblatt, den Vorgänger der Jülicher Zeitung. „Man muss bedenken, dass das zu einem großen Teil Zeiten waren, in denen zensiert wurde und die Haltung des Verlags problematisch war“, sagt Hommel. Die Haltung war tief im rheinischen Katholizismus verankert, politisch war das die Zentrums-Partei, die CDU-Vorgängerin. 1914 begann der Erste Weltkrieg, anschließend trafen bis 1929 die belgisch-französischen Besatzer alle großen Entscheidungen. 1933 war der Beginn der Schreckensherrschaft der Nazis. „Sie haben ihn im März 1933 direkt aus dem Amt des Beigeordneten der Stadt Jülich geworfen“, berichtet Hommel.

Worüber Hommel mit seinem Großvater reden wollen würde? Beispielsweise über den Konflikt von wirtschaftlichen Zielen und idealistischen Ideen. „Ich frage mich, was aus der Familie und der Firma geworden wäre, wenn alle immer nur das Finanzielle im Auge gehabt hätten“, sagt Hommel. Seine Vorfahren hätten sich für ihre Heimatstadt engagiert, statt die volle Arbeitszeit für den eigenen Erfolg einzusetzen. Von sich selbst sagt Hommel das nicht.

Einer wichtigsten Jülicher Persönlichkeiten Anfang des 20. Jahrhunderts: Adolf Fischer. Foto: Guido Jansen

Er könnte es aber, beispielsweise, weil er sich wie seine Vorgänger für den Brückenkopf-Park eingesetzt hat. Er war Gründungsvorsitzender des Vereins Stadtmarketing und zehn Jahre Vorsitzender der Werbegemeinschaft.

Sein Großvater hatte sich oft in einer Zwickmühle befunden, vor allem wegen des Kreisblattes. Eine im politischen Katholizismus verankerte Zeitung war in Zeiten rutschender Systeme möglicherweise ein stabilisierender Faktor, den Herrschenden aber sicher ein Dorn im Auge. Ein Kaiserreich, das wegen seiner chauvinistischen Politik ein maßgeblicher Faktor für den Ausbruch des 1. Weltkriegs war, dann der Krieg, dann die schwache Weimarer Republik mit einem von den Siegermächten besetzten Rheinland und schließlich der Nationalsozialismus bildeten – die Zeiten waren instabil.

Und schwierig für eine Zeitung mit fester Grundhaltung. Adolf Fischer hielt an ihr fest, indem er sich 1921 ein zweites Standbein schaffte, die sogenannten Rur-Blumen, ein unpolitisches Wochenblatt, das auf Heimatromantik setzte. „Da wird eine Wind- und Kaffeemühlen-Nostalgie betrieben“, beschreibt von Büren. Eine kritische Zeitung und eine, die kaum politische Angriffsfläche bot – so die Taktik.

Aus dem in den Rur-Blumen vorgelebten Hang zur Nostalgie entstand etwas Neues, 1923 gehörte Adolf Fischer zu den Mitbegründern des Jülicher Geschichtsvereins und zu den Fürsprechern, die dafür sorgten, dass es möglich wurde, den Hexenturm als Museum zu betreiben.

Ein prägendes Gesicht der Jülicher Familie: Kardinal Antonius Fischer. Foto: Guido Jansen

1937 starb Adolf Fischer, seine Töchter Hanna, später Hommel, und Elisabeth stiegen in die Firma ein, sein Bruder Ludwig Fischer leitete jetzt die Geschäfte. Er starb 1943. Am 6. Oktober 1944 bedeutete ein Luftangriff auf Jülich die Zerstörung der Druckerei an der heutigen Kölnstraße und damit das Ende einer in Jülich gedruckten Zeitung.

1946 stiegen Ludwigs Söhne Josef und Heinz in die Firma ein und verkauften die Rechte am Jülicher Kreisblatt an den Zeitungsverlag Aachen. Sie führten die Buchhandlung und die Druckerei weiter, Elsbeth Fischer die Servicestelle der Tageszeitung.

Heinz Fischer trat 1985 zurück, sein Patenkind Wolfgang Hommel stieg ein und wird der letzte Vertreter der Jülicher Verleger-Familie sein. Anfang des Jahres haben Hommel und seine Frau Eva Behrens-Hommel die Buchhandlung verkauft und den Verlag aufgelöst. Ein Nachfolger aus der Familie hat sich nicht gefunden. „Und ich hätte auch keinem dazu geraten“, sagte Hommel damals. Zu schwierig sei das Geschäft geworden, vor allem wegen des Internethandels.

Schluss ist aber nicht. Zeitgleich gründete Hommel den Verlag Fischer Jülich. Der Name bleibt erhalten. Die Liste mit Ideen für Buchveröffentlichungen mit Themen aus dem Jülicher Land ist lang. Wenigstens 15 Jahre werde es dauern, bis die alle umgesetzt sind, sagt Wolfgang Hommel und lächelt.

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