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Dialektatlas Mittleres Westdeutschland: „Wie sagen Sie Butterbrot auf Platt?“

Dialektatlas Mittleres Westdeutschland : „Wie sagen Sie Butterbrot auf Platt?“

Lisa Glaremin sammelt Mundart-Wörter. Die Germanistin von der Universität Bonn hilft, eine große Karte von Dialekten wie Platt in NRW zu zeichnen. Über ihr Projekt, geschicktes Fragen und Katzenbilder hat sie im Interview gesprochen.

Wenn Lisa Glaremin kommt, dann kann es länger dauern. Denn die 29-jährige Wissenschaftlerin aus Bonn will es genau wissen: Wie klingt es, wenn ein Hillensberger oder eine Doverhahnerin oder ein anderer Plattsprecher aus dem westlichsten Kreis Deutschlands „Kuh“ sagt oder „Butterbrot“ oder wenn ihm so richtig heiß ist? Die Germanistin führt für den „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland (DMW)“ in der Region Interviews mit Menschen, die Platt sprechen. Das Forschungsprojekt will die Dialekte in ganz Nordrhein-Westfalen und in den angrenzenden Teilen von Rheinland-Pfalz und Niedersachsen dokumentieren, analysieren und konservieren. Über die Suche nach Teilnehmenden, geschicktes Fragen und Katzenbilder sprach sie mit unserer Redakteurin Mirja Ibsen.

Normalerweise stellen ja Sie die Fragen, aber wir machen das jetzt mal umgekehrt. Sprechen Sie Platt?

Lisa Glaremin: Nein.

Werden Sie das oft gefragt?

Glaremin: Ja. Ich erkläre dann immer, dass ich aus einer typischen Familie stamme: Die Großeltern sprechen noch Platt, die Eltern verstehen es komplett und ich teilweise.

Wo kommen Sie her?

Glaremin: Aus dem Sauerland.

Also haben Sie keine Verbindung zum rheinischen Dialekt…

Glaremin: Nein, eher zum westfälischen.

Warum sind Sie Sprachforscherin geworden?

Glaremin: Es hat sich so ergeben. Für Sprachen habe ich mich schon immer interessiert. Ich habe Germanistik und Politik an der Uni Bonn studiert und wollte eigentlich etwas mit Journalismus machen.

Das Fragenstellen liegt Ihnen also. Spielen wir kurz Tabu: Wie erklären Sie Ihren Interviewpartnern, was der Dialektatlas ist? Und zwar ohne die Wörter Dialekt und Atlas zu verwenden und nicht mehr als drei, na gut, fünf Sätze.

Glaremin: Das Ziel ist es, am Ende Karten vorlegen zu können, auf denen man sehen kann, wo wie gesprochen wird. Und zwar nicht das Deutsch des Tagesschausprechers, sondern das, was am weitesten weg vom Standard ist. Die Karten gibt es mit den ersten Ergebnissen schon bald auch online. Dann kann man sich anhören: Wie spricht man da, wo ich herkomme? Dieses Audioerlebnis unterscheidet uns von anderen Atlanten.

Prima, genau fünf Sätze! Wie lange begleiten Sie das Projekt bereits?

Glaremin: Seit 2016, ich war von Anfang an dabei. Die Untersuchung, an der die vier Universitäten Siegen, Bonn, Münster und Paderborn beteiligt sind, ist auf 16 Jahre angelegt. In ein paar Jahren wird jemand anders meine Aufgaben übernehmen, weil ich dann mit meiner Promotion fertig sein sollte.

Ach, Sie machen Ihren Doktor im Rahmen des Projekts? Zu welchem Thema?

Glaremin: Ja, ich untersuche die regionale Intonation im Ruhrgebiet, denn auch ohne Dialektwörter hört man ja, wo die Menschen herkommen. Ein Kölner klingt anders als ein Hamburger oder ein Mensch aus dem Selfkant. Das wird bleiben, auch bei Personen, die meinen, dass sie Hochdeutsch sprechen.

Was sind das für Menschen, die Sie interviewen?

Glaremin: Im Fokus sind zuerst die älteren Personen ab 70 Jahren aufwärts. Im Idealfall sprechen wir pro Ort mit einem Mann und einer Frau, die wie auch ein Elternteil aus dem Ort stammen, dort gelebt haben und nicht länger als ein Jahr woanders waren. In einem zweiten Schritt sprechen wir mit Menschen im Alter von 30 bis 45 Jahren, die in dem Ort ebenfalls verwurzelt sind. Die Orte dürfen aber nicht zu groß sein.

Wie lange dauert ein Interview?

Glaremin: Das ist recht unterschiedlich. Am Anfang haben wir schon mal sechs Stunden gebraucht. Mit der Routine, die wir jetzt haben, dauert es um die drei Stunden. Wenn wir merken, dass ein Dialektsprecher müde oder unkonzentriert wird, schlagen wir einen zweiten Termin vor.

Das ist ganz schön lang. Wie viele Fragen stellen Sie denn?

Glaremin: Da sollte man sich nicht erschrecken. Es sind 600 Fragen, aber sie werden in ein Gespräch eingebettet. Ich zeige zum Beispiel das Foto einer Katze und frage: „Wie sagen Sie dazu?“. Es geht um Tiere, Essen, Alltägliches, kleine Sätze. Oder ich sage: „Wenn es sehr warm ist, dann tut der Körper etwas. Dann muss man …“

… schwitzen.

Glaremin: Genau. Aber die Antwort sollte dann auf Platt kommen. Wir müssen so geschickt fragen, das die gesuchten oder erwarteten Wörter nicht in den Fragen vorkommen. Zum Abschluss des Interviews legen wir den Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch die sogenannten Wenker-Sätze zur Übersetzung vor.

Wer war denn dieser Georg Wenker, von dem man in Verbindung mit Dialekterhebung oft hört?

Glaremin: Er war der Erste, der eine großangelegte Studie zu Dialekten in Deutschland durchgeführt hat. Vierzig Sätze hat er schon ab 1880 an Volksschullehrer geschickt, damit diese ihm aufschreiben, wie bei ihnen im Ort Platt gesprochen wird. Wenn sie kein Platt konnten, sollten sie ihre Schüler fragen. Daraus hat er den „Sprachatlas des Deutschen Reichs“ erstellt. Georg Wenker war Sprachwissenschaftler und hat das Forschungsinstitut für Deutsche Sprache von 1888 bis 1911 an der Universität in Marburg geleitet. Seine Sätze erheben wir am Schluss des Interviews, quasi 150 Jahre später, noch einmal in denselben Orten. Das ist für viele Gesprächspartner noch mal etwas Besonderes.

Mit wie vielen Menschen haben Sie in den Wenker-Orten im Kreis Heinsberg bisher gesprochen?

Glaremin: Neun Interviews habe ich bereits geführt, für drei weitere habe ich Teilnehmer. Aber dann hat uns Corona ausgebremst. Wir suchen jetzt noch weitere Gesprächspartner und wollen die Interviews bald – mit allen nötigen Vorsichtsmaßnahmen – wieder aufnehmen.