Jülich: Die Drogenberaterin arbeitet an den Grenzen der Belastbarkeit

Jülich: Die Drogenberaterin arbeitet an den Grenzen der Belastbarkeit

Jedes Mal, wenn ein neuer Klient im Beratungszimmer Platz nimmt, erwartet Marita Grossmann eine andere Geschichte. Ein neuer Lebenslauf, ein individuelles Schicksal. Für die Sozialarbeiterin gibt es daher keinen allgemeingültigen Fahrplan.

Für jeden Hilfesuchenden, der zu ihr kommt, entwickelt sie eine ganz eigene Strategie - zugeschnitten auf Persönlichkeit, Situation und Geschichte.

Der Bedarf wächst stetig

Seit zehn Jahren ist Marita Grossmann in der Drogenberatungsstelle Jülich des Sozialpädagogischen Zentrums in Düren tätig, und der Bedarf scheint stetig zu wachsen. Schon lange arbeiten Grossmann und die zwei weiteren Sozialarbeiter an der Grenze der Belastbarkeit.

Das zeigt der kürzlich erschienene Jahresbericht 2008. Insgesamt 134 Klienten wurden demnach intensiv betreut, das waren 27 mehr als im Jahr zuvor. Im Durchschnitt sind die Betroffenen zwischen 18 und 30 Jahren alt.

Tabak und Alkohol rangieren bei den missbrauchten Substanzen in vorderster Linie. Wilfried Pallenberg, Leiter des Sozialpädagogischen Zentrums in Düren, macht dafür vor allem den allgemeinen Umgang mit diesen Suchtstoffen verantwortlich: „Tabak und Alkohol sind Alltagsdrogen und werden oft unterschätzt.”

Es gäbe so gut wie keine Hemmschwelle mehr und das führe dazu, dass der extreme Umgang mit diesen legalen Drogen zunimmt und dass schon Kinder damit in Kontakt kommen. „Je früher die Klienten anfangen, umso gefährlicher ist es”, weiß Marita Grossmann. „In jungem Alter hat man noch keinerlei Abwehrkräfte in Form von einer gefestigten Lebensstruktur.” Für die meisten Klienten sind Tabak oder Alkohol lediglich die Einstiegsdrogen.

Zudem stellt die Einrichtung in ihrem Bericht einen enormen Anstieg des Konsums von Amphetaminen und Cannabis fest. „Amphetamine bringen die Gehirnchemie durcheinander”, erklärt Grossmann. „Sie können zu extremen Persönlichkeitsveränderungen und Psychosen führen.”

Stationäre Therapie Königsweg

Bei jedem Klienten wägen die Sozialarbeiter die optimale Verfahrensweise ab. Nach der „Kennenlernphase” wird unter anderem entschieden, ob der Süchtige stationär oder ambulant behandelt wird. Im letzten Jahr konnte die Jülicher Beratungsstelle 22 ihrer Klienten in eine stationäre Therapie vermitteln. „Das ist natürlich der Königsweg”, sagt Wilfried Pallenberg. „Meist geht einem solchen Erfolg aber eine langwierige Motivationsphase von bis zu einem Jahr voraus.”

Für Betroffene, die ihr Umfeld nicht verlassen wollen oder können, bietet die ambulante Behandlung ebenso große Chancen. Dabei spielt oft auch die Eltern- und Angehörigenarbeit eine große Rolle. „Bei jungen Drogenkonsumenten wurden die Kontakte zu unserer Stelle überwiegend von den Eltern hergestellt”, berichtet Grossmann. „Die Einbeziehung der Familie in den Beratungsprozess hat sich in vielen Fällen als erfolgsversprechend erwiesen.”

Spezielle Freizeitangebote

Nebenbei kümmern sich die Berater darum, dass die Betroffenen wieder eine Struktur in ihr Leben bekommen. „Viele haben die Schule abgebrochen, keine Lehrstelle und überhaupt keine Motivation mehr”, so Grossmann.

Deshalb bietet die Einrichtung auch spezielle Freizeitangebote an, bei denen die Klienten betreut werden, gleichzeitig wieder einer Beschäftigung nachgehen und ihr Selbstwertgefühl aufbauen können. Hinzu kommt eine gute Vernetzung mit anderen Beratungsstellen wie dem Jugendamt, der Bewährungshilfe, dem Sozialamt oder der Diakonie.

Die Dauer der Beratungen ist genauso unterschiedlich, wie die Klienten selbst. „Manche waren nach drei Monaten clean”, blickt die Sozialarbeiterin zurück. „Andere kommen seit zehn Jahren zu mir - zur Nachsorge zum Beispiel.” Nach 25 Jahren Berufserfahrung weiß sie, worauf es bei ihrem Job ankommt.

Wichtig sei vor allem Akzeptanz. „Man darf nicht gegen die Sucht, sondern muss mit der Sucht arbeiten.” Die nötige Distanz zu den Klienten müsse auf jeden Fall gewahrt werden und gleichzeitig müsse man in der Lage sein, sich auf die Schicksale einzulassen. „Wir versuchen, die Menschen ernst zu nehmen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen”, erzählt Leiter Pallenberg. „Das Rezept lautet Fördern und Fordern.”

Im nächsten Jahr feiert die Beratungsstelle in Jülich Silberjubiläum. Für Pallenberg und Grossmann steht fest: „Wir wollen versuchen, den Stand der Dinge zu halten und unseren Klienten so gut es geht gerecht zu werden.” Die Arbeit sei sehr intensiv, zäh und anstrengend - nicht so spektakulär, wie es in der Öffentlichkeit oft dargestellt werde. „Die Geduld und die vielen Anstrengungen im Stillen zahlen sich zwar nicht immer, aber oft aus.” Und genau deshalb liebt Marita Grossmann ihren Beruf immer noch - auch nach 25 Jahren.

Kontaktdaten und Sprechzeiten

Drogenberatungsstelle Jülich, Ellbachstraße 16, 02461/53537. Sprechzeiten sind montags und freitags von 9 bis 12.30 Uhr; dienstags 14 bis 18 und donnerstags 14 bis 19 Uhr.