Der Niederadel hat das Jülicher Land geprägt

Untergegangene Burgen und Herrenhäuser: Der Niederadel hat das Jülicher Land geprägt

Der Adelsstand ist keine Garantie für ein sorgloses Leben. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit, aber dennoch hält sich das Bild vom Leben „in Saus und Braus“ hartnäckig. Das Beispiel einer verarmten Freifrau aus Tetz, die in reicher Umgebung starb, liefert ein Beispiel.

Als die Gattin des letzten „blaublütigen“ Tetzers 1978 starb, hatte sie schon viele Jahre in einer sehr kleinen Wohnung verbracht. Gerda Freifrau von Brachel war aber in Meerbusch umgeben von Luxus- und Besitztümern, die auf der Burg Tetz zum Teil über Jahrzehnte und Jahrhunderte das Leben in besseren Zeiten geprägt haben. Die Burg und der sie umgebende Park sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, das galt auch für weite Teile des Mobiliars, aber nicht alles.

Die Karte zeigt untergegangene Adelssitze im Jülicher Land. Foto: grafik

Die Linie von Brachel-Tetz kam zwar wirtschaftlich nicht mehr wirklich auf die Füße. Die Überreste der Burg verfielen schleichend und wurden „in den 70er Jahren abgeräumt“, erzählt der Jülicher Historiker Guido von Büren. Mit dem Tod von Gerdas Gemahl Maximilian, der 1884 auf der Burg Tetz geboren wurde, starb die Linie 1964 aus. Allerdings hatte der letzte Tetzer von Brachel testamentarisch verfügt, das die noch in seinem Besitz befindlichen historisch wertvollen Objekte nach dem Tod der Ehefrau der Stadt Jülich übergeben werden.

„Das ,Legat von Brachel’ bildet heute einen wichtigen Teil der Sammlung des Museums Jülich“, sagt von Büren, Vorsitzender des Jülicher Geschichtsvereins. Ein Beispiel dafür ist eine schon zu ihrer Zeit teure Kunstschnitzarbeit aus Eger, ein Kasten mit Egerer Reliefintarsien, mit dem sowohl Schach als auch Backgammon gespielt wurde.

Das Wissen um Details, große wie vermeintlich unwichtige, über den Adel im Altkreis wird an der Stelle erweitert. Die Forschung hat keine nostalgischen Gründe. Die Adelsstruktur hat das Herzogtum Jülich bis heute geprägt, und die große Dichte des Niederadels in unseren Breiten war kein Zufall: „Agrarisch geprägte Gesellschaften sind meistens Adelsgesellschaften“, sagt von Büren. Die Jülicher Börde mit ihren hochwertigen Böden ist bis heute eine Kulturlandschaft mit klarem Agrar-Akzent geblieben.

Eine weitere untergegangene Dynastie ist die Familie von Palandt , die auf Haus Breitenbend am Ostufer der Rur in Linnich einen ihrer wichtigen Sitze hatte. Das Geschlecht starb im 18. Jahrhundert aus. Die Burganlage war in der frühen Neuzeit schon zerstört und wurde laut Guido von Büren im 20. Jahrhundert „abgeräumt“. Das Wissen über Breitenbend muss sich weitgehend auf schriftliche Quellen stützen.

Das gilt auch für Herrenhäuser und Burgen im Westen Jülichs bei Aldenhoven, die dem Tagebau weichen mussten. Das geschah zu einer Zeit, in der die archäologischen Untersuchungen, die heute selbstverständlich sind, noch einen viel geringeren Stellenwert einnahmen. Das Rittergut Hausen zwischen Alt-Lohn und Niedermerz und das benachbarte Haus Lürken sind dafür ebenso Beispiele wie Haus Bock in Alt-Pattern.

Im einen Fall gab es überhaupt keine Grabungen, bevor die Bagger anrückten, im anderen sind die Ergebnisse laut von Büren nie publiziert worden. Im Falle von Lürken ist das auf eine gewisse Art fast tragikomisch: Denn in Hausen residierten lange Zeit Archäologen, die nach Resten von Ur-, Frühgeschichte und Bandkeramik durchaus erfolgreich suchten, aber ihre Arbeits-Heimat mit langer Historie kaum eines Blickes würdigten.

„Wir haben es in vielen Fällen nicht geschafft, die Zeugnisse der Geschichte zu bewahren. Und dann fehlen einfach wichtige Informationen“, sagt der Jülicher Historiker. Der nächste Teil unserer Serie wird sich daher den Standorten widmen, die vor dem Verfall bewahrt werden konnten.

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