Rurdorf: Die Kunst, einen Stall zu bauen

Rurdorf: Die Kunst, einen Stall zu bauen

Wenn für die meisten Menschen Weihnachten noch in weiter Ferne liegt und in den Supermärkten Marzipan und Lebkuchen noch keinen Einzug gehalten haben, dann beginnt für die Mitglieder des Vereins „Krippenfreunde Rurdorf“ bereits die Vorweihnachtszeit. Mitte September starten ihre Krippenbaukurse, und wer schon einmal in ihrem Bastelkeller in der Linnicher Grundschule vorbei geschaut hat, weiß dass dies auch notwendig ist.

Viele Arbeitsstunden müssen die Krippenbauer in ihre kleinen Kunstwerke investieren, die sie aus Sperrholz, Gips, Leim und einigen geheimen Zutaten gezimmert werden und anschließend von Meisterhand mit Pigmentfarbe ein möglichst authentisches Aussehen erhalten. Und dieser Meister ist Hans Peter Kempen aus Rurdorf. Seit frühester Jugend hat er sich dem Krippenbau verschrieben. 15 Jahre war er alt, als er seine erste Krippe baute und sich mit dem Virus infizierte. Seit 1977 baut er alljährlich die Kirchenkrippe in Rurdorf auf, besuchte in den Jahren 1982 und 1983 Kurse in der Krippenbauschule Innsbruck/Österreich und legte dort 1984 seine Prüfung zum Krippenbaumeister ab.

Sein Wissen und Können wollte er nicht für sich behalten sondern es mit anderen teilen. Und so begann er mit Krippenbaukursen zunächst in Gevelsdorf und in Schleiden/Eifel. 1996 sammelte er eine Schar Gleichgesinnter um sich und gründete mit acht Mitstreitern den Verein „Krippenfreunde Rurdorf“. Längst ist er den Kinderschuhen entwachsen und zählt mittlerweile mehr als 100 Mitglieder. Alljährlich finden mehrere Krippenbaukurse statt, deren Ergebnisse bei der Krippenausstellung im Schützenhaus des Dorfes an den ersten beiden Adventwochenenden vorgestellt werden. Rund 800 Krippen, so schätzt Kempen, hat er in ihrer Entstehungsphase betreut und zahlreiche auch selbst gebaut.

„Nun mach das auch schön“, fordert er seine Schüler immer wieder auf. Doch allzu exakt darf die Krippe auch wieder nicht gearbeitet sein. „Schließlich handelt es sich dabei ja um einen Stall“, meint der Meister. Auf eines legt er größten Wert. Die Proportionen müssen stimmen.“ Neben den regulären Krippenbaukursen, zu denen sich immer wieder eine ganze Reihe „Wiederholungstäter“ einfinden, hält der Verein alljährlich mit Schnitzkursen ein besonders Angebot bereit. 2003 fand erstmals ein Kurs für Kastenkrippen statt.

Sehr beliebt sind die Kurse für Hintergrundmalereien. Auch in diesem Jahr war Rupert Beran wieder aus Salzburg angereist, um einige Krippenbauer in die Geheimnisse der Hintergrundmalerei einzuweihen. Berti, wie er genannt wird, ist gern gesehener Gast in Linnich.

Neben den Kursen, die auch Nicht-Mitgliedern offen stehen, ist der Verein überaus aktiv. Fahrten zu Kirchen und Krippen stehen regelmäßig auf dem Programm. Man besucht Krippenbaufreunde in Italien, Spanien und Österreich. Eine enge Freundschaft pflegt man mit den Krippenfreunden in Altötting.

Hans Peter Kempen selbst nimmt auch regelmäßig an nationalen und internationalen Krippenkongressen teil, denn die Krippenbauer sind weltweit vernetzt. Aus diesem Netzwerk heraus ergeben sich ungeheure Möglichkeiten, wovon auch die Krippenfreunde in der Region profitieren. Beim 25-jährigen Bestehen des Weltverbandes der Krippenbauer, das in Barcelona, einer wahren Krippenhochburg, gefeiert wurde, war Hans Peter Kempen dabei. Damals nahm er Kontakt auf und organisierte mit einer Krippenbauerin aus Köln eine Ausstellung, zu der Krippen aus Barcelona nach Köln gebracht werden. Doch damit nicht genug: Im kommenden Jahr werden sie beim Krippenweg in Rurdorf zu sehen sein; im Gegenzug werden Rurdorfer Krippen nach Barcelona geschickt.

Der Krippenweg durch das Dorf ist ein weiteres Kind der Rurdorfer Krippenfreunde. Außerdem hat das Dorf ihnen die schöne Außenkrippe zu verdanken, und Hans Peter Kempen war Initiator des Krippenweges für das Dekanate Jülich/Linnich/Aldenhoven. Und dieser Krippenweg, der den Menschen den eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes, die Geburt Jesu, wieder vor Augen führen soll, liegt den Krippenbauern besonders am Herzen.

„Krippenbau ist mehr, als nur zur Weihnachtszeit etwas Schönes zu basteln. Krippenbau ist Verkündigungsarbeit. Es ist Auseinandersetzung mit dem Glauben“, erklärt Kempen und verweist auf die Jahreszeitenkrippen und „heilige Gräber“ die den Leidensweg Jesu darstellen und die in Bayern und Österreich wieder eine Renaissance erleben. „Unser Verein pflegt ein wichtiges Brauchtum. In jeder christlichen Familie sollte eine Weihnachtskrippe stehen“, betont er.

Zurzeit ist er mit einigen Vereinsmitgliedern mit einem ganz großen Projekt beschäftigt. In Rurdorf entsteht die neue Krippe für den Aachener Dom. Architekt Ferdi Sassmann hat sie entworfen und bei der Ausführung die Rurdorfer um Hilfe gebeten. Schon einmal haben sie ein solch großes Projekt in Angriff genommen, als sie eine Krippe für die Pfarrkirche in Kempen-Krefeld anfertigten und dafür eigens einen alten Straßenzug der kleinen Stadt nachbauten.