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Andreasmarkt in Linnich: Werkzeuge und Wundermittel

Andreasmarkt in Linnich : Werkzeuge und Wundermittel gegen häuslichen Schmutz

Die Angebotspalette auf dem Linnicher Andreasmarkt hat sich seit 1571 immer wieder drastisch geändert. Der Zuspruch ist aber ungebrochen hoch.

Was hätten wohl der „Reiche Willi“ und der selbsternannte „Schlüpferkönig“ von einst zu dem Andreasmarkt in Linnich anno 2019 gesagt? Der eine, ein mächtiger Herzog, verlieh der Stadt 1571 ein Privileg, der sie selbst reich machen sollte. Am Andreastag durfte von nun an „in der alten Stadt“ ein Jahrmarkt stattfinden. Kaltblutpferde, Rindvieh und alles, was die Erde durch schwere bäuerliche Arbeit herzugeben bereit war, konnte nach den Regeln der frühen Neuzeit gehandelt werden und mit den Standgeldern die Stadtkasse füllen.

Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg würde heute drei vereinsamte Kisten Äpfel und ein paar Kilo Nüsse sicherlich als etwas ihm Bekanntes mit Freude wiedererkennen, doch nach Pferden, Kühen und gar Erdäpfeln hätte er vergeblich Ausschau gehalten. Selbst die Traktoren und landwirtschaftlichen Geräte sind nicht, wie es noch im vergangenen Jahr hieß, „in geringem Maße vorhanden“. Stattdessen konnten deren Liebhaber drei eher museale Exponate am Kirchplatz aus nächster Nähe betrachten.

Angebot wandelt sich

Der „Schlüpferkönig“, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg seine Ware herzoglich gepriesen hatte, wäre auch heute in seinem Element. Denn auch auf einem Jahrhunderte alten Markt gelten ebenso alte wirtschaftliche Regeln: Geboten wird, was sich verkauft. Auch wenn Pferde, Traktoren und gar Kartoffel nicht mehr im Angebot sind, so sind die Händler geblieben und die Menschenmassen strömen zum Linnicher Jahrmarkt wie eh und je. Und sie kaufen Schlüpfer, Mieder oder, wie sie heute vornehmlich genannt werden, Dessous.

Der Zeitwandel hat dem  „Schlüpferkönig“ mit seiner wirtschaftlichen Idee mehr zugestanden als dem großzügigen Herzog. Die Dame und der Herr von heute reiten selten noch zu Pferde und ihre Kartoffeln kaufen sie praktisch abgepackt im Supermarkt. Unverändert jedoch seit Jahrhunderten tragen sie gewiss ihre Unterwäsche. Seit 22 Jahren verfolgt Marlene Boix durch das Fenster des Deutschen Glasmalerei-Museums das rege Handelstreiben immer am Montag nach dem ersten Advent. „Vom ersten Tag an“ versieht sie ihren Dienst als Kassiererin und Aufseherin der Kulturstätte. „Der Miederstand, der war immer da und immer göttlich anzusehen“, erinnert sie sich, „wir alle hier haben ihn bestaunt. Uns wehten die langen Unterhosen und die Damen-Korsagen praktisch direkt in die Nasen.“

Unterwäsche geht immer: Der Schlüpferkönig hier in den 50er Jahren. Foto: Stadtarchiv Linnich

Mit Bedauern spricht sie die Jahre an, als die Baustelle sie und ihre Kolleginnen dieses Anblicks beraubte. Doch die guten Zeiten für das Museumsteam sind wieder im Anmarsch. Unter den 120 Händlern, die heute mit Textilien, Werkzeugen, Wundermitteln gegen jeglichen Schmutz im Haushalt, Handyhüllen und Bratpfannen um die Gunst der Marktbesucher feilschen, sind die meisten mit neuzeitlichen Schlüpfern unterwegs. Um die Mittagszeit konnten dann auch die vielen zum Linnicher Stadtempfang geladenen Gäste die ganze Pracht des diesjährigen Andreasmarktes ausgiebig bewundern.

Von der Bürgermeisterin Marion Schunk-Zenker mit positiven Jahresrückblick in der neuen Kultur- und Begegnungsstätte gestärkt, konnten sie sich von den Fortschritten der Baumaßnamen im Herzen Linnichs selbst überzeugen. Die 20-köpfige Delegation der Partnerstadt Lesquin, der diesjährige Preisträger des Heimatpreises, ebenso wie alle anderen Gäste bedauerten lediglich beim Anblick all der zum Genuss einladenden Leckereien, die wie immer im Überfluss bei Andreasmarkt präsent waren, das Festmahl zu sehr zelebriert zu haben.