Schleiden: Boden bricht ein, Gärten sacken ab: In Schleiden grassiert die Angst

Schleiden: Boden bricht ein, Gärten sacken ab: In Schleiden grassiert die Angst

Es war ein böses Erwachen für Alexander und Carina Schumacher in der Siersdorfer Straße in Schleiden. „Der Teich war leer, die Terasse eingestürzt“, stellte das Ehepaar am 19. Juni fest. 25.000 Liter Wasser waren versickert, elf Riesen-Kois verendet.

Auf einer Fläche von 2,5 mal 2,5 Metern war der Boden fünf Meter tief eingebrochen. Mittlerweile wissen die Schumachers und ihre Nachbarn mehr über die Ursache des Erdbruchs. In zehn Metern Tiefe verläuft über sechs Grundstücke hinweg ein Luftschutzstollen, der wohl 1943 in den Hang getrieben worden war und jetzt nach und nach zusammenbricht. Noch schlimmer als der wirtschaftliche Schaden von schätzungsweise

10.000 Euro im Falle der Schumachers ist die Angst, die jetzt grassiert. „Wir schlafen alle schlecht“, sagt Nachbarin Ulrike Lichtenberg. „Wir haben vor jedem Regen Angst.“

Schon im August 2012 hatte sich in der Straße einige Häuser weiter nach einem kräftigen Gewitterregen im Garten von Sascha und Petra Poullig ein zwei Quadratmeter großer und vier Meter tiefer trichterförmiger Krater aufgetan, in den das Wasser förmlich hineingesogen wurde.

Damals, so Poullig, der Ortsbürgermeister in Schleiden ist, war gemutmaßt worden, dass es sich um einen klassischen Bergschaden handele. Der Ort liegt im Einzugsbereich des stillgelegten Steinkohlenzeche Emil Mayrisch des Eschweiler Bergwerksvereins (EBV) und der Grundwasserabsenkungen des Tagebaus Inden der RWE Power AG. Beide Unternehmen haben dies gegenüber Poulig verneint.

Mittlerweile wissen die Anwohner mehr. Sie wurden in den Markscheider-Akten des EBV fündig. Danach ist dieser „Luftschutzstollen Schleiden 2“ etwa 65 Meter lang sowie etwa jeweils zwei Meter hoch und breit. Dieser Hohlraum von rund 250 Kubikmetern wird jetzt zugeschwemmt. Den Hauptteil deckt eine zehn Meter hohe Schicht aus Lehm, Kies und Sand.

Zudem gibt es ein EBV-Schreiben vom April 2009. Darin wird ein Bauherr in der Siersdorfer Straße darauf hingewiesen, dass das Grundstück „eventuell über einem möglicherweise nicht verfüllten Luftschutzstollen liegt, so dass ein standfester Baugrund gegebenenfalls nicht vorliegt“. Darüber, so Poullig, wurde im Dorf „schon immer gemunkelt“.

Fichtenstempel vom EBV

Zeitzeugen wie der Ur-Schleidener Arnold Greven (83) können sich an den Bau der insgesamt drei Luftschutzstollen im Dorf noch konkret erinnern. Der Stollen in der Siersdorfer Straße, bergmännisch gebaut von Kumpeln des EBV, wurde mit Fichtenstempeln, geliefert vom EBV, abgestützt und mit Schwadenholz an den Wänden und der Decke gegen nachgebendes Erdreich gesichert. Die beiden Ein-und Ausgänge, die im Winkel von 45 Grad nach unten führten, wurden nach Kriegsende verfüllt. Die Treppen, so Greven, bestanden vermutlich aus Bahnschwellen. Eine Doppelschleuse mit zwei Stahltüren führte in den Stollen.

Eine Rekonstruktion des Bauamtes der Gemeinde Aldenhoven mit der Markscheider-Planskizze ergab, so Thomas und Marion Pagel, dass der Stollen unmittelbar hinter den Terrassen der Häuser verläuft. Markus Urban hatte schon 2011 einen Schaden zu beklagen. Vor der Terrasse war der Boden auf einer Breite von einem Meter einen halben Meter tief abgesackt. Und bei den Lichtenbergs bilden sich schon seit etwa fünf Jahren im Garten immer wieder Dellen, die mit Erde aufgefüllt werden müssen.

Dass es sich um einen öffentlichen Schutzbau handelt, belegt ein Rathaus-Protokoll vom 23. März 1943. Dort heißt es: „Die Gemeindeältesten regen an, in Schleiden den 3. Bunker auszubauen.“ Unterschrieben ist der Vermerk vom damaligen Aldenhovener Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter Franz Zantis.

Für die Anwohner ist damit klar: „Es handelt sich nicht um einen privat angelegten Luftschutzstollen.“ Damit liege die Verantwortung und Haftung beim Staat. Und: „Bei der Gefahr, die von einem solchen alten Stollen ausgeht, hätte es nie zu einer Baugenehmigung kommen dürfen“, kritisieren sie in einem Schreiben an Bürgermeister Lothar Tertel. Die linke Seite der Straße, zuvor Wiesenland, ist erst 1999 bebaut worden.

Unklar ist nach einigen offiziellen Anfragen, welche Behörde für die Schleidener Schadensfälle zuständig ist. So hat etwa das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Bonn, für den Unterhalt von Schutzbauwerken zuständig, bereits seine Unzuständigkeit erklärt. Es gebe „keine Unterlagen“ zu den Schleidener Stollen, sie seien mithin „kein Bundeseigentum“. Fall somit zunächst erledigt.

Fraglich ist nun, ob Ansprüche gegenüber der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Bonn, geltend gemacht werden können. Die Anstalt, früher Bundesvermögensverwaltung genannt, vermarktet auch ausgediente Bunker. „Schwierig“ sei die Rechtslage in Schleiden, heißt es in der Behörde.

Bei den Poulligs haben sich mittlerweile neue Setzrisse gebildet, die parallel zur Straße verlaufen. Den Erdbruch von 2012 haben sie noch nicht verfüllt. Dazu ein Vertreter des Bundesanstalt für Immobilienaufgaben geraten — wegen der möglichen späteren Schadensregulierung. Diese müsste notfalls auf dem Klageweg erstritten werden. Poullig: „Langsam reicht es uns hier.“

(gep)
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