Blickpunktausstellung in Jülich über den Jüdischen Jugendverein in der Stadt

Blickpunktausstellung in Jülich : Die mahnenden Büroklammern als Symbol im Museum

Im Museum Zitadelle Jülich ist die Blickpunktausstellung „PokalSieger: Der Jüdische Jugendverein Jülich und seine Sportabteilungen“ eröffnet worden. Museumsleiter Marcell Perse greift bei der Veranstaltung ein US-Projekt auf, das auf ungewöhnliche Weise an den Holocaust erinnert.

Die Blickpunktausstellung „PokalSieger: Der Jüdische Jugendverein Jülich und seine Sportabteilungen“ im Schlosskeller der Zitadelle reiht sich ein in die Reihe der Gedenkveranstaltungen zur 80. Wiederkehr der Reichspogromnacht und ist gleichzeitig Teil des ganzjährigen Silberjubiläumsprogramms des Museums Zitadelle.

Letzteres wird von der Jülicher Familie Jagdfeld unterstützt. Mit dem Verteilen je einer Büroklammer startete Museumsleiter Marcell Perse in der Schlosskapelle seine ausführliche Einführung. Hintergrund ist das Büroklammerprojekt einer Schule im tiefen Süden der USA, deren Schüler mit neun Millionen eingesammelter Büroklammern ein weltweit einmaliges Holocaust-Mahnmal bauten – für sechs Millionen ermordete Juden zuzüglich drei Millionen anderer deportierter Menschen. Andererseits erinnere die Büroklammer laut Perse an das „perfide, schizophrene Räderwerk der Bürokratie“, ohne das Massenvernichtungen nicht planbar seien.

Als äußeres Zeichen der Sensibilisierung trugen viele Bürger die Büroklammer an der Kleidung, einige Besucher der Ausstellungseröffnung folgten diesem Exempel. Einige Beispiele Perses untermauerten die Tatsache, dass der Antisemitismus „keine Erfindung des Nationalsozialismus“ sei. Etwa der zufällige Fund von Schlussmünzen in der Grünstraße 1948/50 lässt vermuten, dass Juden auch schon als Sündenböcke für eine Pestepidemie herhalten mussten. Auch Herzog Wilhelm V. war „nicht fortschrittlich gegenüber Juden. Es war ihnen verboten, sich im Herzogtum niederzulassen“. Zusammengefasst motivierte Perse dazu, das Engagement im gesellschaftlichen Raum für eine respektvolle Teilhabe nicht zu scheuen.

Kuratorin Susanne Richter referierte zur Blickpunktausstellung mit „anderem Zugang“, die Lebensqualität und den „Verlust von etwas Konkretem“ vermitteln will. Als nahezu einzige verbleibende Quelle nutzte sie zahlreiche Jüdische Zeitungen, die bis September 1938 erschienen und online recherchierbar sind. Der Breitensport in Europa breitete sich seit Ende des 19. Jahrhunderts von England aus. In Jülich gründete sich 1861 ein erster Turnverein. 1930 zählten neun Jülicher Sportvereine insgesamt 1508 Mitglieder, die Hälfte waren 14 bis 20 Jahre alt. Wieviele der 147 jüdischen Bewohner 1925 Sportler waren, lässt sich nicht mehr feststellen.

In überkonfessionellen Vereinen

Drei jüdische Sportler in überkonfessionellen Vereinen ließen sich bislang nachweisen: Der Kaufmann Hermann Voss im 1896 gegründeten Radfahrer-Verein, der Arzt Dr. Andreas Hertz Anfang des 20. Jahrhunderts im Jülicher Turnverein und der Viehhändler Emil Hertz Mitte der 1930er Jahre als Vorsitzender des Kraftsportvereins. Nach der NS-Machtübernahme 1933 wurden jüdische Mitglieder aus paritätischen Sportvereinen ausgeschlossen, jüdische Sportvereine dienten als größte und aktivste Organisationen jüdischen Lebens. Das Museum Zitadelle birgt diesbezüglich einen „kleinen Schatz“, nämlich einen Faustballpokal, ein Präsent des ehemaligen jüdischen Bewohners Jülichs, Joseph M. Voss aus 1996 – neben diversen Fotos.

In der Gravur ist zu lesen: „Faustball Wanderpreis des „Vintus“ gegeben von J.J.V. Jülich 1929“, die Abkürzung meint den „Jüdischen Jugendverein Jülich“. Der JJV wurde unter Vorsitz von Hugo Voss kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges gegründet, vor dem Hintergrund des erneut öffentlich zutage tretenden Antisemitismus. 1927 war der Jüdische Jugendverband in 125 Vereinen mit mehr als 10 000 Mitgliedern organisiert. In 19 Vereinen gab es eigene Sportgruppen, darunter auch der Jülicher Verein. Der 1925 gegründete Synagogenchor wurde ebenfalls vom JJV getragen. 1927 wurde in der Düsseldorfer Straße ein neues Jugendheim für Heimatabende eingerichtet, ein Beleg für den hohen Stellenwert der Jugendarbeit. Seit etwa 1926 verfügte der JJV über eine eigene Sportabteilung, in der neben Tischtennis vor allem sehr erfolgreich Faustball gespielt wurde.

Das Jahn-Stadion an der Rur

Der Verein nutzte wahrscheinlich das 1925 eingeweihte „Jahn-Stadion“ des Jülicher Turnvereins von 1885, dort befindet sich heute das Karl-Knipprath-Stadion. 1928 schloss sich die Sportabteilung dem „Verband der jüdischen neutralen Turn- und Sportvereine“ an, abgekürzt „Vintus“. Der Vintus-Verband war 1925 vom jüdischen Sportverein Hakoah Essen gegründet worden. Später benannte sich der Vintus-Verein in Hakoah-Jülich um und schloss sich dem Makkabi-Verband an. Die im Vintus-Verband eröffnete Fußballliga war die erste rein jüdische auf deutschem Boden. Die Jülicher Faustballmannschaft gewann den vom JJV gestifteten Faustball-Wanderpreis in den Jahren 1929, 1930 und 1932, der Pokal blieb danach in Jülich.

Neben der Faustballmanschaft war die Leichtathletikabteilung zwischen 1933 und 1937 recht erfolgreich. Die hintere Wand der Vitrine in der Blickpunktausstellung im Schlosskeller prägt eine Aufnahme der ersten Westdeutschen Faustball-Meisterschaft des Makkabi-Verbandes im heimischen Stadtion im August 1934. Neben erwähntem Pokal fällt ferner das Replikat eines Faustballs mit historischem Stempel ins Auge, einige Blätter aus der „Vintus“-Verbandszeitschrift, fünf Bücher Moses in deutsch-hebräischer Ausgabe und ein Rohr-Koffer einer jüdischen Familie, über deren Schicksal sich bisher nichts ermitteln ließ.

(ptj)