Ausstellung Jülich „Nach dem Großen Krieg“: Zensur und Ausgangssperren

Zensur und Ausgangssperren : Neue Ausstellung „Nach dem Großen Krieg“ im Museum Zitadelle

Der „Große Krieg“ – so nennen Briten und Franzosen den 1. Weltkrieg – hat gerade begonnen. Deutsche Soldaten werden an die Westfront abkommandiert, darunter ein Unteroffizier aus Thüringen, der mit dem Zug in Jülich-Welldorf ankommt.

Von dort soll es per Fußmarsch nach Aachen und weiter nach Belgien gehen. Bis es so weit ist, kommt er in Jülich-Broich in der dortigen Mühle unter…und verliebt sich unsterblich in die Müllerstochter. Meistens fangen so Märchen an, aber es ist keins.

Das Schicksal des Soldaten, seine Zeit im Krieg und danach konnte anhand zahlreicher Feldpostbriefe und anderer Unterlagen rekonstruiert werden, zu sehen in der Ausstellung „Nach dem Großen Krieg – Kriegsenden in europäischen Heimaten“, die vom Museum Zitadelle Jülich vom 24. Februar bis 8. September im Schlosskeller präsentiert wird.

Kriegsenden? Plural? „Das Fragezeichen ist durchaus berechtigt“, erklärt der Jülicher Historiker Guido von Büren. „Formal war der Erste Weltkrieg im November 1918 beendet, tatsächlich hieß das aber nicht, dass danach das Leben wieder seinen normalen Gang ging.“ Genau das zeigt die Ausstellung, die der Schlusspunkt eines ambitionierten Projektes ist, das vom Opladener Geschichtsverein aus Leverkusen in Kooperation mit dem Jülicher Geschichtsverein aufgelegt wurde. „Natürlich ist die Geschichte vom Unteroffizier im Gesamtzusammenhang gesehen nur eine Episode“, sagt von Büren. „Auch daran lassen sich die Dramatik und die Folgen dieses Krieges erkennen, und was es bedeutete, danach damit fertig werden zu müssen.“

Die Macher des Projektes kamen auf die Idee, die Zeit nach dem Krieg in unterschiedlichen Städten Europas zu beleuchten. Ansatzpunkte lieferten die Partnerstädte von Leverkusen und Jülich. So kamen höchst unterschiedliche Berichte aus Leverkusen und Jülich sowie deren Partnerstädten Bracknell, Ljubljana, Ratibor, Schwedt, Villeneuve d’Ascq und Haubourdin zustande.

Die Ausstellung, die in Leverkusen bereits gezeigt wurde, ist für Jülich etwas umstrukturiert worden. Dafür verantwortlich zeichnen Guido von Büren und Jaczek Grubba vom Museum Zitadelle Jülich. Denn Jülich spielt unter allen genannten Städten eine spezielle Rolle: Bis 1929, also mehr als zehn Jahre lang, blieb die Garnisonsstadt  vorwiegend von französischen Truppen besetzt. 8000 Jülicher standen 4000 Militärangehörigen gegenüber.

Da musste es zu teils massiven Konflikten kommen. Es herrschte Kriegsrecht mit Ausgangssperren, das damalige „Jülicher Kreisblatt“ unterlag der Zensur, Ehrbekundungen oder öffentliche Denkmäler waren verboten. „Vor allem aber war der Wohnungsmarkt prekär“, erklärt Jaczek Grubba. Die Lage verschärfte sich, weil Wohnungen für die Beschäftigten im Reichsbahnausbesserungswerk Jülich-Süd benötigt wurden, weshalb damals das Heckfeld entstand.  Andererseits wurden Wohnungen für Soldaten beschlagnahmt.

Die Probleme nach dem Ende des Krieges hatten also vor allem eine soziale Kategorie, wie sie heute – natürlich aus anderen Gründen – auch wieder spürbar ist. Wie die Menschen diese Konflikte erlebten und wie sie damit umgingen, davon erzählt die Ausstellung.

Am Sonntag, 24. Februar, um 11 Uhr steht ein Eröffnungskonzert in der Schlosskapelle der Zitadelle auf dem Programm. „Musik im Spiegel des Ersten Weltkrieges“, vorgetragen von David Johnson (Geige), Irmelin Sloman (Sopran) und Michael Palm (Klavier), der in Jülich ja kein Unbekannter ist. Die Kompositionen aus der Zeit von 1914 bis 1918 kommen unter anderem von Engelbert Humperdinck, Claude Debussy, Paul Hindemith und Richard Strauss.

Das Konzert möchte die Zeit eines brutalen und gnadenlos geführten Krieges von einer ganz anderen Seite beleuchten. Die Musik soll verbinden, berühren und zuweilen zu einem Lächeln anregen.

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