Diskussionsforum zur Lebenswelt 4.0

Diskussionsforum von KSG und FH Jülich : Fluch und Segen der Digitalisierung

Sie haben eine Mail - Segen und Fluch der Digitalisierung. Die Katholische Studentengemeinde und der Campus Jülich der Fachhochschule Aachen luden zum Diskussionsforum „Lebenswelt 4.0“.

Industrie 4.0, Medizin 4.0, Arbeitswelt 4.0, Lebenswelt 4.0, diese Begriffe sind allgemein bekannt. Oder doch nicht? Die Suche nach konkreten Definitionen gestaltet sich schwierig. In den Medien wird zunehmend von der aktuellen wirtschaftlichen oder industriellen Revolution dank technologischen Fortschritts berichtet. Die Ziffer 4.0 soll einen Bezug zu den Vorgänger-Revolutionen herstellen.

Wesentlicher ist, dass all diese Begrifflichkeiten die Welt von heute beschreiben und auch zweifellos die nächste Zukunft bestimmen werden. Automatisierung und Robotik, komplexe Technik und moderne Technologie, Digitalisierung und deren Produkte wie Internet, Computer, Laptop und Smartphone machen die Ära 4.0 aus. Schlagworte wie Wirtschaftlichkeit, Gewinnmaximierung und Wettbewerbsfähigkeit, Flexibilität, unbegrenzter Datenzugang und freie Arbeitszeiteinteilung sind mit dem Thema unzertrennlich verbunden. Dagegen stehen Dauerbereitschaft, Selbstausbeutung, Überlastung und die neu entstandenen Begriffe wie „Burn-Out Prävention“, „Work-Life-Balance“ bzw. „Work-Life-Integration“, „War-for-Talents“ oder „eine alternde Belegschaft“.

In der Runde des 19. Diskussionsforums „Technik, Ethik, Wirtschaft“ der Katholischen Studentengemeinde Jülich (KSG) sind sie oft gefallen. Zum Gedankenaustausch über das Thema „Lebenswelt 4.0 - Wann schalte ich ab?“ lud die KSG in Kooperation mit der FH Aachen, Campus Jülich (FH), alle Interessierten ins Auditorium ein. Über die Möglichkeiten und Herausforderungen des technischen Fortschritts in der Arbeits- und Lebenswelt referierten die Gesprächspartner Prof. Dr. Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn, Dr. Anna Arlinghaus vom Beratungsunternehmen XIMES in Wien und Ines Catharina Wulf vom Lehrstuhl für BWL der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Namens der KSG begrüßte Alexander Peters die Gäste und unterstrich den „freudigen anachronistischen Luxus“, welchen eine reale Gesprächsrunde im Vergleich zum virtuellen „Chatten“ bietet. Nicht zuletzt war damit der im Anschluss folgende gemeinsame Imbiss gemeint.

Digitale Eingeborene und Einwanderer

Prof. Michael Stellberg, Dekan des Fachbereiches „Energietechnik“ der FH, wies anschließend darauf hin, dass die Lebenswelt 4.0 ausnahmslos alle betrifft und bestimmt nicht nur die Arbeitswelt sondern auch das Privatleben. „Als ich studiert habe, waren die Taschenrechner unerschwinglich und die Computer noch nicht erfunden. Heute ist das für meine Studenten unvorstellbar“, unterstrich er die rasante Entwicklung. Die Veränderungen der letzten 20 Jahre untermalte Barbara Baumann als Moderatorin mit einer zutreffenden Anekdote. In dieser wird ein Vater ratlos mit der Frage seines Sohnes konfrontiert: „Papa, wie seid ihr eigentlich ins Internet gekommen, als es die Computer noch nicht gab?“. Was wie ein Witz klingt, ist längst von den Medien mit Begriffen wie „digital native“ (digitaler Eingeborener) und „digital immigrant“ (digitaler Einwanderer) zum Fakt erklärt worden. Schnelle Veränderungen der letzten Jahre am Arbeitsmarkt und in den Produktionsweisen der Unternehmen lassen sich laut Prof. Eichhorst „nicht verstehen, ohne zu sehen, wie stark wir heute durch Kommunikations- und Informationstechnologie, welche die Verfügbarkeit von Kontakten und Daten massiv verändert haben, beeinflusst sind“. Das ganze wird in Deutschland seit 2012 unter dem Begriff „Industrie 4.0“ diskutiert. „Es gab früher keine Maschinen, die durch Maschinen gesteuert werden“. Interessant sei jetzt die Schnittstelle zwischen Technik und Technologie und dem Arbeitsleben mit all den neuen Möglichkeiten oder Zumutungen. Er wies auf maßgebende Konsequenzen für die Struktur der Wirtschaftsstränge und des Wachstums sowie auf das Schrumpfen der repetitiven Berufsgruppen und die Entstehung von neuen Berufsbildern hin. Einhergehend besteht Handlungsbedarf auf der betrieblichen Ebene der Unternehmen. Hierzu berichtete Dr. Anna Arlinghaus aus ihrer Praxis als Unternehmensberaterin von den vielen Möglichkeiten aber auch von den vielen Risiken, die die neuen Technologien mit sich bringen.

Arbeiten und leben in Balance

Alles wird digitaler, flexibler und vernetzt. Laptops und Smartphones ermöglichen es, überall und zu jeder Zeit zu arbeiten, was in vielen Jobs bereits an der Tagesordnung sei. Diese Flexibilität könne für die sogenannte „Work-Life-Balance“ vorteilhaft sein. „Anderseits kommt es zu dem Phänomen, dass man sich in einer Dauerbereitschaft wähnt“, erläutert sie, „und Gefahr läuft der Selbstausbeutung und Überlastung zum Opfer zu fallen“. Eindeutige politische, rechtliche und betriebliche Regelungen wären hier von Nutzen. „Seit 2005 sind die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen um 80 Prozent gestiegen“, erklärt Ines Catharina Wulf. „Sie sind sicherlich nicht alle durch technische Veränderungen hervorgerufen worden, aber ein großer Teil davon“. Folgeerkrankungen sind keine Seltenheit. Es sei nachweislich bewiesen, dass digitale Dauerbereitschaft sowohl im Beruf als auch im privaten Leben erhebliche gesundheitliche Schäden verursacht.

Bezeichnend für die anschließende Diskussion und Fragen der vorwiegend jüngeren Teilnehmer war der gesellschaftliche wie auch soziale Aspekt der fortwährenden „digitalen Revolution“. Droht bei fortschreitender Automatisierung eine Massenarbeitslosigkeit beim Wegfall der repetitiven, routinemäßigen Arbeiten? Was passiert mit Menschen, die keine neuen Qualifikationen erwerben können und den immer komplexeren beruflichen Aufgaben nicht gewachsen sind? Werden diese Personen abgehängt, droht eine gesellschaftliche Spaltung? Verlieren die Menschen im Rentenalter den Anschluss an das soziale Leben? Wird der digitale „Anpassungszwang“ die Persönlichkeit des Individuums angreifen? Und wie unterstützt man die Obdachlosen auf der Straße in einer Realität ohne Bargeld im Umlauf? Auf manche Fragen gab es bereits eine beruhigende Antwort, viele weitere wird die Gegenwart 4.0 oder spätestens die Zukunft 5.0 liefern müssen. (mavo)

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