Jülich: Ein „Taktstock” fürs Oberstübchen aus Jülich

Jülich: Ein „Taktstock” fürs Oberstübchen aus Jülich

Der neue Hirnschrittmacher passt in eine Streichholzschachtel. So viel verrät Claus Martini, Geschäftsführer des Jülicher Medizintechnikunternehmens Adaptive Neuromodulation (ANM). Ansonsten macht er noch ein Geheimnis um das in ein Titangehäuse eingekapselte Implantat. Mitte 2010 soll eine klinische Studie starten. „An der Vermarktung sind wir noch nicht dran”, sagt Martini.

Die Idee, die hinter dem Hirnschrittmacher steckt, ist etwa fünf Jahre alt: Coordinated Reset heißt der Stimulationsansatz, den Professor Peter Tass am Forschungszentrum Jülich entwickelt hat. Dabei werden bestimmte Areale im Gehirn durch exakt platzierte Elektroden mittels eines Implantates elektrisch gereizt und angeregt.

Mit einem Prototypen, dem externen Neurostimulator, konnten erfolgreich Parkinson-Patienten therapiert werden. Nun geht es darum, den Stimulator auf Streichholzgröße zu reduzieren. Ein Neurochirurg setzt das Implantat unterhalb des Schlüsselbeins unter der Haut ein. Von dort sendet der batteriebetriebene Neurostimulator über einen feinen Draht elektrische Impulse ins Gehirn des Patienten.

„Genau an die Stelle, wo die Zellen liegen, die bei Parkinson-Patienten nicht mehr richtig arbeiten”, erklärt Martini. Wo gestörte Nervenzellen für das Zittern der Muskeln, die Unbeweglichkeit oder das Steifsein verantwortlich sind, gibt der Hirnschrittmacher den Neuronen den Takt vor.

Als Gründungsgesellschafter hat Peter Tass mit seinen Professoren-Kollegen Volker Sturm, Direktor der Klinik für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie der Uniklinik Köln, und Hans-Joachim Freund, emeritierter Professor der Neurologie der Universität Düsseldorf, ANM 2005 ins Leben gerufen. Als Ausgründung aus dem Forschungszentrum Jülich.

Heute sollen zwölf Mitarbeiter auf 150 Quadratmetern im Technologiezentrum Jülich Tass´ Visionen Wirklichkeit werden lassen.

Abschied vom Pfeifen im Ohr

Zwei Jahre Vorsprung auf den Hirnschrittmacher hat die Entwicklung, Erprobung und Vermarktung des so genannten Tinnitus-Neurostimulators bei ANM. Bis das Gerät Anfang 2010 auf den Markt kommt, soll es ebenfalls auf die Größe einer Streichholzschachtel getrimmt sein. Ein kleines Gerät für einen Riesenmarkt: „1,2 Millionen Menschen in Deutschland brauchen medizinische Behandlung, weil sie unter Tinnitus leiden”, sagt Martini.

Unter ärztlicher Aufsicht soll mit dem akustischen Stimulator chronischer Tinnitus behandelt werden. Ein geschulter HNO-Arzt analysiert mit dem Patienten, wie sich der Tinnitus anhört. Klopft es? Pfeift es? Zischt es? Knackt es? Und vor allem: Wie stark? Über eine Station gibt der Patient das subjektiv empfundene Geräusch ein. Auf Basis dieser Daten wird dem Patienten ein gegenüber Hörgeräten im Frequenzbereich erweitertes und hochauflösendes Gerät abgespielt.

Etwa vier Stunden täglich muss es der Patient für einige Monate tragen und wird so akustisch stimuliert. „Man kann dabei lesen oder Fernsehen”, nennt Martini einen Vorteil gegenüber psychotherapeutischen Ansätzen. Parallelen gibt es auch: „Beide Verfahren sollen helfen, die Gedanken von Tinnitus abzulenken und besser mit der Krankheit umgehen zu können.” Und was ist mit pharmazeutischen Anwendungen? „Der Stimulator setzt an der Ursache an und kann die Krankheit dauerhaft beseitigen. Und er scheint deutlich effektiver als bislang jedes eingesetzte Medikament.” Das will ANM beweisen.

Mitarbeiter haben die klinische Studie für den akustischen Stimulator vorbereitet. Professor Tass überwacht hierfür derzeit etwa 60 Tinnitus-Patienten aus der Region zwischen Aachen und Düsseldorf. Ein niederländisches Unternehmen wertet die Studie aus. Unabhängig versteht sich. Die Ergebnisse erwartet Martini Ende Dezember. Valide Daten lägen noch nicht vor, aber es zeichne sich eine positive Tendenz ab.

Der Tinnitus-Stimulator läuft gerade schon durch den TÜV. Der entscheidet darüber, ob das Medizinprodukt für die Anwendung am Menschen zugelassen wird. Dass es nicht am Ohr explodieren darf, ist klar. „Die Therapie muss sicher und effektiv sein”, sagt Martini. „Der durch den Stimulator abgegebene Schalldruck darf nicht zu hoch sein.” Um das Ohr des Patienten nicht weiter zu schädigen.

Parallel arbeiten ANM-Mitarbeiter an einem Trainingsprogramm für Hals-Nasen-Ohren-Ärzte. Die heiße Phase der Vermarktung läuft. Martini und seine Kollegen aus Marketing und Vertrieb bereiten mit Ärzten in der Region eine erste Testphase für Januar vor.

Und danach? Professor Tass, der seit zehn Jahren Verfahren entwickelt, die die pathologische Aktivität von Neuronen effektiver unterbinden, forscht weiter. Für ANM sucht er neue Anwendungsfelder.

Depressionen und chronische Schmerzen will ANM mit neuen Geräten therapieren. Über eine Brille sollen zum Beispiel Hirnareale stimuliert werden, um Hyperaktivität und Migräne zu behandeln. Können sich Migräne-Patienten Hoffnung machen? „Mit einem Produkt ist auch bei gutem Verlauf nicht vor 2012 zu rechnen”, sagt Martini.