Bürgerdialog in Jülich zeigt die Sorgekultur im historischen Vergleich auf

Brückenschlag : Jülicher Sorgekultur vom Herzog bis heute

Das Thema ist ernst, die Darbietung humorvoll: Der Umgang mit Kranken und Armen zu Zeiten von Wilhelm V. bis in die Gegenwart in der Herzogstadt zeigte ein Bürgerdialog auf, bei dem der Fürst mit dem Bürgermeister spricht.

Sorgekultur heute und im Vergleich dazu im 16. Jahrhundert zu Herzogs Wilhelms Zeiten war Thema des interessanten Bürgerdialogs mit viel Humor in der Schlosskapelle. Anlass war die Einladung der kreisweiten „Initiative Sorgekultur“, die eine aus neun Grundsätzen bestehende Ethikcharta auf den Weg gebracht hat und einen Sorgekompass erarbeitet. Im Mittelpunkt des Bürgerdialogs stand ein Zwiegespräch zwischen dem bereits verstorbenen und mehrfach „zurückgekommenen“ Herzog Wilhelm (Guido von Büren) und Bürgermeister Axel Fuchs.

„Den Hausarmen, die rechtmäßig in einem Haus lebten, aber ihren Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten konnten, haben wir natürlich Getreide vorgehalten“, rühmte der Herzog ein aus der christlichen Nächstenliebe geschuldetes Beispiel seiner Zeit. „Das konnten wir aus der Verbrauchssteuer auf Wein und Bier aus der Stadt Jülich bestreiten. Ganz engherzig sind wir ja nicht gewesen“, zeigte sich der Historiker in einer schauspielerischen Glanzleistung überzeugt. Auch habe der Herzog immer wieder gespendet, „für einen christlichen Fürsten seine vornehmste Aufgabe“, wie er betonte.

„Der Herzog hatte die Verantwortung für alle Untertanen, Grundvoraussetzung war der christliche, möglichst katholische Glaube“, das lag ihm sehr am Herzen. Sekten oder Täufer waren für den Staat „und der war ich“, nicht duldbar. Leprakranke nahmen am normalen Leben nicht mehr teil, durften aber am Leprosorium am Königshäuschen betteln und damit „ihren Lebensunterhalt“ bestreiten. Jülich war damals eine „prosperierende Stadt vom 1500 Einwohnen“, von denen zwei Drittel am Rand oder unterhalb des Existenzminimuns lebten. Die Klöster hatten auch in Jülich die ganz zentrale Aufgabe der Armen- und Krankenspeisung, das deckte aus Sicht der Herzogs die gesamte Sorgekultur ab.

Der Historiker unterstrich die extrem hohe Kindersterblichkeit, und dass eine Familie nur 1,5 Kinder ernähren konnte. Ein ganz wichtiger Vergleichsaspekt war die Tatsache, dass des Herzogs Gattin Maria von Österreich „sehr früh gemütskrank geworden ist“, so dass die herzögliche Schwester Amalia sich um die Erziehung seiner Töchter gekümmert hat. Äußerst amüsant waren die augenzwinkernden Zusammenfassungen des Bürgermeisters, der stets wieder den Faden zur Sorgekultur aufnahm. Ein Beispiel: „Die Wildsau vor der Flinte war mehr wert als die eigene Frau“. Ein anderes, mit Blick auf des Herzogs Beinamen „der Reiche“: „Je mehr Schulden man hat, umso reicher kann man sich fühlen“. Fuchs veranlasste auch den Herzog zu der Aussage: Die Ars moriendi (Kunst zu sterben) ist gleichwertig mit der Kunst zu leben“.

„Gräfin“ Gerda Graf, Initiatorin und zweite Vorsitzende der Initiative Sorgekultur, fasste in einer an die des 16. Jahrhunderts angelehnten Sprache die Unterschiede zusammen. So sei etwa in beiden Zeiten die Familie „Keimzelle“ gewesen, auch heute hätten die wenigsten Familien mehr als zwei Kinder. Heute ginge es aber um Lösungen aus dem „ethischen Dilemma. Hoheit Fuchs hört sehr gut zu, wenn es um Dilemma geht“, unterstrich Graf, später unterstützt vom Bürgermeister, die herausragende Stellung der Stadt Jülich im Bereich Sorgekultur. „Das ist keine Veranstaltung, die sagen will, in Jülich ist noch ein großer Bedarf“, betonte Fuchs. „Wir sehen das Netzwerk als tolle Ergänzung“, setzte er nach. Wie Dezernentin Doris Vogel betonte, hat die Stadt Jülich sogar eine zentrale Anlaufstelle, nämlich die Plattform „Jülich hilft“. Sie schlug die Verkopplung des Netzwerkes „in sorge“ mit „Jülich hilft“ vor. Graf fasste zusammen, dass es „bereits viele professionelle und ehrenamtliche Stellen in Stadt und Kreis Düren gibt, aber viele Hilfebedürftige die einzelnen Hilfsanbieter überhaupt nicht kennen oder keinen Zugang finden“. Ziel sei, pro Kommune ein Gesicht der Sorgekultur, also einen Beauftragten zu haben, der informiert, koordiniert und kooperiert. Vorübergehend seien „die in Jülich beliebten Helferinnen Renate Windelschmidt und Doris Langen diese Gesichter. „Wir hoffen auf Multiplikatoren, damit das Netz größer wird“, sagte Graf. (ptj)

Mehr von Aachener Nachrichten