Serrest: Ehepaar holt Gutshof in Serrest aus Dornröschenschlaf

Serrest: Ehepaar holt Gutshof in Serrest aus Dornröschenschlaf

Eigentlich hatte das Ehepaar Radke sein Reiheneckhaus in Alsdorf schon altersgerecht umgebaut, war gut vorbereitet auf den Ruhestand und hatte den Traum von einem eigenen Hof aufgeben. Dann, vor etwa zwei Jahren, kriegen Susanne und Stefan Radke mit Mitte 50 doch noch die Chance, einen alten Gutshof von 1852 in Serrest zu kaufen und ihm neues Leben einzuhauchen. Eine Mammutaufgabe.

„Wir haben im Leben noch nie so viel gearbeitet, wie in den letzten zwei Jahren. Das war Dauer-Power“, sagt Stefan Radke und ergänzt: „Aber es hat sehr viel Spaß gemacht, und es war immer Schade, wenn es schon 22 Uhr und Feierabend war.“

Das Ehepaar Susanne und Stefan Radke hat vor zwei Jahren den alten Gutshof im Jülicher Land vor dem Verfall gerettet, saniert und neues Leben eingehaucht. Dazu haben sie 150 Tannen gefällt und viel Platz geschaffen. Den wollen sie für einen Bauerngarten mit Bäumen alter Obstsorten nutzen, der ebenfalls als Ausgleichsfläche für die entfernten Pflanzen dient. Foto: Schröder und Radke (2)

Das Anwesen erstreckt sich auf rund 2,5 Hektar und stand fünf Jahre leer — sah dementsprechend verwildert aus. „Das Haus hat auf uns gewartet, damit wir es aus dem Dornröschenschlaf holen“, sagt Susanne Radke und ihre Augen leuchten. Als Kind haben sie immer davon geträumt, auf einem Bauernhof zu leben.

Das Ehepaar Susanne und Stefan Radke hat vor zwei Jahren den alten Gutshof im Jülicher Land vor dem Verfall gerettet, saniert und neues Leben eingehaucht. Dazu haben sie 150 Tannen gefällt und viel Platz geschaffen. Den wollen sie für einen Bauerngarten mit Bäumen alter Obstsorten nutzen, der ebenfalls als Ausgleichsfläche für die entfernten Pflanzen dient. Foto: Schröder und Radke (2)

150 Tannen hat das Ehepaar gefällt, den Hof komplett saniert und auch die obere ,Etage mit sieben Zimmern entkernt. Alles in Eigenregie, aber in ständiger Absprache unter anderem mit der Umwelt- und der Denkmalbehörde. „Es ist manchmal ein bisschen wie Tauziehen, aber immer ein guter Austausch. Wir haben auch schon gute Anregungen der Behörden bekommen“, sagt Susanne Radke. Es sei eher spannend als frustrierend alle Vorgaben unter einen Hut zu bekommen, „aber eben langwierig, bis eine Entscheidung fällt“.

Schließlich müssen die Richtlinien nicht nur des Denkmal- und Umweltschutzes beachtet werden, sondern auch die zur Energiesparverordnung, zum Feuerschutz und auch zum Arbeitsrecht. Denn Stefan Radke ist mit seiner Firma, dem Schleifzentrum West, vor gut einem Monat ebenfalls zum Hof umgesiedelt. Das Ehepaar arbeitet gemeinsam in dem Handwerksbetrieb.

Den Pferden sei Dank

Das war eine Voraussetzung, um überhaupt den Gutshof übernehmen zu können — die Radkes hatten schon länger gesucht, wollten alles unter einem Dach haben, ihr Zuhause, ihre Arbeitsstelle, die vorher in Baesweiler war, und auch die Islandpferde von Susanne Radke sollten vor Ort stehen.

Letztere sind eigentlich auch der Grund, weshalb das Ehepaar von Alsdorf nach Serrest gefunden hat. Bei einem Bekannten von ihr, dem heutigen Nachbarn, wollte sich Susanne Radke ein Islandpferd angucken. Durch Zufall kamen sie im Gespräch darauf, dass der Hof nebenan leer steht. Eigentlich hatten sie die Hoffnung auf einen eigenen Hof nach langem erfolglosen Suchen schon aufgegeben und ihr Reihenhaus entsprechend umgebaut. Dann war es aber Liebe auf den ersten Blick. Als Anerkennung für diese glückliche Fügung ziert Radkes Islandpferd nun das eigens entworfene Wappen des Hofes.

1,5-Millionen-Projekt

Ihr Reihenhaus haben die Eheleute vermietet. Da die Pferde jetzt vor der Haustür stehen, sparen sie Stallmiete und Fahrtkosten. Dass nun der Handwerksbetrieb ebenfalls in den eigenen Wänden steht, lässt die Radkes viele Ausgaben sparen, die sie vor dem Umzug hatten. Dennoch ist das neue Zuhause inklusive der Umbauten ein 1,5 Millionenprojekt, für dass die beiden eine „gute Bank, die begriffen hat, was wir da machen wollen,“ hinter sich wissen.

Das Ehepaar ist nach eigenen Angaben immer in Aktion und zeigt so, dass es mit Herzblut dabei ist und seine Heimat gefunden hat. „Es ist mehr als ein Zuhause. Es fühlt sich an, als hätten wir schon in einem früheren Leben hier gewohnt“, schwärmt Susanne Radke.

Sie sind angekommen. Auch die Nachbarschaft sei wie ein Sechser im Lotto. Die knapp 30 Einwohner unterstützen die beiden sehr und haben sie in ihre Gemeinschaft — und in eine Dorf-Whatsapp-Gruppe — aufgenommen. „Mittlerweile sind aus Nachbarn unsere Freunde geworden“, sagt Stefan Radke selig. Sogar ein gemeinsames Weihnachtsfest auf dem Hof feierten alle zusammen.

Die Radkes bewegen etwas mit ihrer Arbeit, sie werten das Dorf auf. Sie zeigen, dass sie anpacken können, lieber selber machen, als machen lassen. Das hinterlässt Eindruck. „Man glaubt gar nicht, wie viele Leute hier mit dem Hof verbundenen sind. Einmal stand die 93-jährige Schwester einer früheren Besitzerin des Hofes vor der Tür und hatte Tränen in den Augen. Sie dachte, der Hof sei ganz zerfallen“, sagt Susanne Radke.

Die ganz großen Baustellen sind bewältigt, aber es gebe immer etwas zu tun. Ein Schwerpunkt liegt unter anderem auf dem Bauerngarten mit Obstbäumen alter Sorten, den sie auf dem Grundstück anlegen und der als Ausgleichsfläche dient.

Anfang September wird der Hof in einer großen Feier durch Dompropst Markus Bruns aus Heinsberg, einem Cousin Susanne Radkes, gesegnet. Es ist ein persönliches Anliegen der beiden Eheleute, da beide katholisch erzogen und sehr gläubig sind. Zwar gehört zu dem Grundstück eine kleine Kapelle, die das Ehepaar pflegt, allerdings bietet die nicht genug Platz für die vielen Gäste, so dass Freunde, Familie, Nachbarn und auch Vertreter verschiedener Behörden und Vereine gemeinsam im Innenhof feiern. Dann wird der Hof zu Ehren des aktuellen Papstes in Gut Franziskushof umbenannt.

Die lebensfrohe, fleißige und auch mutige Einstellung des Ehepaars lässt vermuten, dass die Geschichte des Guts Franziskushof noch lange nicht zu Ende geschrieben ist.

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