Historischer Schwertkampf: Auf den Spuren des Gassenhauers

Historischer Schwertkampf : Auf den Spuren des Gassenhauers

Die historische Fechtgruppe Brückenschlag trainiert jeden Montag in der Turnhalle des Gymnasiums Haus Overbach. Ein Einblick ins Training und in die Faszination Schwertkampf.

Was ein Gassenhauer ist, wissen fast alle. Ein Lied, das ins Ohr geht und zu einem Mitsing-Reflex führt. Heute ist die Antwort richtig, im ursprünglichen Sinn aber ziemlich falsch. Früher, im späten Mittelalter, gab es Tote und Verletzte, wenn der Gassenhauer kreiste. Ein – abhängig von der Körpergröße – fast mannshohes Schwert, das mit beiden Händen geführt wurde. „Damit sollte in der Schlacht eine Gasse in die Formation des Gegners geschlagen werden“, sagt Elmar Hanrath.

Der Mann aus Heinsberg weiß viel über Schwerter, er ist der Trainer der Jülicher Fechtgruppe Brückenschlag. Die gibt es seit gut fünf Jahren. Und sie hat sich dem historischen Fechten verschrieben. Also eigentlich dem Kämpfen mit Hieb- und Stichwaffen, wie sie in Europa zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert in Gebrauch waren. Jeden Montag trainieren die Brückenschlag-Mitglieder in der Turnhalle 2 des Gymnasiums Haus Overbach.

Die europäische Schwertkunst ist alt. Sie geht zurück auf einen gewissen Johann Liechtenauer, der vor gut 650 oder 700 Jahren in Franken geboren wurde. Über Jahrhunderte ist Liechtenauers Erbe überliefert und unterrichtet worden. Irgendwann ist es trotzdem ausgestorben, vermutlich, weil Schusswaffen die Kriegsführung in Europa verändert haben. Im Gegensatz zum asiatischen Raum, wo Meister auch heute noch die Schwertkunst an ihre Schüler weitergeben.

Genau das versuchen die Mitglieder von Brückenschlag auch. „Wie der Name schon sagt: Wir versuchen, mit unserer Kampfkunst eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart zu schlagen“, sagt Hanrath. „Wir reaktivieren eine Kunstform ohne lebendige Tradition.“ In der Overbach-Turnhalle üben die Schwertkämpfer einzelne Aktionen. Beim Tennis gibt es die Vorhand oder die Rückhand, beim historischen Fechten beispielsweise den Oberhau und den Unterhau. Zudem den Brückenschlag. Also hat der Name der Gruppe doppelte Bedeutung.

Zeigt her eure Schwerter: Bewaffnet und trotzdem friedlich betreiben die Brückenschlag-Kämpfer eine historische Sportart. Foto: Guido Jansen

Das Reanimieren der Tradition ist Arbeit. Alte Meister, die lehren können, wie es geht, gibt es nicht. „Ich studiere beispielsweise alte Texte und Bilder. Im Training probieren wir die Aktionen dann aus“, berichtet Hanrath. Das Ausprobieren ist wichtig. Denn die alten Schriften richten sich an Kämpfer, die schon Fechten können. Auch hier ist ein Brückenschlag notwendig – einer hin zum Grundlagenwissen. Die Art, wie historische Fechter kämpfen, orientiert sich am aktuellen Forschungsstand der Rekonstruktion der alten Kunst.

Mindestalter 18 Jahre

Und weil andere historische Fechtgruppen das auch machen, kristallisiert sich gerade ein Regel- und Technikwerk heraus. Je nach Waffe ergeben sich unterschiedliche Disziplinen: langes Schwert, langes Messer und Dolch – damit kämpft die Jülicher Gruppe. Mit Erfolg. Mitte November belegte Olga Reinartz bei einem Turnier in Kassel als erste Frau überhaupt in der Klasse langes Schwert einen Podestplatz, sie wurde Dritte.

Und es zeigt: Mitmachen kann grundsätzlich jeder, der die historische Sportart und das Brauchtum pflegen will. Das Mindestalter ist 18 Jahre, ein gesundes Maß an Fitness ist ebenfalls notwendig. „Ein Probetraining ist ein Muss. Danach entscheiden beide Seiten, ob es weiter geht“, erklärt Hanrath. Für extreme politische oder religiöse Ansichten sei kein Platz. Es gehe, so sagt der Trainer, um Brauchtum und nicht um das Betreiben von Nationalismen.

Er reanimiert eine ausgestorbene Tradition: Trainer Elmar Hanrath. Foto: Guido Jansen

Wer ein langes Schwert oder ein langes Messer schwingen will, müsse sich zudem über einige Dinge im Klaren sein. Günstig ist der Sport nicht. Eine komplette eigene Ausrüstung könne laut Hanrath schnell 1500 Euro kosten. Zudem gebe es ein Verletzungsrisiko. Nicht im Training, aber im Wettkampf. Schließlich gehe es darum, den Gegner zu treffen. Hieb, Stich und Schnitt sind die drei sogenannten Verwunder, die zu Punkten führen. Blaue Flecken und Prellungen passieren. „Irschrikstu gerne/keyn fechten nymmer lerne (Erschrickst Du gerne, lerne kein Fechten)“, zitiert Hanrath einen Spruch Liechtenauers.

Im Vergleich zu früher ist das harmlos. Denn da war das Ziel der Schwertkunst, den Überlebenskampf zu gewinnen. Die Schwerter waren scharf und spitz. „Diejenigen, die einen Gassenhauer hatten, waren oft gut bezahlte Söldner“, berichtet Hanrath von seinen Recherchen. Gut bezahlt nicht ohne Grund. „Sie haben oft nicht lange überlebt.“

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