Zahl steigt: Briten im Kreis Heinsberg wollen deutschen Pass

Zahl steigt : Briten im Kreis Heinsberg wollen deutschen Pass

Paul K. hält ihn in der Hand, seinen deutschen Pass. Seit 25 Jahren lebt er in Deutschland, als er zehn Jahre alt war, zog er mit seinen Eltern und beiden Geschwistern nach Deutschland. Heute lebt und arbeitet er in Hückelhoven. Er hat sich eine sichere Existenz aufgebaut in der Bundesrepublik – allerdings immer mit dem klaren Ziel vor Augen, den Ruhestand beim täglichen Nachmittagstee in der alten Heimat Großbritannien zu verbringen. Dieser Tage ist er deutscher Staatsbürger geworden.

„Dabei wäre es mir bis vor wenigen Jahren nie in den Sinn gekommen, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen.“ Der 35-jährige Informatiker durfte zwar an den Wahlen in der Bundesrepublik nicht teilnehmen, „aber ansonsten habe ich als britischer Europäer in der Bundesrepublik die deutsche Staatsbürgerschaft bislang nicht dringend gebraucht“. Dann kam der Brexit. Mit dem Brexit endet die Freizügigkeit britischer Staatsbürger in der EU. Ab diesem Zeitpunkt werden in Deutschland lebende Briten zu Drittstaatsangehörigen, sie und ihre Familienmitglieder benötigen reguläre Aufenthaltstitel.

Und so musste sich Paul K. Gedanken darüber machen, welche Konsequenzen er für sein Leben würde ziehen müssen, wenn er plötzlich kein EU-Bürger mehr sein würde. Würde er weiter in Deutschland problemlos arbeiten können? Könnte sein Kind, das seine Freundin gerade erwartet, in Deutschland Kindergeld bekommen, hätte es das Recht auf einen Kindergartenplatz? Vor ihm türmten sich tausende Fragen auf.

„Auf viele dieser Fragen haben meine Landsleute und ich bis heute noch keine klaren, eindeutigen und sicheren Antworten erhalten können“, ärgert er sich. „Die Politiker schaffen es ja nicht, für klare Verhältnisse zu sorgen.“ Deshalb beschloss er, für sich selbst klare Verhältnisse zu schaffen – und stellte einen Antrag auf Einbürgerung. „Der Zeitpunkt für diese Entscheidung war sicher der Beste“. Denn: Als Brite ist Paul L. derzeit noch EU-Bürger und darf deshalb beide Pässe behalten. „Ich musste mich nicht zwischen Deutschland und England entscheiden. Deshalb fiel mir die Entscheidung nicht schwer“, sagt er.

Im Kreis Heinsberg leben derzeit 527 britische Staatbürger. Für viele ist die Einbürgerung und die doppelte Staatsbürgerschaft eine gute Lösung, um beim Brexit auf der sicheren Seite zu sein. Von „einem Ansturm“ auf die Einbürgerungsanträge will Ulrich Hollwitz, Pressesprecher des Kreises Heinsberg, nicht sprechen. „Es gibt allerdings einen deutlich erkennbaren Anstieg von Einbürgerungsanträgen britischer Staatsangehöriger“, räumt er ein. Haben im Jahr 2017 lediglich 36 Briten den Antrag auf Einbürgerung gestellt und im Jahr 2018 gerade einmal 25, zeigt sich in 2019 bis jetzt schon eine Verdopplung. „In den ersten drei Monaten des Jahres hat es bereits 66 Anträge auf Einbürgerung gegeben. Insgesamt 44 wurden bisher schon positiv erledigt“, sagt Hollwitz.

Eine Einbürgerung sei übrigens nichts für Kurzentschlossene, betont der Kreissprecher. Denn zuvor müssten Deutschkenntnisse nachgewiesen und ein Einbürgerungstest bestanden werden. Solange Großbritannien noch EU-Mitglied ist, ist dieses Hintertürchen für die Briten in Deutschland noch offen. Sobald GB raus ist, schließt sich auch die Türe der doppelten Staatsbürgerschaft.

Zufrieden mit der Entscheidung

Paul L. ist zufrieden mit seiner Entscheidung. Aber: „Trotzdem bin ich sehr wütend, weil an uns Briten im Ausland bei der Brexit-Entscheidung scheinbar gar nicht erst gedacht wurde.“ Immer noch verärgert sagt er ganz entschieden: „Auch wenn mein Herz britisch schlägt – ich lasse mich nicht von Europa und dem europäischen Arbeitsmarkt abkoppeln.“

Nur eins bedauert er – dass sein Sohn vermutlich nicht früh genug auf die Welt kommen wird, um umgekehrt noch in England die britische Staatsbürgerschaft für das Kind zu beantragen. „Damit wird er in meiner Heimat immer ein Fremder bleiben.“

Mehr von Aachener Nachrichten