„Digitalpakt Schule“: Ende der Kreidezeit steht endgültig bevor

„Digitalpakt Schule“ : Das Ende der Kreidezeit steht endgültig bevor

Digitalisierung heißt das Zauberwort, von dem Politiker in Bund und Ländern eine ähnlich stärkende Wirkung erwarten wie seinerzeit die Gallier in dem unbeugsamen Dorf vom Zaubertrank des Druiden Miraculix. Nun ist eine neue Rezeptur für die Schulen der Republik zubereitet worden, die geradezu euphorisch als wegweisend für die Zukunft des Bildungswesens beschrieben wird: Der „Digitalpakt Schule“.

Mit ihm sollen die Schüler aller Jahrgangsstufen besser lernen können und vor allem auf eine Arbeitswelt vorbereitet werden, die in fortschreitendem Maße von digitalisierten Prozessen gesteuert wird.

Worum geht es konkret? Nach einer notwendigen Grundgesetzänderung stellt der Bund den für die Bildung zuständigen Ländern Geld zur Verfügung, viel Geld: Insgesamt 5,5 Milliarden Euro soll in den nächsten fünf Jahren fließen, rein rechnerisch sind dies ca. 137.000 Euro je Schule. Förderanträge der Schulträger werden voraussichtlich nach den Sommerferien gestellt werden können, erste Finanzspritzen könnten dann im Herbst/Winter gesetzt werden.

Allerdings ist vorgesehen, die Gelder im Wesentlichen einzusetzen, um digitale Grundlagen zu schaffen, will heißen: Infrastrukturmaßnahmen wie der Aufbau von Netzwerken, WLAN-Installationen und internetfähige Whiteboards stehen auf der Digitalpakt-Agenda, sogenannte Endgeräte wie zum Beispiel Tabletts werden nur zu einem geringen Anteil, nämlich 20% gefördert. Der Rest, ebenso wie die Unterhaltung und Betreuung, bleibt Daueraufgabe der Kommunen.

Der Zaubertrunk hat also auch seine Nebenwirkungen, auf die in diesem Fall nicht der Arzt oder Apotheker hinweist, sondern Lehrer und ihre Verbände. Die stehen dem Pakt mit seinen Möglichkeiten aufgeschlossen gegenüber, sehen aber auch, dass es mit Geld allein nicht getan ist. „DigitalPakt, ja gerne, aber…“ so könnte man das Fazit von Stefanie Törkel-Howlett, Leiterin der Primus-Schule in Titz, Petra Cousin, Schulleiterin der Gesamtschule Aldenhoven-Linnich und Stefan Rüping, stellvertretender Direktor des Gymnasiums Zitadelle in Jülich auf den Punkt bringen. Drei Schulen sind zugegebenermaßen nicht repräsentativ, doch das einheitliche Meinungsbild ist nicht zu übersehen.

In der Gesamtschule Aldenhoven-Linnich sind interaktive Smartboards schon im Einsatz. Die Schulleiterin Petra Cousin, 4. von links, hofft auf weitere Verbesserungen durch den DigitalPakt. Foto: Günter Vogel

„Es sei ja nicht so, als wären wir noch mit Tafel, Kreide und Wischlappen unterwegs“, sagt etwa Stefanie Törkel-Howlett. Titz habe zum Beispiel mit 180.000 Euro einen naturwissenschaftlichen Fachraum auf den neuesten Stand gebracht. Auch zwei EDV-Räume sind top ausgestattet.

Aber: „Wir freuen uns natürlich, wenn eine weitere Verbesserung durch Hardware und Smartboards zustande kommt. Das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Aber uns als Pädagogen ist es mindestens ebenso wichtig, dass Kinder nicht nur wissen, wie man digitale Möglichkeiten nutzt, sondern auch, mit ihnen verantwortungsvoll umzugehen.“ Ein Blick in die Netzwelt und auf die sozialen Medien zeige die Bedeutung dieses Gedankens. Die Einbindung aller, auch der Eltern, sei ihr dabei besonders entscheidend.

Petra Cousin schlägt in die gleiche Kerbe. So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer mache, macht der Einsatz von Tabletts noch keinen guten Unterricht. „Klar sind die Strukturen wichtig, die da sind oder die optimiert werden, aber entscheidend sind noch immer diejenigen, die den Unterricht attraktiv, lebendig, fach- und sozialkompetent gestalten.“ Womit natürlich die Kollegien gemeint sind, die sich in die digitale Welt mit permanenten Fortbildungen einarbeiten und weiterbilden müssen.

Und die Kinder, so Petra Cousin weiter, sollten weiterhin über wichtige Grundkenntnisse verfügen, die über das reine Anwendungswissen hinausgehen: „Nicht nur irgendetwas im Netz nachschauen und unkritisch übernehmen, sondern recherchieren, in Zusammenhänge bringen und eine eigene Lösungsleistung erbringen.“ Das heißt auch, wie immer schon, mit analogen Medien arbeiten zu können, zum Beispiel mit Büchern und anderem Unterrichtsmaterial. Zwangsläufig hieße das auch, die digitalen Unterrichtsmedien flexibel einzusetzen, so alle drei Verantwortlichen weiter. In den unteren Klassen und der Erprobungsstufe mit Bedacht und Maß, in der Oberstufe dann durchaus intensiver.

All dies bedeutet aber auch, dass konstruktive Konzepte erstellt werden müssen, und sofern sie in den genannten Schulen als Medienkonzepte bereits vorliegen, dass diese weiterentwickelt und an die neue Situation angepasst werden. „Es bedarf unbedingt konstruktiver Ansätze und ein aufeinander abgestimmtes Verfahren“, führt Stefan Rüping aus. „Das Letzte wäre jetzt, in Aktionismus zu verfallen und schulisolierte Lösungen anzustreben. Auf Deutsch: Geld für Dinge auszugeben, die sich anschließend als Fehlkauf erweisen.“

Damit genau dies nicht passiert, kommt der sogenannte Schulsupport ins Spiel, dem sich im Kreis Düren schon viele Kommunen im Rahmen einer interkommunalen Kooperation angeschlossen haben. „Ein Vorzeigeprojekt“, wie Richard Schumacher, zuständiger Dezernent bei der Verwaltung in Jülich findet. Dem widersprechen Stefan Rüping vom Gymnasium Zitadelle Jülich und die beiden Schulleiterinnen in Titz, Linnich und Aldenhoven nicht. Im Gegenteil. Sie stellen dem Konstrukt ein gutes Zeugnis aus.

„Das klappt einfach“ sagt Stefanie Törkel-Howlett. Die Kommunale Datenverarbeitungszentrale Rhein-Erft-Rur (KDVZ) ist dabei das Dach, in der Verwaltung in Jülich laufen die Fäden zusammen, sprich von hier und Kreuzau (Dependance Südkreis) aus arbeitet das Personal, um in den einzelnen Schulen die digitalen Strukturen aufzubauen und voranzubringen. Mit im Verbund sind im Norden Aldenhoven, Linnich, Titz, Niederzier und Jülich, im „Süden“ haben sich Inden, Kreuzau, Merzenich, Nideggen und Vettweiß angeschlossen. Richard Schumacher weiß aber auch, wo der Schuh drückt: Er und seine Schulsupport-Mitarbeiter sind von den Möglichkeiten der Förderung überzeugt, aber: „So wie die Schulen von uns ein koordiniertes Vorgehen erwarten, um Fehler zu vermeiden, kommt auf uns einiges an Arbeit zu, die in der jetzigen Form kaum zu bewältigen wäre.“

In den Schulen sollen ja nicht – so sehen es die Schulleitungen unisono – engagierte Lehrer oder Lehrerinnen die neue digitale Welt installieren, konfigurieren und unterhalten. Diese haben für einen guten Unterricht zu sorgen, während im Hintergrund fachkundiges EDV-Personal die Strukturen aufbaut und begleitet. Aber auch diese Problematik, die zukünftigen Aufgaben schul- und schülerangemessen umzusetzen, scheint vom Tisch: wie aus der Verwaltung in Jülich zu erfahren war, haben alle Kommunen vor kurzem beschlossen, den Förderantrag „DigitalPakt Schule“ u.a. auch in Bezug auf die Ausweitung des Schulsupport-Projektes zu stellen und weiteres Personal dafür einzustellen.

Insofern hat der Zaubertrank durchaus gute Chancen, den Schulen den Weg in die Zukunft ohne nennenswerte Nebenwirkungen zu zeigen.

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