Der Weg der Zuckerrüben vom Feld in die Fabrik

Von Eschweiler über Aldenhoven nach Jülich : Der Weg der Rüben vom Feld in die Fabrik

Hubert Mock fährt mit dem Roder übers Feld, Tag und Nacht, und er fährt gern. Auf und ab, zwischendurch eine Schneise, damit am Schluss die Anzahl der Bahnen stimmt, dann wieder auf und ab. Er macht das bei weitem nicht zum ersten Mal, eigentlich ist Mock schon fast sein ganzes Leben lang Landwirt. Das ist Alltag während der Zuckerrüben-Kampagne.

Heute geht niemand mehr mit dem Spaten aufs Feld, um die Knollen aus dem Boden zu hebeln, niemand bückt sich nach jeder einzelnen Kartoffel oder Rübe, um sie danach in einen Korb zu werfen. Heute fährt man fast vollautomatisierte Roder.

An diesem Mittag im Rübenfeld bei Aldenhoven ist Mock müde. Die gesamte vergangene Nacht saß der Eschweiler Landwirt auf der Erntemaschine. Die Zuckerrüben müssen aus dem Boden, und zwar bevor der Frost kommt. Seit September erntet Mock nun, Mitte Dezember muss Schluss sein. Also ein paar Stunden Schlaf, dann weiter. Wetter und Feldfrüchte scheren sich wenig um geregelte Arbeitszeiten. „Immer auf dem Bauch schlafen, dann fällt die Müdigkeit heraus“, sagt Mock und lacht.

Etwas mehr als eine Stunde rechnet er pro Hektar fürs Ernten. Das Feld an diesem Tag in Aldenhoven misst gute zwölf Hektar. Sieben bis acht Kilometerstunden fährt der Roder, genau so, dass man sich schon ein bisschen anstrengen muss, wenn man zu Fuß nebenher Schritt halten wollte.

Erde, Blattgrün, Diesel

Die Lademaschine schaufelt die Rübenberge zusammen und verlädt sie in den Lastwagen. Foto: Marie Eckert

Drinnen im Roder erscheint das Tempo gemächlich. Es ruckelt und zuppelt, wenn sich die Maschine ihren Weg über den Acker bahnt, der Fahrerstuhl federt mit, und es riecht nach Erde, Blattgrün und ein bisschen nach Diesel. Es ist warm und irgendwie ein schönes Gefühl, wie die Rüben Reihe um Reihe aus dem Boden gezogen werden und hinten im Roder landen. Am Anfang jeder Bahn muss der Fahrer mitlenken, dann hält der Roder allein seine Spur. Mehrere Bildschirme zeigen an: Wie fährt die Maschine, wie sieht es hinter ihr aus, wie tief gräbt sie, um an die Rüben zu kommen? Auf einem Tablet ist jede einzelne Parzelle vermerkt, die geerntet werden muss, alles ist mit GPS vernetzt. „Das wird immer mehr“, sagt er und meint damit die Technisierung.

Während der Roder also auf und ab fährt, entfernt er die Blätter, häckselt sie und schneidet den Strunk der Rübe weg. Ein Transportband bringt die Feldfrüchte dann von unten über die Seite des Wagens in den Hänger. Wenn die Ladefläche noch leer ist, klingt das, als ob viel zu große Hagelkörner auf ein Dachfenster prasseln. Wenn der Roder voll mit Rüben ist, steuert der Fahrer den riesigen Haufen Zuckerrüben an, der schon auf dem Feld liegt. Ein paar gekonnte Lenkungen, Stopp, abladen. Die Knollen fallen auf den Berg, der Hänger leert sich. Es sieht so aus, als würde man Wasser aus einer Badewanne ablassen. Nur eben mit Zuckerrüben.

Und die nächste Runde. Mock kann dabei eine Menge erzählen, über die Vorgänge, die Abläufe und über die Technik. Er weiß, wem welche Parzelle gehört, wer wie anbaut und wie erntet. Zum Beispiel beim Nachbarfeld, bei dem der Bauer einen komplett automatischen Roder mit Satellitensignal fährt. „Gucken Sie mal, das ist kerzengerade gefahren, das kriegt man kaum so hin.“ Natürlich kennt er auch alle Rübensorten, er kann sie aus dem Stand aufzählen, die alten, die guten und auch die weniger guten. Bezogen werden die Samen im Frühjahr von der Zuckerfabrik Jülich – das ist ein Muss, damit man dort genau weiß, welche Früchte später im Jahr angeliefert werden.

Die Knollen werden in der Zuckerfabrik Jülich mit Hochdruck aus dem Laster gespült. Foto: Marie Eckert

Und Mock ist gemeinhin zuversichtlich. Das Jahr war extrem trocken, die Ernte entsprechend geringer als gewöhnlich, die Zeit drängt und ein paar Tage zuvor ist auch, noch einer seiner Lkw kaputtgegangen. Aber er sagt: „Das schaffen wir schon, das haben wir bisher noch immer geschafft.“

Während er vom Roder absteigt, sucht er schon nach seinem Handy. Wo ist der Lkw, der die Rüben zur Jülicher Zuckerfabrik fährt? Ein kurzes Schulterklopfen mit der Ablöse am Roder, ein schnelles Hallo an den Parzellenbesitzer, dann steigt Mock in seinen Geländewagen und fährt in Richtung Lindern zum gesuchten Laster.

„Hier hab’ ich letzte Nacht gerodet.“ Während der Fahrt deutet er auf ein Feld an der Bundesstraße 56. Mit fünf Jahren hat sein Vater ihn zum ersten Mal auf einen Trecker gesetzt, erzählt er, und ganz offensichtlich scheint es ihn damals gepackt zu haben. „Roderfahren macht Riesenlaune“, sagt er und lächelt, den Blick auf die Bundesstraße geheftet. Auch nachts. Wenn der „tote Punkt“ da einmal überwunden sei, überwiege die Freude am Ergebnis, sagt er. „Man bewegt was.“ Und: „Nach dem Roden oder Säen zu sehen, da hat man was gemacht, das ist richtig gut geworden – das ist befriedigend“, sagt er, und er lächelt weiter.

„Na, Hubert, wie jeht et?“ Mock kennt die Kollegen auf den Feldern der Region. Entsprechend herzlich fallen die Begrüßungen aus, auch in Lindern. „Wir können uns aufeinander verlassen, das ist das Wichtigste“, sagt Mock.

Mock ist im Vorstand des Maschinenrings Rheinland West, einem Zusammenschluss von rund 650 Landwirten der Region zwischen Alsdorf und der A46 im Selfkant. Zusammen mit 25 Kollegen übernimmt er für viele dieser Bauern das Aussäen, Ernten, Abtransportieren – zwischendurch geht es fast nebenbei zur Arbeit auf seinen eigenen Hof in Eschweiler.

Intern, da trage man auch schon mal kleine Wettkämpfe aus: Wer lädt die meisten Rüben, welcher Roder hat die meisten Hektar Land gefahren? „Natürlich alles freundschaftlich, keine Konkurrenz“, sagt Mock und lacht wieder.

25 Tonnen Rüben pro Fahrt

In Lindern schaufelt derweil eine andere Maschine zuerst mit einer riesigen Schippe den Zuckerrübenhaufen ordentlich zusammen, um die Knollen dann auf ein weiteres Transportband zu manövrieren und auf dem Lkw zu verteilen. Der bringt die Fracht dann nach Jülich in die Fabrik. 40 Tonnen dürfen die Laster wiegen, wenn sie in das Werk von Pfeifer & Langen hineinfahren. Bei einem Leergewicht von rund 15 Tonnen macht das 25 Tonnen der süßen Ladung. Drei Minuten dauert es, dann ist der Lkw voll und bereit zur Abfahrt. Lademaschinen und Lkw laufen im Moment 24 Stunden, die Roder im Endspurt oft auch.

Landwirt Stefan Philippen fährt den Laster, es ist seine letzte Schicht für den Tag. Das Feld in Lindern ist gut 20 Kilometer von der Zuckerfabrik entfernt – vollbeladen über die engen Landstraßen keine so ganz kleine Entfernung. Bei der Rübenfabrik geht alles ganz schnell: Fracht anmelden, Gesamtgewicht feststellen, Knollen abladen. Philippens Laster kann den Anhänger nicht kippen. Also positioniert er sich unter einem Wasserstrahl, der die Knollen mit Druck aus dem Anhänger in einen Graben hineinspült. Keine zehn Minuten später steht er mit dem Laster wieder auf der Waage, diesmal, um das Leergewicht zu bestimmen. Zurück bei der Anmeldung bekommt er noch einen Ausdruck, der Auskunft über Menge und Beschaffenheit der Fuhre gibt. „Hoher Blattanteil, viel Unkraut“ steht unter dem Punkt „Bemerkungen“.

„Nicht so gut“, sagt Philippen, faltet den Zettel und macht sich auf den Rückweg zu seiner Ablöse. In nächster Zeit wird Philippen noch die ein oder andere Lkw-Ladung von den Feldern der Region nach Jülich fahren. Denn wenn die Rüben aus dem Boden sind, dauert es vermutlich noch bis Anfang Januar, bis alle in der Fabrik angekommen sind, schätzen beide Landwirte. Ab April werden wieder neue Zuckerrüben gesät. Wenig Pause, und ganz sicher kein Nine-to-Five-Job. Trotzdem wird Hubert Mock auch in der nächsten Saison wieder Roder fahren, und er wird es gern machen. Er sagt: „Man hängt daran.“

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