Pogromgedenken in Jülich: Am Mahnmal brennen viele Kerzen

Pogromgedenken in Jülich: Am Mahnmal brennen viele Kerzen

Das Gedenken an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren ist in Jülich dieses Jahr bereits am Vortag erfolgt. Ehrenwert wurde der Opfer gedacht, indem zunächst Pfarrer i.R. Dr. Peter Jöcken An der Synagoge den Psalm 121 vorlas, bevor nach einem gemeinsamen Schweigemarsch mit Kerzen zum Mahnmal am Propst-Bechte-Platz eine Gedenkrede folgte.

Diese hielt Heinz Spelthahn, Vorsitzender der Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz. „Siebzig Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur ist die Frage berechtigt, ob eine Zusammenkunft, wie die heutige, überhaupt noch nötig ist. Sie, die Sie hier sind, haben eine klare Antwort gegeben: ‚Ja, das ist uns wichtig‘. Auch heute gilt noch, dass nicht alles geklärt ist, was in den zwölf Jahren Nazidiktatur geschah. Bei meiner Vorbereitung stieß ich auf Hermann Hertz, einem Nachkommen von Emil Hertz, der damals eine bekannte Person in Jülich war. Als Jude und Kommunist entsprach er genau dem Feindbild der Nationalsozialisten: Die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung.“

Hermann Hertzgehört zu den Namen, die auf dem Gedenksteinen des Platzes eingraviert sind, da er letztendlich nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet wurde. „So muss es uns auch heute noch ein Anliegen sein, die Opfer namhaft zu machen, ihnen ein Gesicht zu geben.“

Ein Teil in Spelthahns Rede galt der Jülicher Geschichte: „Niemand von uns hat das Recht, tatenlos zuzusehen, wenn die Freiheit bekämpft wird. Doch gemeinsam werden wir das schaffen und auch dafür gab und gibt es in Jülich positive Zeichen. Der evangelische Pastor Hermann Barnikol, der öffentlich protestierte, der Stetternicher Pfarrer Franz Coenen oder auch Propst Bechte, dessen Namen dieser Platz trägt. Dennoch war Jülich keine Insel der Glückseligen. Auch hier wurde arisiert, auch hier gab es Anständige und weniger Anständige, auch hier wurden Juden ausgeschlossen und verfemt. Es stimmt aber auch, dass zum Beispiel Juden aus Dürboslar von ihren Nachbarn in der Villa Buth zu Kirchberg versorgt wurden. Allerdings gelang es keinem Juden, nach dem Krieg hier wieder Fuß zu fassen.“ Tröstlich sei der Satz einer Jüdin, die zwei Brüder durch die Nazis verloren hat: Helene Rosenwald, die den Jülichern besser als Leni Mendel bekannt ist, schrieb 1987 an den Jülicher Bürgermeister Heinz Schmidt: Einmal Jülicher, immer Jülicher. „Das soll uns ein Ansporn sein.“

Pfarrer Horst-Grothe wies auf ein Experiment mit verschiedenen Schulen in der Umgebung hin: „Am 23. November, um 15 Uhr werden wir uns erneut hier am Propst-Bechte-Platz treffen, um unsere Ergebnisse zu präsentieren.Mit Schulseelsorger Ralph Loevenich haben wir uns mit dem Thema 80 Jahre Pogrom beschäftigt und Spuren verfolgt. Zentral waren die Fragen ‚Was lernen wir daraus?‘ und ‚Wie können wir dafür sorgen, dass sich das nicht wiederholt?‘ Nicht 2018 und auch nicht 2068. Die Ideen und Gedanken haben wir in Zeitkapseln festgehalten, welche wir vergraben werden. Auch ein Baum soll als kleines Mahnmal gepflanzt werden. Ich würde mir wünschen, dass viele Menschen dazukommen, um den Kindern zu zeigen, dass wir hinter ihnen stehen.“

Nach den Ansprachen wurde gemeinsam das jüdische Gedenkgebet El Mole Rachamim gesprochen und die Kerzen vor dem Mahnmal aufgestellt, das bereits zwei Fackeln beleuchteten. Nach dem gemeinschaftlichen Singen des Gedichtes „Das Zeichen“ von Ben-Chorin („Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht …) waren alle Teilnehmer zu Wein, Wasser und Imbiss im Dietrich-Bonhoeffer-Haus eingeladen.

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