Jülich: Die zuckersüße Fassade der Zuhälterei: Betroffener Vater berichtet

Jülich : Die zuckersüße Fassade der Zuhälterei: Betroffener Vater berichtet

Wenn der Neue der Tochter es sich auf der Couch bequem macht und vergnügt Kuchen vertilgt, erregt das bei den wenigsten Eltern den Verdacht, er könnte Zuhälter sein und die Familie zerstören. Bei Karl A. (Name aus Personenschutzgründen fiktiv, der echte Name ist der Redaktion bekannt) ist das anders.

Als der damalige Freund seiner Tochter sich ihm vor gut zehn Jahren vorstellte, hatte der die jetzt 29-Jährige bereits so weit, dass sie sich für ihn prostituierte. Obwohl Karls Tochter den Ausstieg geschafft habe und momentan „relativ stabil“ ein normales Leben führe, ist ihm das Entsetzen über das Erlebte noch deutlich anzumerken, wenn er erzählt.

Lena Kesting und Dominik Spitzley haben den Elternabend „Loverboy“ oganisiert. Foto: Pakura

Er war am Donnerstag auf Einladung der Lehrer Dominik Spitzley und Lena Kesting zu Besuch in der Jülicher Sekundarschule, um mit einem Kriminalbeamten aus einer in Krefeld ansässigen spezialisierten Einheit (Er muss anonym bleiben, der Name ist der Redaktion bekannt) und Anita Pavlovska von der Frauenberatungsstelle Düsseldorf Eltern und Interessierte zu einem Thema zu informieren, das sich harmloser anhört als es ist: die sogenannten „Loverboys“.

Menschenhändler

„Dahinter verbergen sich Menschenhändler und Zuhälter“, bringt Pavlovska es auf den Punkt. Die Fassade jedoch ist so zuckersüß wie der Titel, den diese Kriminellen im vergangenen Jahrzehnt erstmals im englischsprachigen Raum und den Niederlanden erhielten. „Jeder wünscht sich Liebe, Zuneigung, Aufmerksamkeit, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein: Genau da setzen diese Menschen an“, weiß Pavlovska. In der Regel seien diese Männer jung, manchmal sogar noch selbst minderjährig, sehen gut aus, haben oft Migrationshintergrund — und umgarnen ihre Opfer nach allen Regeln der Kunst.

Sie hören zu, schmeicheln, geben Geschenke, gewinnen das Vertrauen, behandeln ihre Freundin wie ein Prinzessin, versprechen eine gemeinsame Zukunft. Wie schnell diese selbst für Erwachsene schwer durchschaubare Manipulation die Mädchen — „meist Pubertierende oder Heranwachsende“ — isoliert und abhängig macht, zeigt die wahre Geschichte von Karls Tochter. „Sie war in einer festen Beziehung, gerade volljährig, machte eine Ausbildung“, erinnert er sich daran, dass „alles ganz normal“ war. Seine Tochter hatte Freunde, Hobbys, eine Familie.

Was nicht typisch ist, weil Pavlovska sagt, dass Opfer häufig Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl, der Orientierung in ihrem Leben, Mobbing oder Umbrüchen wie Umzug oder Scheidung der Eltern haben. Doch selbst gute Lebensumstände schützen nicht vor dem Zugriff durch einen „Loverboy“, wie Karl weiß: „Es waren erst kleine Veränderungen. Sie hat sich anders angezogen. Hat wiederholt ewig geduscht. Aber wir bekamen nichts zu fassen. Ihre sozialen Kontakte sind systematisch abgebrochen. Sie hat ihre Beziehung beendet.“ Dann rückte sie damit heraus, dass sie sich neu verliebt hätte. Und wollte ihren Neuen erst nicht vorstellen. Seltsam, fand Karl, ließ allerdings nicht locker. Und so saß der Neue eben irgendwann in seinem Wohnzimmer. „Hätte ich gewusst, dass er meine Tochter da schon auf den Strich geschickt hat...“

Projekttag am Weltfrauentag

Der Kriminalbeamte mit Expertise, der seit vielen Jahren im Rotlichtmilieu unterwegs ist, bestätigt, dass es quer durch alle Schichten jede treffen kann. Weswegen ihm präventive Informationsabende wie der in Jülich, der am Weltfrauentag (8. März) von einem Projekttag für Schülerinnen aus den Klassen sieben bis zehn an der Schule ergänzt wird, so wichtig sind.

Eltern, Lehrer, Gleichaltrige, Nachbarn, einfach alle müssten sich der „Loverboy-Masche“ bewusst sein, um sie zu erkennen und Maßnahmen einleiten zu können. Einmal bis in die Prostitution abgerutscht, quer durch alle Bundesländer und über Deutschlands Grenzen hinweg durch Bordelle, eigens angemietete Wohnungen, Clubs, neuerdings auch immer mehr Internetplattformen gereicht, sei der Ausstieg nur schwer zu schaffen. „Da kommt so viel zusammen: Angst, Scham, Schuldgefühle, emotionale Abhängigkeit, keine Ahnung, an wen man sich wenden kann, teils aber auch keine Möglichkeit, weil den Mädchen ihre Kommunikationsmöglichkeiten genommen, sie unter Drogen gesetzt werden“, ergänzt Pavlovska.

Deswegen will das Projekt „Liebe ohne Zwang“ — so auch der Titel des Projekttages — aufklären, was sich hinter dem Begriff „Loverboy“ verbirgt, welche Hinweise andeuten, dass so ein Mann am Werk ist. Wenn Mädchen plötzlich ständig heimlich telefonieren, ununterbrochen Nachrichten bekommen (weil sie kontrolliert werden), auffällig lange und oft duschen, Kontakte abbrechen, nur noch Langärmeliges tragen (um Verletzungen zu verbergen), aggressiv oder extrem verschlossen sind, sollten Alarmglocken schrillen. „Das einzige, was wirklich hilft: Wir müssen unsere Mädchen und Frauen stark machen“, ist Pavlovska überzeugt, dass ein gutes Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, Grenzen zu setzen und einzuhalten, hilfreich sind.

Aus eigener Erfahrung weiß Karl jedoch, dass ein „Loverboy“ selbst dann seine Falle zuschnappen lassen kann, wenn die Eltern aufmerksam sind, ihr Kind stärken und zulassen, dass es die Welt entdeckt. Passieren kann all das nicht nur irgendwo anders, sondern auch gleich nebenan. „Ein angeblicher Wohnsitz des Mannes, der meine Tochter damals zur Prostitution gebracht hat, war in Aachen“, gibt er zu bedenken, dass die Grenznähe der Region durchaus interessant für diese überhaupt nicht zuckersüße Szene ist.