Amtsgericht Jülich spricht Linnicher Assistenzarzt frei

Fahrlässige Tötung : Linnicher Assistenzarzt wird freigesprochen

Ein ehemaliger Assistenzarzt des Linnicher St. Josef-Krankenhauses ist am Mittwoch vor dem Amtsgericht Jülich vom Vorwurf der Fahrlässigen Tötung freigesprochen worden. Dem 49-Jährigen wurde ein schwerwiegender Behandlungsfehler zur Last gelegt, der den Tod einer Patientin zur Folge hatte.

Nach der knapp zweistündigen Hauptverhandlung sprach Richterin Hau den Urteilsspruch. Dem angeklagten Assistenzarzt Valery G. drohte im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Ihm wurde eine unzureichende Diagnose bei einer mit Brustschmerzen, Fieber und Atembeschwerden am 30. August 2017 in der Notaufnahme des Krankenhauses eingetroffenen Patientin vorgeworfen. Die Patientin starb am Folgetag an ihrem Wohnort in Baesweiler an einer Herzblutung.

Der vom Gericht hinzugezogene medizinische Sachverständige Prof. Andreas Schäfer führte in seinem Gutachten aus, dass bezüglich der genannten Symptome kardiale Bildgebungsverfahren hätten durchgeführt werden müssen. Die Verstorbene verließ das Krankenhaus noch am selben Tag. „Eine Echokardiografie oder eine CT-Diagnostik wären in diesem Falle ‚lege artis‘ gewesen“, schlussfolgerte der Sachverständige in seinem Vortrag.

Die Befolgung jener Regeln der ärztlichen Kunst hätten so zur Diagnose des lebensbedrohlichen gesundheitlichen Zustandes der Frau geführt, wodurch eine womöglich lebensrettende Operation hätte eingeleitet werden können.

Untersuchung ausgeblieben

Der Verteidiger des mittlerweile in Rostock wohnhaften Arztes stellte anschließend die Erfolgsaussichten der hypothetischen Operation in Frage und verwies im Laufe der Verhandlung mehrfach auf Vorerkrankungen der Verstorbenen. So belegten ärztliche Befunde aus den Jahren 2011 und 2012 eine deutlich geschädigte Aorta. „Die juristische Frage ist doch“, so der Verteidiger, „hätte der Tod vermieden werden können, wäre alles ideal gelaufen?“

Diese Frage musste der Sachverständige letztendlich offen lassen, wodurch die Richterin die strafrechtliche Voraussetzung eines fahrlässigen Tötungsdeliktes als nicht gegeben ansah.

Es konnte vor Gericht nicht festgestellt werden, ob der Tod der Patientin selbst bei Anwendung aller Regeln der ärztlichen Kunst mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ vermeidbar gewesen wäre. Der diesbezüglich wohl herrschenden juristischen Lehre folgend, war der Tatbestand der fahrlässigen Tötung auf die Handlung des Angeklagten nicht anwendbar.

Verteidigung und Staatsanwaltschaft plädierten beide auf Freispruch. Gleichwohl wies Richterin Hau in ihrem Urteilsspruch auf die Behandlungsfehler des nicht mehr praktizierenden Mediziners hin. Für eine Verurteilung gemäß Paragraf 222 Strafgesetzbuch genüge der vorliegende Sachverhalt jedoch nicht. Der Anwalt der Nebenklage, Franz Brandt, welcher den Ehemann der Verstobenen vor Gericht vertrat, bezeichnete das Urteil als „falsch und fatal“.

Den im Gerichtssaal anwesenden Hinterbliebenen zugewandt, versuchte die Richterin, den Angehörigen diesen Freispruch verständlich zu machen. Diese zeigten sich gefasst, konnten jedoch das Urteil kurz nach der Verhandlung noch nicht nachvollziehen. Mit Anwalt Brandt beschlossen sie, keine Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. „Wenn schon die Staatsanwaltschaft auf Freispruch plädiert, macht Berufung nicht viel Sinn“, so Brandt. Die Hinterbliebenen beschlossen, zivilrechtliche Schritte gegen den freigesprochenen Arzt sowie das Krankenhaus einzuleiten.