„Brennpunkte der Stadtgeschichte“: Buch beleuchtet dunkle NS-Zeit im Raum Jülich

„Brennpunkte der Stadtgeschichte“ : Buch beleuchtet dunkle NS-Zeit im Raum Jülich

Die Hinrichtung eines polnischen Zwangsarbeiters im Raum Jülich durch die Gestapo 1942 und das erstaunliche Leben des Zeitzeugen Franz Wohlgemuth nahm breiten Raum ein in der Buchvorstellung der Joseph-Kuhl-Gesellschaft im großen Sitzungssaal des Neuen Rathauses.

„Brennpunkte der Jülicher Stadtgeschichte 1921 bis 1942“ heißt die präsentierte Aufsatzssammlung in Band 72 im Forum Jülicher Geschichte aus der Feder von Professor Günter Bers. Sie beinhaltet sieben Themen zur Geschichte Jülichs in den Jahren der Weimarer Republik und der NS-Diktatur, die bisher völlig unbekannt waren.

Ein aufrüttelndes Dokument im insgesamt 180-seitigen Buch ist ein Brief aus der Feder von Oberleutnant Franz Wohlgemuth aus der 16. Panzerdivision, der von März 1941 bis August 1942 Erzieher an der Heeresunteroffizier-Vorschule in Jülich/Rheinland war. Dort wurden 14-jährige Jungen zu Unteroffizieren ausgebildet. Ein Beispiel für den „Geist der Erziehungsaufgaben“ ist die Einladung des Kreisleiters von Jülich namens Zantis zur Teilnahme „an der Erhängung eines Polen mit anschließendem Gabelfrühstück“.

Der veraltete Begriff meint im eigentlichen Sinne eine zweites Frühstück. Der Brief gipfelt in dem Zitat: „Es wäre auch gut, wenn man unsere Jungen an solchen Hinrichtungen teilnehmen ließe“. Bei der halböffentlichen Erhängung dieses Polen kann es sich laut Bers nur um den Tod eines polnischen „Zivilarbeiters“ mit sklavenähnlichem Status im NS-Reich gehandelt haben.

Zwei Lager in der Stadt

Das Problem von Millionen polnischer Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft und im Handwerk hat bereits eingehende Betrachtung in der Geschichtsforschung gefunden, nur punktuell behandelt wurden allerdings die Vorkommnisse vor regionalem und lokalem Hintergrund. In Jülich gab es Lager für Zwangsarbeiter in Jülich-Süd und am Ende der Römerstraße.

Die abwegige Rassen-Ideologie der Nazis, nach der Slawen einer minderwertigen Rasse angehören sollten, hatte hier entsetzliche Folgen. Zur „Reinhaltung“ des deutschen Volkstums wurde jeder sexuelle Kontakt zwischen Polen und Deutschen mit dem Tode bestraft. Zu solchen Strafen kam es oftmals in Folge einer Denunziation. Elektrisiert durch besagten Zeitungsartikel, begann Bers seine umfangreichen Forschungen in sämtlichen Sterberegistern innerhalb des früheren Kreises Jülich und wurde in zwei Fällen fündig.

Einer davon spielt in Jülich, wo der Tod des polnischen Zivilarbeiters Stanislas Leszczynski beurkundet wird. Er starb im Jülicher Krankenhaus um vier Uhr morgens an einem Wirbelsäulenbruch. Zuvor stand er als Gartenarbeiter im Dienst der Stadt Jülich und lebte im Polenlager Römerstraße. Es fehlt in der Dokumentation eine von der Gestapo veranlasste Eintragung über eine Hinrichtung. Bers glaubt daher, dass „die Jülicher Sterbeurkunde mit Absicht verfälscht wurde“.

Ebenfalls interessant ist die Herkunft des vorgetragenen Artikels, der aus einem Blatt namens „Freies Deutschland“ stammt. Unter diesem Titel gab es in dieser Zeit nur fünf Zeitungen. Fündig wurde Bers in einem Blatt, das am 24. September 1944 in Moskau erschien. Das hängt laut Bers einerseits mit der Schlacht um Stalingrad zusammen, in der einige Hunderttausend Soldaten sinnlos von Hitler geopfert wurden, andererseits mit der „gebrochenen“ Biografie des Autors des Zeitungsartikels.

Dieser studierte zunächst in Bonn Theologie, er wollte Priester werden. Schließlich wurde er Aktivist im „Nationalkomitee Freies Deutschland“, das sich in Wort und Schrift dafür einsetzte, denn sinnlosen und für Deutschland nicht zu gewinnenden Krieg zu beenden.

„Da weiß man nicht, was man sagen soll“, gab sich Bürgermeister und Co-Gastgeber Axel Fuchs berührt und betonte die Wichtigkeit, sich mit der Geschichte der polnischen Zwangsarbeiter auseinanderzusetzen.

(ptj)