Jülich: Beratungsstelle reagiert auf stetigen Wandel

Jülich: Beratungsstelle reagiert auf stetigen Wandel

Nacktbilder im Internet sind verbreiteter, als sich mancher vorstellen mag. Sexting, so lautet die Bezeichnung, kann weitreichende Folgen nach sich ziehen. Sie gehören zu den neuen Problemfeldern der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene des Diakonischen Werkes des Kirchenkreises Jülich.

So wie sich die Welt stetig verändert, unterliegen auch die Arbeitsgebiete in einer Erziehungsberatungsstelle dem Wandel. Familien lösen sich auf, Trennungen gehören zum Alltag, neue Verbindungen in Form von Patchworkfamilien entstehen, fordern Kompromissfähigkeit. Medien bieten Möglichkeiten, aber auch Gefahren und Risiken. Cybermobbing wird zum großen Problem, gewaltverherrlichende Spiele oder ein freier Zugang zu pornografischen Inhalten.

Während Medienkompetenz im Umgang mit Sozialen Netzwerken gefördert wird, entstehen längst neue problematische Themenfelder. Dazu gehört Sexting. Was das ist, erklärt ein Klient der Beratungsstelle, dessen Name zum Schutz der Identität nicht veröffentlicht wird:

Sexting sind Nacktaufnahmen, die meist mit dem Kurznachrichtenportal WhatsApp verschickt werden. Vor zwei Jahren ging das los. Zunächst war es ein Bild von einer Person in Unterwäsche, dann folgten Bilder von der selben Person unbekleidet. Mittlerweile sind 30 bis 40 Fotos angekommen. Mädchen schicken Nacktaufnahmen an den Freund, der verbreite sie im Freundeskreis. Die Folge: Jeder redet darüber. Die Dargestellten werden bloßgestellt, ein Gefühl der Ohnmacht oder ohnmächtiger Verzweiflung entsteht. Sie werden zur „Schlampe“ degradiert, Schlampen seien sie auch, wenn sie sich den sexuellen Wünschen ihrer Freunde verweigern. Es gebe aber auch Jugendliche, die ihre eigenen Nacktaufnahmen im Netz verbreiten. Warum? Vielleicht um Anerkennung zu bekommen, antwortet der Jugendliche.

Jutta Ehrhardt, Leiterin der Beratungsstelle: „Da ist etwas passiert mit dem nicht jeder unbedingt fertig wird. Zeig dich mir, ich zeig dich dir — das ist erst einmal ein Spaß“, sagt Ehrhardt. Die Bilder werden vertrauensvoll an den Geliebten geschickt, der ist gar nicht so vertrauensvoll und zeigt sie weiter. Die Selbstwirksamkeit gehe verloren und könne in eine Identitätskrise führen, ergänzt Psychologin Maren Geiser.

In der Beratung wird das Thema Abgrenzung zu einem zentralen. Ein Gespräch kann helfen, den Druck los zu werden, nicht alleine dazu stehen. Um die Verbreitung der Bilder zu verhindern, werden, bei Zustimmung der Klienten, die Eltern mit einbezogen, polizeilich dagegen vorgegangen.

Neben den Auswirkungen der Mediengesellschaft kommen vermehrt Fragen und Probleme von Regenbogenfamilien, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, auf die Beratungsstelle zu. In einem aktuellen Beispiel erzählt Ehrhardt von den Konflikten in einer homosexuellen Partnerschaft, nachdem einer der Partner in einem One-Night-Stand ein Kind gezeugt hat, dass er adoptieren möchte. In der Beratung wurde eine einvernehmliche Lösung aller Beteiligten gesucht und in Form von räumlicher Nähe gefunden. Heute leben alle in einem Haus, in getrennten Wohnungen.

Ein großes Feld der Beratung nehmen Trennungs-, und Scheidungsproblematiken ein, zunehmend kommen auch Väter und Großeltern.

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