Jülicher Land/Nörvenich: 600 Hektar Artenschutz für 80 Tiere zwischen Jülich und Nörvenich

Jülicher Land/Nörvenich: 600 Hektar Artenschutz für 80 Tiere zwischen Jülich und Nörvenich

600 Hektar sind sechs Millionen Quadratmeter. Oder fast 20-mal die Fläche des Jülicher Brückenkopf-Parks. Diesen Raum hat RWE Power nach Maßgabe der Artenschutz-Richtlinie der Europäischen Union im Raum Jülich/Niederzier und bei Nörvenich im Kreis Düren sowie nahe Kerpen (Rhein-Erft-Kreis) in parkähnliche Flächen verwandelt, die gefährdeten Tieren dienen: und zwar zunächst etwa 80.

Sie setzen den Maßstab für das Artenschutzkonzept. Es handelt sich um Bechsteinfledermäuse, die es in drei Kolonien von jeweils 20 bis 30 Tieren vor allem im Hambacher Altwald und im Nörvenicher Wald noch gibt. Kritik an der Größe des neuen Lebensraumes ist wohl nicht zu erwarten.

RWE Power setzt das Artenschutzprogramm seit 2011 um und pflanzte allein in den vergangenen vier Monten 7500 hochstämmige Bäume. Foto: Uerlings, RWE

Das Programm startete bereits 2011, doch allein in den vergangenen vier Monaten wurden 7500 hochstämmige Bäume gepflanzt.

Nicht nur, aber vor allem an der Tagebaurandstraße entstanden Jagd- und Rennstrecken für die Bechsteinfledermaus als „Leitart“. Foto: Uerlings, RWE

Die nächtlichen Jäger sind selbst bei idealen Bedingungen sehr selten und inzwischen strengstens geschützt. Sie sind natürlich nicht die einzigen Profiteure des Programms, das auch zahlreichen Vogelarten dient, zum Beispiel dem ebenfalls geschützten Mittelspecht, aber sie gelten als „maßgebende“ Tier- beziehungsweise Leitart.

Die normale Rekultivierung des Bergbautreibenden reicht nicht aus, um den Flugsäugetieren ein neues Refugium zu bieten, das sie aber benötigen werden. Die Bechsteinfledermaus ist auf Eichen angewiesen, die 100 Jahre und älter sind, in denen es Höhlen gibt. Sie nutzt sie als Wochenstuben, also für die Aufzucht ihrer Jungen.

Mehrstufiges Schutzkonzept

„Wir können nun mal keine entsprechend alten Bäume pflanzen“, erklärt Gregor Eßer von der Rekultivierungsabteilung bei RWE Power, zugleich Leiter der Forschungsstelle. Die Bäume auf der Sophienhöhe sind mit gut 30 Jahren zu jung. Die Altwald-Bindung der Bechsteinfledermaus lässt sich auch in den Flächen beobachten, die gerodet wurden. Eßer: „Sie ziehen mit dem Restwald mit.“

Also hat der Energiekonzern ein mehrstufiges Schutzkonzept entwickelt. Es soll die Tiere zu den Altwald-Resten führen, die nicht in Anspruch genommen werden. RWE Power hat sie gekauft oder sich so gesichert, dass die Nutzung vorgegeben werden kann — in Summe rund 700 Hektar. „In den Altwäldern darf keine Eiche mehr entnommen werden“, erklärt Eßer.

Die Fledermäuse jagen aber nicht zwingend in den Wäldern, sondern in halboffenen parkähnlichen Landschaften. Sie müssen durchfliegbar und insektenreich sein, sagt Gregor Eßer. Diese Bereiche — weitere 600 Hektar — wurden in den vergangenen sieben Jahren geschaffen, mit einem Schlussspurt im letzten Vierteljahr, der Förstern und Waldarbeitern eine Menge abverlangte. Da es sich um Stämme (jeweils 3,50 Meter hoch) mit Wurzelballen handelt, war das deutlich aufwendiger als bei den meterhohen Jungpflanzen, die sonst zu pflanzen sind.

Zum Beispiel an der Tagebaurandstraße (L 264) zwischen Stetternich und Niederzier sind so viele Flächen in jüngster Zeit umgestaltet worden. Die Planung sieht vor, dass die vielen Parks einerseits noch eine blütenreiche Einsaat erhalten, und andererseits in Teilen für die extensive Landwirtschaft zur Verfügung gestellt werden: zum Beispiel als Weideflächen für Biorinder. Deren natürlicher Dung lockt ebenfalls Insekten an, die dann auf den Speiseplan der Bechsteinfledermaus — und anderer Arten — wandern. Im Rhein-Erft-Kreis werde dieses Weide-Angebot von Landwirten schon stark nachgefragt, berichtet Gregor Eßer. Bei Kerpen grasen so eine Menge Glanrinder.

Eine Öko-Autobahn...

Dritte Maßnahme des Artenschutzkonzeptes ist laut Eßer die Vernetzung der Altwaldbereiche bei Kerpen, Nörvenich und Jülich. Das darf man sich wie eine Öko-Autobahn vorstellen. Der Bergbautreibende hat Bäume und Sträucher so in Reihen gepflanzt, dass sie im Kronenbereich zusammenwachsen und im Laufe der Zeit eine Art Tunnel ergeben. „Wir haben Horchboxen aufgestellt und können sagen: Die Fledermäuse nehmen diese Rennstrecken an“, berichtet der Rekultivierungsexperte von RWE Power mit einem Lächeln. Er weist zudem auf die „gesamtökologische Wirkung“ dieser groß angelegten Pflanzaktion über Jahre hin: „Der Nutzen geht weit über die Fledermäuse hinaus.“ Auch selten gewordene Vögel seien auf den so bearbeiteten Flächen wieder heimisch: Feldlerchen, Braun- und Schwarzkehlchen, Neuntöter. In einem weiteren Schritt werden Steinkauzkästen aufgehängt.

Nicht zuletzt diene dieser große Aufwand auch dem Menschen, sagt Eßer. Denn nur die beweideten Parks werden umzäunt, die anderen sind zugänglich. Eßer: „Der Mehrwert für die Region wird deutlich spürbar werden.“

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