Ein ethisches Prüfteam am Forschungszentrum Jülich

Gute und schlechte wissenschaftliche Praxis : Ein ethisches Prüfteam am Forschungszentrum

Dieter Sturma ist kein Einzelspieler. Der Philosophieprofessor aus Bonn steht einem Team aus Philosophen vor, dass die Arbeit in Jülich aus anderem Blickwinkel betrachtet.

Sagt man zu Dieter Sturma, dass er das Gewissen des Forschungszentrums Jülich (FZJ) sei, dann lächelt der Philosoph, bevor er nicht zustimmt. Er kann nicht zustimmen. Denn erstens ist der Philosophieprofessor aus Bonn kein Einzelspieler im Bereich Ethik in den Neurowissenschaften am FZJ. 14 Mitarbeiter aus der Philosophie und Psychologie hat der Bereich. Und zweitens geht es in Deutschland nicht mehr um die Frage, ob Forscher gut oder böse sind, sondern um die Unterscheidung zwischen guter und schlechter wissenschaftlicher Praxis.

In den 90er Jahren hat in der Öffentlichkeit die Diskussion zur Stammzellenforschung stattgefunden, man könnte auch sagen getobt. „Auf der einen Seite gab es die Vertreter der Kirche wie den Kölner Kardinal Meisner, denen es um den Schutz des Lebens ging. Auf der anderen Seite die Wissenschaftler, die die Therapien für schwere Krankheiten finden wollten“, blickt Sturma zurück auf eine Debatte, in der manche Theologen den Stammzellenforschern Straftaten vorgeworfen haben, weil diese in die früheste Entwicklungsstufe des Lebens eingegriffen hätten.

Gründe des anderen verstehen

Sturma nennt den Wandel des Themas Stammzellenforschung als Beispiel dafür, wie ein ethischer Diskurs gelingen kann und damit auch für das, was ein Wissenschafts-Ethiker macht. Stammzellenforschung ist heute etabliert, ohne dass die moralisch-ethischen Bedenken über Bord geworfen worden sind. Ein Wissenschaftsethiker hilft dabei, den Rahmen für einen nicht-weltanschaulichen Dialog abzustecken. Gesprächspartner sind meistens die Gesellschaft und die Wissenschaft. „Es geht nicht darum, dass der eine am Ende zustimmt. Aber er muss die Gründe des anderen verstehen und mit demokratischen Entscheidungen zurechtkommen können.“ Damit die Wissenschaft an der Gesellschaft nicht wie ein Ufo vorbei fliegt, hat die Helmholtz Gemeinschaft, der auch das FZJ angehört, in den 2000er Jahren entschieden, dass ihre Forscher eine philosophische Begleitung brauchen. So kamen Sturma und andere Philosophen nach Jülich als Ethik-Experten.

Wissenschaft jenseits jeder Ethik passiert heute kaum noch. Wenn doch, dann sorgt das für einen Aufschrei. Wie im Fall des chinesischen Wissenschaftlers, der in der vergangenen Woche vermeldete, dass er das Erbgut zwei Neugeborener manipuliert habe. „Das ist moralisch und wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen“, sagt Sturma. Weder sei absehbar, welche Folgen die Manipulation des Erbgutes für die Kinder selbst habe, noch für den menschlichen Genpool allgemein. Experimente am Menschen ohne sorgfältige Grundlagenforschung „lehnen wir als völlig unverantwortlich ab. Ganz unabhängig davon, welche guten Dinge mit der sogenannten Genschere irgendwann mal erreicht werden könnten, ist es gefährlich, so unwissenschaftlich mit dieser Technologie umzugehen.“

Selbstbestimmung und Instrumentalisierung sind zwei Eckpfeiler der Arbeit der Jülicher Ethik-Experten. „Es ist eine Instrumentalisierung, wenn ein Patient vor einer Behandlung nicht richtig aufgeklärt wird“, sagt Sturma. Auf der anderen Seite steht die Frage, ob Mediziner einen Patienten mit Informationen überfordern müssen. „Es gibt auch Situationen, in denen der Patient ein Recht auf Nicht-Wissen hat“, umreißt der Philosoph ein Spannungsfeld im Bereich Medizin.

Oder das der Tierversuche. Das Arzneimittelgesetz schreibt den „Verbrauch von Nagetieren“ vor. Versuchstiere werden instrumentalisiert. Das ist auch am FZJ der Fall. Jülich gilt beispielsweise als einer der wenigen Standorte weltweit, an dem ein wirksames Mittel gegen Alzheimer erprobt wird. „Über das Thema Tierversuche und darüber, ob sie verzichtbar sind, werden wir noch lange reden müssen“, sagt Sturma. Begründet sei diese Diskussion auch in der Frage nach einem tierischen Bewusstsein. Haben sie ein Selbstbewusstsein? „Beantwortet man die Frage mit nein, muss man aber wenigstens zur Kenntnis nehmen, dass Tiere sich in ihrer Umwelt selbstständig bewegen und zwischen für sie besseren oder schlechteren Zuständen differenzieren können.“

Wenn das Tablet Ruhe will

„Wie gehen wir mit abweichendem Verhalten bei Menschen um“, stellt Sturma eine weitere Frage und blickt auf die an der RWTH Aachen betriebene Forschung am Tourette-Syndrom, also an Ticks, wegen denen Menschen unvermittelt und unbeabsichtigt ihr Verhalten ändern, zum Beispiel, weil sie laut und ausfällig werden. Sind sie dann nicht mehr sie selbst? Oder eben doch? „Das sind oft sehr intelligente Menschen, die betroffen sind. Gehören diese Ticks zur Person? Sind sie etwas Fremdes?“, formuliert der Philosoph Fragen.

Neben den Neurowissenschaften sind auch die Forschungen an und mit Computern der Zukunft ein generelles Jülicher Schwerpunktthema. Und damit auch für die Philosophen aus dem Ethik-Bereich. Sturma nennt ein weit hergeholtes Beispiel. „Wie gehe ich damit um, wenn mein Tablet mir plötzlich mitteilt, dass es sich überlastet fühlt und mich auffordert, es für zwei Wochen in Ruhe zu lassen?“ Solche Szenarien sind weit weg. Aber es könnte einen schleichenden Prozess geben in diese Richtung, wenn der Mensch immer mehr Algorithmen entwerfe, mit denen Computer schließlich eigenständig agieren.

„Da entsteht dann ein ethisches Dilemma“, sagt Sturma, der aber klar macht, wo er steht. „Ich lehne es ab, dass das Konzept von Selbstbestimmung und das Verbot der Instrumentalisierung in jeder Hinsicht nur für Menschen gilt.“

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