Linnich/Eschweiler: Der schwierige Kreisverkehr-Slalom eines 600-Tonnen-Schwertransports

Linnich/Eschweiler: Der schwierige Kreisverkehr-Slalom eines 600-Tonnen-Schwertransports

Plötzlich war doch noch Zeit für ein bisschen Fußball. „Kroatien? Echt? Krass“, sagte einer der Arbeiter. Das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Kroatien und England (2:1) war da schon mehr als drei Stunden her. Bis dahin hatten die Arbeiter am Mittwochabend und am frühen Donnerstagmorgen keinen Gedanken an Fußball verloren.

Denn bis dahin war der insgesamt über 600 Tonnen schwere Transport fahrplanmäßig gerollt auf der Etappe von Immerath nach Linnich. In Linnich stockte der 80 Meter lange Transport-Koloss etwas überraschend am Andreaskreuz vor dem Bahnübergang bei SIG Combibloc.

Im Moment verfrachtet RWE einen Generator aus dem stillgelegten Kraftwerk Voerde nach Weisweiler. Am 20. Juli soll er dort ankommen. Bis dahin rollt der Koloss auf dem Weg des geringsten Widerstands durch die Region auf dem Weg nach Weisweiler. Den hat das Unternehmen Kahl Schwerlast ein halbes Jahr lang berechnet. Von Voerde am Niederrhein bis nach Düsseldorf war der Generator über den Rhein verschifft worden. Seitdem geht es über Land, zuletzt durch den Kreis Heinsberg, jetzt durch den Kreis Düren.

Linnich ist dabei eine der kompliziertesten Passagen, wegen der drei Kreisverkehre, und weil die Bundesstraße 57 über eine Brücke führt. Für die Brücke macht der Koloss im Moment Pause an der B57. Er wird umgebaut, auf mehr Achsen gelagert und rollt am Donnerstag über die Brücke, spätestens in der Nacht, vielleicht schon am Tag, wenn die Genehmigung rechtzeitig vorliegt.

Direkt nach der Brücke folgt auf den Lkw-Haltebuchten an der B57 direkt der nächste Halt. Die Hälfte der Achsen wird demontiert. Dann ist der 80 Meter lange Zug wieder flexibler, kann das Abbiegen von der B57 auf die B56 bei Puffendorf schaffen, später dann die Kreisverkehre an der Autobahnauffahrt Aldenhoven und das Abbiegen hinter Aldenhoven in Richtung Weisweiler. So der Plan.

Nicht geplant war der Halt vor dem Andreaskreuz in Linnich. Diejenigen, die das Verkehrszeichen irgendwann installiert haben, waren großzügig gewesen bei der Länge der Gewindestanden, mit denen das Schild im Boden verankert war. So großzügig, dass das Gewinde länger war als das Stromkabel für das Rotlicht. Losschrauben, anheben, umlegen — das hatte in der Nacht an jedem Kreisverkehr problemlos funktioniert.

Zwei Mann, eine Art Vor- und Nachhut, hatten gereicht, um alle im Weg stehenden Schilder umzulegen, bevor der Koloss die Engstellen erreichte, und danach wieder aufzustellen. Jetzt aber ging nichts mehr. Die Gewindestangen mussten abgeflext werden. Dafür brauchte die Vorhut Unterstützung, um das Schild lang genug anzuheben, damit geflext werden kann.

Die blieb aber zunächst aus, weil alle Kollegen 200 Meter weiter hinten in Millimeter-Rangierarbeit damit beschäftigt waren, den Koloss mit mehr Achsen auszustatten, um eine kleine Brücke zu überfahren, ohne die Tragkraft zu überschreiten. Und so blieb der Vorhut mit dem Andreaskreuz in Händen Zeit für einen kurzen Fußball-Plausch. Frankreich werde es wohl machen.

Die langen Gewindestangen haben RWE-Mann André Salten nicht aus der Ruhe gebracht. Der Techniker hat den Hut auf für das Groß-Projekt, das mit den Planungen des Ausbaus in Voerde begonnen hat und endet, wenn der Generator in Weisweiler eingelagert ist.

Nur einmal im Berufsleben

„Das ist schon ein Riesenkraftakt. Allein die Planung hat ein Jahr gedauert“, sagte Salten und machte Fotos mit seinem Mobiltelefon, als der 80 Meter lange Zug über die kleine Brücke rollte. „Sowas erlebst du vermutlich nur einmal in deinem Berufsleben.“ Dass eine der Etappen mal eine Stunde länger dauern kann als geplant — geschenkt, so lange der alltägliche Verkehr so wenig wie möglich beeinträchtigt wird. Deswegen rollt der Zug fast immer nur nachts.

„Hoffentlich werden wir den Generator nie brauchen“, sagte Salten. Sinnvoll sei es trotzdem, eine Reserve zu haben. Schließlich stammen die Generatoren aus den 70er Jahren und müssten heute eine höhere Last fahren als ursprünglich geplant. Das gilt für die Blöcke G und H in Weisweiler, und für den baugleichen Generator aus Voerde. Auszuschließen sei nicht, dass eines der 400 Tonnen schweren Bauteile mal den Geist aufgibt. Und dann wäre Ersatz da, statt wenigstens ein halbes Jahr warten zu müssen, bis ein neuer Generator zur Verfügung steht.

Als die Brücke geschafft war, konnte die Gewindestange schnell gekappt werden. Die Vorhut deckte daraufhin die Bordsteine mit Stahlplatten ab. Und dann rollte der 80 Meter lange Zug — gezogen und geschoben von zwei Zugmaschinen — in drei Minuten über den Kreisverkehr. Möglich ist das, weil die zwei Auflieger, auf denen der Generator samt Tragegestell gelagert ist, mit Gelenken ausgestattet sind und sie unabhängig gesteuert werden können.

Der Bürgersteig am Kreisverkehr vor SIG Combibloc wurde als Fahrbahn genutzt und hat das überstanden; ebenso wie das Gebüsch, das Vollkontakt mit dem Generator hatte. Genau genommen hat Linnich nachher genau so ausgesehen wie vor dem Monster-Transport.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schwertransporter legt Etappe von Immerath bis Linnich zurück