Jülich: Das Forschungszentrum Jülich wird zum lebenden Labor

Jülich : Das Forschungszentrum Jülich wird zum lebenden Labor

Es ist heutzutage ein gepflegtes Vorurteil, dass Wissenschaftler Scheuklappen tragen, weil sich ihre Welt nur um die eigene Forschung dreht. Ohne Vernetzung läuft nichts mehr. Im Forschungszentrum Jülich gehen nun die rund 5900 Beschäftigten die größtmögliche Verbindung ein.

Denn alle gehören zum „lebenden Labor für die Energiewende“, das am Dienstag gestartet wurde. Der gesamte Campus im Stetternicher Forst, der die Dimension einer kleinen Stadt hat, wird zum Testfeld, das unter Realbedingungen zeigen soll, wie der Umstieg auf eine Versorgung durch Erneuerbare Energien schnellstmöglich gelingen kann und Treibhausgasemissionen drastisch gesenkt werden können.

Der Anspruch ist hoch, die Hoffnungen sind groß. Das wird schon dadurch deutlich, dass sich zwei Bundes- und ein Landesministerium das eine Stange Geld kosten lassen: 22,7 Millionen Euro kommen vom Bundesforschungs- und vom Bundeswirtschaftsministerium und vom NRW-Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Konkret geht es darum, alle Einrichtungen im FZJ energetisch zu vernetzen, optimal zu versorgen und die schwankenden regenerativen Quellen intelligent auszugleichen: und zwar mit Energie, die auf dem Campus über die Umwandlung von Sonnenlicht in Strom (Photovoltaik) und Wind demnächst verstärkt erzeugt wird oder mit Wärme, die zum Beispiel in Form von Abwärme zur Verfügung steht.

Ganz konkret ist vorgesehen, dass die Abwärme aus dem Super-Computing-Centre einen zu errichtenden Verwaltungsbau beheizen soll. Geplant ist außerdem der Bau von zwei Groß-Batterien, die Energie speichern, sowie die Umwandlung erneuerbaren Stroms in chemische Energieträger, der Bau eines Wasserstoff-Demonstrators, die Einbindung der Brennstoffzelle und die Errichtung von Pipelines und neuen Leitungsnetzen. Kurze Formel aller Abläufe: Messen, steuern, verteilen.

Die „Drähte“ laufen in einer neuen Leitzentrale zusammen, in der die Energiesysteme auf Basis vorausschauender und lernfähiger Algorithmen geregelt werden.

Dazu arbeiten unter Leitung von Projektmanager Dr. Stefan Kasselmann etwa 30 Personen aus zehn Institutsbereichen im neuen Fachbereich „Energy System Engineering“ zusammen. Besonders wichtig ist laut Kasselmann, dass die im Forschungszentrum gewonnenen Erkenntnisse „skalierbar“ seien — also auf größere Maßstäbe übertragbar.

„Das ist ein besonders wichtiges Projekt für uns und die zahlreichen Partner“, sagte Karsten Beneke als stellvertretender Vorstandschef des Forschungszentrums am Dienstag, denn es würden höchste Erwartungen geweckt.

Das „Living Lab Energy Campus“ (LLEC) soll ein „markttaugliches Konzept für ein Integriertes Energiesystem entwickeln“, formulierte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, Thomas Rachel (Düren), das Ziel. Das von „alten Energieträgern“ geprägte Land Nordrhein-Westfalen erhofft sich durch das Jülicher Projekt einen Fingerzeig für die Wirtschaft der Zukunft, sagte Staatssekretärin Anette Storsberg.

Das FZJ kooperiert mit dem Karlsruher Institut für Technologie, das ein ähnliches Projekt betreibt, aber stärker die Industrie in den Fokus nimmt. Eine Unterstützung des in Jülich geplanten Brainergy-Park sei ebenso vorgesehen, sagte Vorstandsmitglied Professor Harald Bolt.

Die Besonderheit in Jülich ist die Einbindung der Mitarbeiter, die Hinweise zur Verbesserung der Energieeffizienz erhalten und zu sparsamem Umgang mit Energie motiviert werden.

(-vpu-)
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