Jülich: Beim Epochenfest wird der Brückenkopf-Park zur Zeitreise-Akademie

Jülich : Beim Epochenfest wird der Brückenkopf-Park zur Zeitreise-Akademie

Nicht enden wollende Besucherschlangen vor den Kassenhäuschen und überfüllte Parkplätze am Lindenrondell vermittelten schon am späten Vormittag eindrucksvoll das große Publikumsinteresse am zweitägigen Epochenfest im Brückenkopf-Park während der Pfingsttage.

Rund 850 aktive und kenntnisreiche Darsteller in authentischer Kostümierung führten aktionsreich in „Living History“-Manier durch rund 1500 Jahre Geschichte. Umrahmt wurden die historischen Lager von einer Marktszenerie, die Felle, Stoffe, Waffenimitate, Kleidung, Schmuck und historische Gastronomie feilbot.

Kampfdemonstration: Die Neusser Darstellergruppe „In viae“ erzählt auch die Geschichte des ältesten Dokumentes der Schwertkunst. Foto: Jagodzinska

Startpunkt war die preußische Schreibstube gleich hinter dem Wachhäuschen am Schlagbaum des Preußenlagers. Ein preußischer Offizier tippte auf einer schmucken mechanischen Schreibmaschine die Immatrikulation für die „Zeitreiseakademie zu Jülich“, versah den Teilnahmebogen mit einem Stempel und händigte ihn den Zeitreisewilligen aus, darunter viele Familien.

Auch der Haarschnitt muss sein: ein britisches Soldatenlager aus dem Zweiten Weltkrieg in Ruhestellung. Foto: Jagodzinska

Auch hier bildete sich eine Menschenschlange, amüsanterweise mit einigen ungeduldigen Rittern in voller Rüstung an deren Ende. Von der Arbeiterküche um 1900 erlebten die Besucher die Mongolen, Wikinger, Kelten, Landsknechte, Ritter, Germanen, Südstaatenladys — und Gentlemen, Hunnen, Seefahrer oder Soldaten. Schwerpunkte waren die „Wilhelminische Epoche“ in militärischer und ziviler Hinsicht, der Sezessionskrieg der Nordstaaten gegen die Südstaaten ab 1861 und die Landsknechte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

Querschnitt durch die Epochen

Auch wer sich nicht der chronologisch aufgebauten Zeitreiseakademie anschließen wollte und quer durch die Darstellungslager spazierte, dem bot sich ein buntes lebendiges Bild quer durch die Epochen. Der Zeitenwanderer begegnete etwa dem Schwertkämpfer Hendrik Schäfer aus der Neusser Darstellergruppe „In viae“ (Auf dem Weg).

Eingebettet in seine Kampfdemonstrationen erzählte er die Geschichte vom weltweit ältesten Dokument über die Fechtkunst vom späten 13. bis frühen 17. Jahrhundert aus der Feder des Mönches Luitger, das heute im Londoner Towermuseum aufbewahrt wird. In dem sogenannten ‚Manuskript 1.33‘ unterweist Luitger seine nichtklerikalen Schüler und sogar eine Frau, Walpurgis, im Zweikampf mit Schwert und Faustschild. „Also ist die Emanzipation schon uralt“, stellten die Gäste lachend fest, die unter anderem das Gewicht von über zehn Kilo der übereinander getragenen Hirnhaube mit Topfhelm selbst erproben durften.

So konnten sie den „Anritt mit angelegter Lanze“, eingeschränktem Sichtfeld und reduzierter Luftzufuhr eines Ritters in die Schlacht leichter nachfühlen, der „bestimmte Atemtechniken“ beherrschen musste. „Die Lanze ist beim ersten Anritt zerbrochen, also zieh ich den Eineinhalbhänder, die Körper fliegen schon“, malte der Schwertkämpfer ein Bild aus der Schlacht. Der Besucher traf aber auch auf friedliche Szenerien, etwa 1775 in der englischen Kolonie HMS Essex, eine der dreizehn britischen Kolonien in Nordamerika.

Hier saßen britische Ladies friedlich bei der Handarbeit zusammen. Ursprünglich in friedlicher Mission ist auch die „Kommende Altstaden“ unterwegs, eine Darstellergruppe des Johanniterordens, der 1099 in Jerusalem gegründet wurde. „Wir sind in erster Linie Mönche und haben die Pilger im Heiligen Land wieder zusammengeflickt“, schilderte der Darsteller Chris Elgsnat alias „Prior Miles“.

„Aber Papst Paschalis II. verpflichtete uns nun mal zum Kriegsdienst, zum Schutz der Pilger.“ Und wandelte sich die Laienbruderschaft in einen geistlichen Ritterorden um. Der Mönch mit weißer Haube und schwarzer Kutte demonstrierte, wie man den „Einhänder“ durch einen Schlitz unter der Kutte versteckt, der Griff ist kaum zu sehen.

Die bunten Bilder des Epochenfestes wurden abgerundet von den Düften etlicher Holzkohlefeuer, Kanonendonner und Musik. Zu hören waren zum Beispiel die Lieder der mittelalterlichen Minnesänger oder schottische Dudelsacktöne der „Friends of Scotland“, die unter vielem anderen die „Highland Cathedral“ oder „Amazing Grace“ erklingen ließen.

(ptj)
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