Auftaktveranstaltung zum Integrierten Handlungskonzept Jülich

Integriertes Handlungskonzept : Jülicher diskutieren die Stärken und Schwächen ihrer Stadt

Es gab kein „Denkverbot“ bei der Auftaktveranstaltung zum Integrierten Handlungskonzept (InHK) für die Stadt, dessen wesentlicher Bestandteil die Bürgerbeteiligung ist. Thema ist das Jülich der Zukunft.

Hintergrund ist, dass nach Meinung von Bürgermeister Axel Fuchs bei der städtischen Beteiligung am Projekt „2030+“ vor drei Jahren Jülich „nicht in die zweite Runde gekommen ist, weil wir uns Denkverbote auferlegt haben“. Rund 120 Interessierte an der zukünftigen Entwicklung Jülichs fanden sich zum Startschuss ein, moderiert von Bernd Niedermeier von der beauftragten Aachener Stadtplanungsgruppe MWM. Der eingespielte Song „Ich bau eine Stadt für dich“ von Cassandra Steen & Adel Tawil stimmte in die Veranstaltung ein, die „die Basis für Maßnahmen bilden“ soll. Gemeint ist Weg vom Ist- zum Sollzustand, wie Niedermeier es ausdrückte.

In seiner Einführung definierte er den Begriff „Integriertes Handlungskonzept“, das schriftlich Ziele, Maßnahmen, Synergieeffekte sowie die Projekt- und Kostenplanung einer Gesamtmaßnahme zur Kernbereichsaktivierung fixiert. Der integrierter Ansatz bezieht die Gestaltung öffentlicher Räume, Freizeit/Naherholung, Partizipation, Stadtmarketing/Image, Stadtbildpflege, Städtebaufunktionen und Verkehrsabläufe mit ein.

Aufgebaut wird dabei auf die Entwicklung der Historie und Bevölkerung, Alters- und Beschäftigungsstrukturen, Pendlerströme und das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen. „Neben der steinernen Altstadt hat Jülich tolle erlebbare Grünräume, eine stabile und leicht steigende Bevölkerungsentwicklung und ein leichtes moderates Wachstum“, resümierte Niedermeier die „guten Ausgangspositionen“. Eine besondere Dienstleistung erbringe zudem zu 63 Prozent das Forschungszentrum, es gäbe mehr Einpendler (12.600, viele davon aus Aachen) als Auspendler (9200).

Als besonders interessant erwiesen sich die Ergebnisse der Ortsbegehung mit Bestandserfassung der MWM im Vorfeld. Jülichs „absolutes Highlight“ sei der aktive Stadtraum an Kölnstraße und Schlossplatz. „Derzeit unter Wert verkauft“ werde das Freiraumpotenzial um den Schwanenteich. Auch die Poststraße sei ein „ansprechend gegliederter öffentlicher Raum“, ein wichtiges Innenstadtgelenk der Knotenpunkt um Poststraße/Schlossstraße. Außengastronomie belebe den Straßenraum am Kirchplatz. Es gäbe noch Flächenpotential in zentralster Lage, zwischen Marktplatz und Grünstraße und in der Stiftstraße. Ein hohes Potenzial an Kunst/Kultur herrsche am prägenden Bauwerk, dem allerdings „verstellten“ Hexenturm.

Keine Freiraumqualität und schwierige Orientierung herrsche hingegen auf der Großen Rurstraße. Einen städtebaulichen Bruch zum Schlossplatz haben die Städteplaner auf der Kölnstraße mit Blickrichtung Schlossplatz festgestellt. Eine schwierige Aufstellsituation für Märkte, verbunden mit eingeschränkter Multifunktionalität, sei auf dem Marktplatz feststellbar. Reduziert sei auch die Freiraumqualität durch den stillgelegten Wasserlauf und die unattraktive Ausstattung in der Kleinen Rurstraße Richtung Grünstraße.

Als das Bild vom abgerissenen Leerstand in der kleinen Rurstraße mit seinem „Trading-down-Effekt“ eingeblendet wurde, brach die versammelte Gesellschaft in Gelächter aus. Der Walramplatz wurde als „unattraktiver Raum zwischen Stadtkern und Rur“ bezeichnet, der Standortpotenzial für Nahversorger böte. Ausbaufähig sei ebenfalls das Potenzial der „Stadt am Wasser“ inklusive der Anbindung an den Brückenkopfpark. Moniert wurde ebenfalls der fehlende Stadteingang.

Viel Zeit räumten die Veranstalter der Einschätzung der Bürger ein. Sie waren eingeladen, auf gelben und grünen Karten störende Elemente (gelb) und solche zu notieren, auf die sie besonders stolz sind (grün). Beim anschließenden Blick auf die Pinwände leiteten sich Schwerpunkte aus Mehrfachnennungen ab. Auf der negativen Seite sind das etwa die fehlenden Stadthalle und Studentenszene, kein Nachtbus und zu viele Leerstände, zugeparkte Straßen, ein schlechtes Hallenbad, der Zustand des Innenhofs der Zitadelle oder der im Parkhaus Zitadelle.

Als positiv herausgestellt wurde das hohe Bildungs- und Kulturangebot, der historische Stadtgrundriss und viele Sehenswürdigkeiten, der verkehrsfreie Marktplatz mit dem Café Extrablatt, der unbebaute Schlossplatz, das Freibad und allgemein kurze Wege. Auf die häufige Frage der Besucher nach der Höhe von Fördergeldern oder verschiedenen Fördertöpfen wegen der Überlagerung der Themen wiederholte Niedermeier: „Erst mal wissen, wo es hingeht, dann sondieren“. Im anschließenden mündlichen Austausch wurden weitere „Stiefkinder“ herausgearbeitet, wie der Übergang der Marktstraße in die Bongardstraße oder die Bahnhofstraße.

„Eine integrative Multi-Eventhalle als sozio-kulturelles Zentrum könnte ein Kernziel in der Innenstadt sein“, war eine weitere Anregung aus den gut gefüllten Zuschauerreihen. Erwähnenswert ist, dass die Städtebauförderung mit einem Maßnahmenpaket im Sommer 2020 beantragt werden muss. Die Stadt verpflichtet sich hierbei selbst, das Paket in den folgenden fünf bis acht Jahren „sukzessive abzuarbeiten“. Der Vorteil: „Wenn Sie mal in dem (Förder)Programm sind, haben wir noch keine Kommune gehabt, die da wieder rausgefallen ist“, wie Niedermeier betonte. Zum Bündel der Veranstaltungen mit Bürgerbeteiligung sind informelle Stadtrundgänge, Workshops und ein Onlineportal geplant, Jugendlich sollen separat eingegliedert werden.

(ptj)
Mehr von Aachener Nachrichten