150 Jahre Stadtmarketing : Buchhandlung Fischer schließt, aber der Verlag wird fortbestehen

Vor ein paar Tagen stand Wolfgang Hommel im Keller. Sehr zur Freude des Stadtgeschichtlichen Museums von Jülich. Dort ist man nämlich seitdem um einige Jahrgänge der Zeitschrift „Die Eifel“ ab 1950 reicher. Hommel hat sie im Keller der Buchhandlung Fischer entdeckt – wie so vieles anderes derzeit.

Wenn der Buchhändler am Mittwoch nach Feierabend den Laden abschließt, endet eine 150 Jahre andauernde Unternehmensgeschichte.

„Es gibt kaum eine Familie in Jülich, die über so einen langen Zeitraum die Stadt mitgeprägt und Akzente gesetzt hat“, meint Wolfgang Hommel. Um das zu verstehen, muss man weit in die Anfänge zurückgehen, als Joseph Fischer am 1. Januar 1869 die Zeitung „Jülicher Kreis-Correspondenz- und Wochenblatt“ übernommen hat – von Gottlieb Schirmer, Bruder des Landschaftsmalers Johann Wilhelm Schirmer. „Damals war die Zeitung wie eine Linse in die Welt. Es gab keine anderen Quellen, die Nachrichten kamen noch mit der Postkutsche und später mit der Eisenbahn“, blickt Hommel zurück.

Joseph Fischer hat die Welt nach Jülich geholt, dem sind seine Nachkommen bis zum Buchhändler Wolfgang Hommel stets gefolgt. Auch wenn die Welt in den 150 Jahren vielleicht ein bisschen kleiner geworden ist. Das „Jülicher Kreisblatt“ erschien bis Oktober 1944. Über 75 Jahre hinweg hat die Familie als Zeitungsherausgeber Jülich geprägt. Dabei war schon die Übernahme der Zeitung 75 Jahre zuvor eine Besonderheit: Im protestantischen Preußen übernahm ein Katholik die Zeitung von einem Protestanten.

„Joseph Fischer ergriff im sogenannten Kulturkampf vehement gegen Bismarck Partei und erhielt dabei Unterstützung durch seinen Bruder, der später Kardinal von Köln wurde“, berichtet Wolfgang Hommel aus der Familiengeschichte. Als Adolf Fischer die Zeitung übernahm, wirkte er gleichzeitig als Politiker an Entscheidungen in der Kreisstadt mit. Hommel über seinen Großvater: „Sein politisches Leben war von der belgischen Besatzung Jülichs 1919 bis 1929 geprägt.

Vor genau 150 Jahren erschien die erste Ausgabe des Jülicher Kreis-Correspondenz- und Wochenblattes – herausgegeben von Joseph Fischer. Foto: grafik

Nachhaltig war sein Einsatz für den Ankauf des Brückenkopfs durch die Stadt. Die Idee war schon damals, ein Freizeitgelände links der Rur zu schaffen.“ Heinz Fischer und Wolfgang Hommel selbst haben sich Jahrzehnte später in unterschiedlichen Funktionen für diesen Freizeitwert des Brückenkopfs engagiert. „Eigentlich haben wir 150 Jahre Stadtmarketing gemacht“, sagt Wolfgang Hommel. Das wird auch deutlich, wenn man auf die Zeit nach dem Krieg blickt, als Heinz Fischer den Wiederaufbau in Angriff genommen hat und das Haus zum Buch- und Schreibwarenhandel ausgebaut und parallel den Verlag weiter betrieben hat.

Vom Heimatkalender bis zum nützlichen „Fischers Taschen Fahrplan“, in dem man in Vor-Internet-Zeiten nachschlagen konnte, wann welcher Bus und Zug einen in die Welt hinaus brachte (oder wieder zurück in die Heimatstadt) konzentrierte man sich auf das Wesentliche, weitete den Blick auf die Geschichte des Jülicher Landes.

Hartwig Neumanns Großer Kunst- und Bauführer zur Zitadelle wurde 1986 im Fischer-Verlag veröffentlicht. Damals war das durchaus ein Politikum. Neuman war ein unbequemer Mahner, der mit seinem Anliegen, dem Erhalt der Zitadelle, nur auf wenig Gehör stieß, und der sich vielen Diffamierungen ausgesetzt sah. Bei Fischer wurde er ernst genommen.

„Jülicher lesen am liebsten etwas über Jülich. Die Bücher, die wir selber verlegt haben, waren immer die Bestseller sagt der Buchhändler Hommel. Das war schon vor der Online-Konkurrenz so und ist bis heute so geblieben. „Unser erfolgreichstes Buch war ‚Jülich FF’, der Bildband von 2007 über Jülich zwischen Forschung und Festung.“

Der Letzte seiner Art: Mit Wolfgang Hommel endet die 150 Jahre währende Tradition der Buchhandlung F. Foto: Guido Jansen

Und weil der Jülicher am liebsten über das liest, was er ja eigentlich schon kennt, wird Hommel die 150-jährige Verlagstradition fortsetzen. Wenn er am 27. Februar die Buchhandlung abschließt, sie an Weiberfastnacht geschlossen bleibt und an Aschermittwoch am 6. März als neue Thalia-Filiale wieder eröffnet, wird Hommel zeitgleich seinen Dienst im neuen Verlag „Fischer-Jülich“ starten – und hat jetzt schon eine lange Liste mit vielen Ideen.

„Das Buch ‚Jülich handelt’, das wir vor fünf Jahren veröffentlicht haben, ist nicht mehr lieferbar. Das müsste neu bearbeitet und bewertet werden“, sagt Hommel. Oder: Dem Buch „Die Festungsstadt im Bild“ könnte eine Ausgabe mit Blick auf die Forschungsstadt folgen. Und auch die Reihe der Geschichte der Dörfer und Städte im Jülicher Land müssten noch etliche Ausgaben folgen.

Für das vor zwei Jahren veröffentlichte Buch zur Gemeinde Titz hat Hommel drei Jahre benötigt. „Wenn ich bedenke, was da alles noch aussteht an Büchern, bin ich vielleicht im Jahr 2038 durch“, sagt Hommel grinsend. Und weil er in der 4. Generation eben auch das Unternehmer-Gen der Fischers geerbt hat, wird er der Tradition der Familie treu bleiben. So wie Hommel in der Vergangenheit sich in Jülich für das Stadtmarketing engagiert hat, will er das auch künftig tun: „Was für die Stadt wichtig ist, wird für mich auch weiterhin ein Thema bleiben. Wenn es um Fragen wie das Integrierte Handlungskonzept geht, werde ich ja nicht plötzlich eine andere Sichtweise einnehmen.“

Auch hier schließt sich ein Kreis. So wie Hommel sagt, dass seine Familie 150 Jahre lang Stadtmarketing betrieben habe, sieht er sich auch in einer anderen Tradition: „Ich sehe mich als Verleger nicht als Historiker, sondern eher als Chronist, der Sachen beobachtet, bewertet, beschreibt.“ Das dürfte Joseph Fischer, als er vor 150 Jahren die Zeitung in Jülich übernommen hat, kaum anders gesehen haben.

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