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Die Arbeit der Baumkontrolleure

Aussehen ist nicht alles, die inneren Werte zählen

Mit dem Bohrwiderstandsmessgerät kann Baumkontrolleurin Friederike Hausmeyer quasi in den Baum schauen und feststellen, inwieweit Fäule fortgeschritten ist. FOTO: Burkhard Giesen

Jülich Insgesamt 13.000 Solitärbäume überprüfen die Baumkontrolleure der Stadt Jülich immer wieder auf ihre Vitalität. Für manche Bäume wird dann auch mal das Todesurteil gesprochen — wie zum Beispiel für die Esche am Awo-Heim. Neben Abholzungen gibt es aber auch Wiederaufforstungen.

Der Sturm ist noch nicht ganz abgeflaut, da trifft sich der Jülicher Planungsausschuss vor seiner Sitzung im Rathaus am Parkplatz an der Aachener Landstraße. Rund 200 Bäume mussten dort im Herbst von der Stadt gefällt werden. Zwei weitere Bäume hat der Sturm an dieser Stelle hinweggefegt. Die Anwohner wünschen sich eine Wiederaufforstung.

Der Sturm hat auch eine Kastanie auf dem Rurdamm erwischt. „Wie war eigentlich Eure Beurteilung zu dem Baum?“, fragt ein Teilnehmer der Besichtigung in Richtung des Bauhofmitarbeiters. „Die sah gesund und standfest aus“, lautet die Antwort. Aussehen ist nicht alles, innere Werte zählen. So würde Friederike Hausmeyer das vermutlich nicht formulieren. Hausmeyer ist zertifizierte Baumkontrolleurin und arbeitet bei der Stadt Jülich im Bauhof. Rund 13.000 Solitärbäume gibt es im Stadtgebiet, alle in einem Kataster verzeichnet. Hausmeyer kennt sie alle, weil sie sie alle in regelmäßigen Abständen kontrollieren und beurteilen muss. „Es gibt Bäume, die wir alle zwei Jahre kontrollieren, kranke Bäume untersuchen wir öfter“, erklärt sie.

Sie steht an diesem Tag vor einer Esche in der Nähe des Awo-Heims. Der Baum ist rund 25 Meter hoch, stattlich, sieht vollkommen gesund aus. „Wir betrachten bei einer Kontrolle immer den Baum von unten bis oben, schauen uns aber auch das Baumumfeld an“, erläutert die Kontrolleurin. Ihr Blick geht nach oben. „In der Krone sieht der Baum vital aus, es gibt kein Totholz.“ Eigentlich alles gut.

Der Griff zum Hammer: Klingt es hinter der Rinde hohl, ist das kein gutes Zeichen für die Vitalität eines Baumes. FOTO: Burkhard Giesen

Auffällig sind Schäden im angrenzenden Gehweg, verursacht durch das Wurzelwerk. „Das ist ein Problem, weil wir eine Verkehrssicherungspflicht haben“, sagt Bauhofleiter Markus Danz. „Bei Schäden in Gehwegen muss man abwägen. Die Wurzeln kappen geht natürlich nicht. Man kann aber über ein Anheben des Asphalts nachdenken oder einen wassergebundenen Splitweg anlegen“, erklärt Danz. Handeln muss die Stadt dort auf jeden Fall, weil der Schaden im Gehweg größer werden wird. „Der Baum lagert im Winter Zucker in den Wurzeln ein. Daher kann dieser Schaden rühren. Hinzu kommen dann noch Frostschäden“, sagt Hausmeyer.

Am Boden nimmt sie den Stamm der Esche genauer in Augenschein. „Hier gibt es kleine Risse, die stammen vom Lilienhähnchen, einem kleiner Käfer. Das ist aber unerheblich.“ Hausmeyer entfernt ein bisschen von der rissigen Rinde. „Da kann man Fraßgänge sehen. Die stammen vom Weidenbohrer. Die legen ihre Larven dort ab und die fressen sich dann tief in den Baum ein und zersetzen das Holz, so dass hinter der Rinde nur noch Kompost bleibt.“ Hausmeyer schnappt sich einen Hammer und klopft gegen den Baum. „Hören Sie das?“ Es ist nicht zu überhören.

Im ganzen unteren Bereich klingt es hohl. Statt des Hammers setzt sie ein Bohrwiderstandsmessgerät an. Ihr Kollege Wilfried Krieger erklärt: „Eine feine Nadel misst, wie weit die Fäule an einem Baum fortgeschritten ist.“ Bei der Esche am Awo-Heim ist so schon viel zu weit fortgeschritten, der Baum könnte umkippen, auch wenn er diesen Sturm noch überstanden hat. Krieger: „Die Esche hat einen Stammumfang von drei Metern. In einem Bereich von 75 Zentimetern ist die Wurzel kaputt, auf weiteren 75 Zentimetern hat er keine Wurzel ausgebildet. Die Hälfte des Baumes ist also nicht im Boden verankert.“ Wäre der Wind von Osten gekommen, hätte die Esche, die beim ersten Anblick vital aussah, direkt auf den Gehweg stürzen können. „Die Standsicherheit ist hier auf keinen Fall mehr gegeben“, sagt Krieger. Es ist das Todesurteil für die Esche.

Der Termin des Planungsausschusses an der Aachener Landstraße dauert keine zehn Minuten. Schnell ist klar, dass der Antrag von Josef Krott und Günter Dahmen, hier doch für eine Neuanpflanzung zu sorgen, Zustimmung finden wird. Auch, weil es der Stadteingang ist und man mit einer gestalteten Neuanpflanzung dafür sorgen kann, eine Sichtachse auf die Südbastion einzuplanen, die ansonsten weiter weitestgehend verborgen bliebe. Der Beschluss dazu soll im April fallen.

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