Rund 1,2 Millionen Euro für Bestandssicherung: Die Kommende darf nicht verfallen

Rund 1,2 Millionen Euro für Bestandssicherung : Die Kommende darf nicht verfallen

Rund 1,2 Millionen Euro sind in den vergangenen Jahren in die Kommende Siersdorf geflossen, um das Bestehen des Herrenhauses zu sichern. Bis Ende des Jahres sollen die Maßnahmen abgeschlossen sein.

Jetzt stehen vor allem noch umfangreiche Arbeiten an der Außenfassade an. Das Herrenhaus befindet sich mittlerweile im Besitz des Fördervereins Kommende Siersdorf, der das Gebäude saniert und restauriert. Bislang wurden im Inneren zahlreiche Decken und Mauern umfangreich stabilisiert und erneuert. Der Westturm musste außerdem vom restlichen Bauwerk abgetrennt werden, da er auf Grund einer tektonischen Störzone vom Gebäude abscherte. Jetzt steht er allein, aber ist stabil.

Was heute einer Ruine gleicht, war einst ein prachtvolles Gebäude, bevor es im Zweiten Weltkrieg erheblich zerstört wurde. 600 Jahre lang diente die Anlage als Verwaltungssitz und Residenz für die Ritter des Deutschen Ordens.

Die Geschichte des Deutschen Ordens begann mit den Kreuzzügen. Im Jahr 1190 gründete sich ein Hospitalorden. Seine Hauptaufgabe bestand in der Krankenversorgung und Verpflegung der deutschsprachigen Teilnehmer der Kreuzzüge. Dann wurde der Orden in einen Ritterorden umgewandelt.

Für den Deutschen Orden war der fünfte Kreuzzug besonders wichtig. Er erfuhr von Beginn an viel Unterstützung. Zahlreiche Teilnehmer nahmen prachtvolle Schenkungen vor, so dass der Orden schnell mit „wertvollen Stiftungen im Rheinland versorgt wurde“, erzählt Guido von Büren, Vorsitzender des Fördervereins und des Jülicher Geschichtsvereins (JGV). Vor 800 Jahren schenkte auch Wilhelm III., Graf von Jülich, dem Orden unter anderem die Kirche in Siersdorf. Deswegen wird in diesem Jahr auch das Jubiläum „800 Jahre Siersdorf und der Deutsche Orden“ gefeiert.

Zwischen 1220 und 1230 nahm der Deutsche Orden Siersdorf in seinen Besitz. Die Kommende war jetzt Niederlassung der Ritter und Geistlichen. „So wurde Siersdorf die Keimzelle des Ordens im Rheinland“, erläutert der Vorsitzende. Die Fertigstellung des ersten Kommendengebäudes erfolgte im Jahr 1267.

Zu den Hauptaufgaben des Ordens zählten weiterhin die Armenspeisung und Krankenpflege, aber auch die Priesterausbildung. In den Deutschen Orden eintreten konnte jeder, der sich dazu bereiterklärte, nach den Ordensregeln zu leben und das Zölibat zu befolgen – also sexuell enthaltsam zu leben und nicht zu heiraten.

„Ein richtiger Ritter konnte man werden, wenn man adelig war“, sagt von Büren. Besonders interessant war das für den rheinischen Adel, da der Deutsche Orden so eine Anlaufstelle für männliche Nachkommen war, die aufgrund der Erbfolge nicht das Amt ihrer Väter, dort aber ein geistliches Amt übernehmen konnten. Vor allem die Familie von Reuschenberg schickte ab Ende des 15. und bis Anfang des 17. Jahrhunderts zahlreiche Nachkommen nach Siersdorf.

Einer von ihnen – Heinrich von Reuschenberg – brachte die Ziele des Ordens voran, sodass er das Herrenhaus um 1578 neu aufbaute und sich eine Art Schloss errichtete. Im 16. Jahrhundert besaß das Herrenhaus noch eine mächtige Dachhaut über vier Geschosse. Die Niederlassung finanzierte sich vor allem durch wirtschaftliche Erträge und Pachteinnahmen der umliegenden Ländereien.

Die mächtige Dachhaut mit vier Geschossen zierte das Herrenhaus noch um 1935. Foto: Bildarchiv Förderverein Kommende Siersdorf

Als französische Truppen die Kommende im Jahr 1794 im Zuge des Ersten Koalitionskriegs besetzten und plünderten, flüchteten die Ordensritter und kehrten nicht mehr zurück. Unter Napoleon wurde der Orden 1809 aufgelöst. Ein Teil rettete sich nach Wien – deswegen gibt es den Deutschen Orden auch heute noch. „Siersdorf wird in der Folgezeit zum Veteranencamp von Napoleon“, sagt von Büren. Als 1814 die Preußen kamen und das Rheinland von den Franzosen befreiten, übernahmen sie auch das Arial rund um die Kommende. 1820 wurde sie an Gerhard Heusch aus Aachen verkauft.

Während des Zweiten Weltkriegs geriet Siersdorf in die Kampflinie. Durch amerikanischen Artilleriebeschuss wurde das Herrenhaus 1944 schwer beschädigt. Danach verlor die Familie das Interesse an dem Gebäude. Es siechte vor sich hin. Den Wirtschaftshof und einen Großteil der Ländereien verkaufte sie 1950 an den Eschweiler-Bergwerksverein (EBV).

Das Einziehen neuer Betondecken und andere erhaltende Maßnahmen wurden nach dem Krieg schnell eingestellt. „Man sah keine Nutzungsperspektive. Daran änderte sich Jahrzehnte nichts“, bedauert von Büren. Das seit 1992 eingetragene Denkmal verfiel weiter. Mittlerweile lag der Erbanteil bei 21 Familienmitgliedern, die teilweise nicht in Deutschland lebten.

Jetzt ist die Kommende rundum mit Gerüsten umgeben und wird an der Außenfassade saniert und restauriert. Foto: Anke Capellmann

Im Jahr 2001 gründete sich der Förderverein Kommende Siersdorf. „Uns geht es vor allem um die Bestandssicherung des Herrenhauses“, erläutert von Büren. Die Nutzungsperspektive sei zunächst zweitrangig. So setzte sich der Verein massiv für den Erhalt der Anlage ein und konnte sich seit 2012 auch Eigentümer des Herrenhauses nennen. „Alle 21 Besitzer mussten den Übernahmevertrag erst bestätigen. Es dauerte knapp ein halbes Jahr, bis er rechtskräftig wurde und der Grundbucheintrag erfolgen konnte“, erinnert sich der Vorsitzende.

In die Sanierungsarbeiten und Bestandssicherung sind mittlerweile 1,2 Millionen Euro geflossen. Neben sanierten und neu eingezogenen Decken, mussten auch Mauern stabilisiert werden. Von außen mussten große Mengen an Efeu entfernt werden. Weitere Arbeiten an der Außenfassade stehen noch aus. Auch die Brücke vom Hof aus muss gemacht werden. Bis Ende des Jahres sollen die Maßnahmen abgeschlossen sein.

Finanziert werden die Arbeiten von Land, Bund, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der NRW-Stiftung Natur-Heimat-Kultur sowie durch Eigenanteile des Fördervereins und eingeworbene Spenden. Insgesamt bekommt der Förderverein einen Zuschuss von 90 Prozent – bleiben 120.000 Euro Eigenanteil.

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