Anklage wegen Untreue gegen Linnicher

Prozessauftakt : Geld-Depot zweier Seniorinnen um 462.000 Euro erleichtert

60-jähriger Mann aus Linnich ist beim Schöffengericht angeklagt. Er soll eine „Generalvollmacht“ benutzt haben, um sich selbst kräftig zu bedienen.

Einen ungewöhnlichen Auftakt gab es bei einem Prozess vor dem Dürener Schöffengericht. Ein 60 Jahre alter Linnicher, der zwei Seniorinnen aus Jülich um 462.000 Euro geprellt haben soll, hatte seit Januar immer wieder ärztliche Atteste vorgelegt, in denen ihm bescheinigt wurde, dass er „verhandlungsunfähig“ sei. Die Vorsitzende Richterin Verena Neft gab sich damit jedoch nicht zufrieden und verlangte die medizinische Begutachtung eines Amtsarztes, in diesem Fall einer Fachärztin für Psychiatrie, die in Diensten des Gesundheitsamtes des Kreises steht.

Labil, gestört, depressiv?

Unmittelbar vor Prozessbeginn hatte die Ärztin den Angeklagten etwa eine Stunde lang untersucht. Immerhin ging es um die Frage, was von dessen „labilem, gestörtem und depressivem Eindruck“ zu halten sei. Das Ergebnis legte die Amtsärztin zu Beginn der Hauptverhandlung vor. Unter anderem sei auffällig, dass drei vorliegende Atteste jeweils unterschiedliche Diagnosen gehabt hätten und der Patient als Grund für seine psychischen Probleme einen Vorfall angab, der 17 Jahre (!) zurückliegt, aber die aktuellen Ereignisse um den jetzigen Prozess gar nicht erwähnte.

Das Verfahren hat nämlich schon wegen der Schadenssumme eine beeindruckende Dimension. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, das Geldanlage-Depot zweier Seniorinnen aus Jülich um rund 462.000 Euro erleichtert zu haben. Selbst, wenn man berücksichtigt, dass knapp 132.000 Euro zurückgeflossen sind, bleiben 330.000 Euro verschwunden. Allerdings hatte es der Mann aus Linnich relativ leicht, denn die beiden Geschädigten, zwei damals 81 und 84 Jahre alte Schwestern, hatten ihm im Jahr 2014 eine notarielle Generalvollmacht erteilt. Der Oberstaatsanwalt sprach wegen des missbrauchten Vertrauens von „Untreue in besonders schwerem Fall“.

Auf eigenes Konto überwiesen

Offenbar hatte der Angeklagte ohne Zustimmung der Schwestern zwischen April 2014 und September 2015 deren Depot bei einer Privatbank in Köln kräftig geschmälert. Mit sechs Aufträgen und unter Vorlage der Vollmacht ließ er Beträge zwischen 30.000 und 132.000 Euro auf ein neues Konto bei einer anderen Bank überweisen. Kontoinhaber waren die beiden Schwestern, aber mittels Vollmacht überwies er – so beweisen Kontoauszüge und Abrechnungsdaten – einen erheblichen Teil auf das eigene Konto.

Der Angeklagte äußerte sich zunächst weder zur Person noch zu den Vorwürfen, änderte aber nach Beratung mit seinem Verteidiger dieses Verhalten. Er gab an, die ältere der Schwestern habe in einem Pflegeheim gelebt, dort aber nicht länger bleiben wollen. Es sei geplant gewesen, dass die Frau ins Nachbarhaus des Angeklagten nach Linnich ziehe. Dazu sei es nicht mehr gekommen und inzwischen ist die alte Dame verstorben. Ein Teil des Geldes sei in Immobilien geflossen. Der Anwalt, der die Interessen der verbliebenen Schwester vertritt, hat inzwischen Sicherungs-Hypotheken erwirkt. Der Prozess wird am 11. Juni fortgesetzt.

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