Erkelenz: Wie Architektur das Heimweh der Umsiedler lindern soll

Erkelenz : Wie Architektur das Heimweh der Umsiedler lindern soll

Der Prozess hat längst begonnen: In den kommenden Jahren werden Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sowie Berverath verschwinden. Stück für Stück, Haus für Haus. Einige Familien sind bereits weggezogen aus diesen fünf Orten, die für den Braunkohletagebau Garzweiler II weichen müssen.

Einige wollen bald weg. Sie bauen bereits in Erkelenz-Nord. Dort entsteht ein völlig neuer Stadtteil. Gut 400 Grundstücke werden bebaut.

Es ist ein neuer Stadtbezirk, der wie ein Neubaugebiet auf dem Reißbrett geplant, nicht wie ein Dorf über Jahrzehnte gewachsen ist. Erkelenz-Nord wird das neue Zuhause für viele Umsiedler sein, vielleicht auch deren neue Heimat. Vielleicht.

„Viele kritische Stimmen“

Anna-Laura Hölz glaubt, dass es möglich ist, eine neue Heimat zu finden. Allerdings findet die Architekturabsolventin der Münster School of Architektur auch, dass die Planer den Menschen dabei helfen sollten. Architektonische und städtebauliche Ansätze, die helfen, eine neue Heimat zu finden, seien bei den bisherigen Umsiedlungen zu kurz gekommen, sagt sie.

Sie macht das am Beispiel Immerath-neu fest. Nur rund die Hälfte der alten Immerather zogen in den neuen Ort, und es seien „viele kritische Stimmen“ in Bezug auf die Gestaltung des neuen Ortes zu hören gewesen.

„Die neuen Siedlungen führen oft zu gesichtslosen Orten mit größtenteils banaler Architektur, sie sind keine Fortführung der Traditionen und der Identität der Alt-Orte und der Kulturlandschaft des Erkelenzer Landes. Eine hochwertige und regionale Baukultur kann jedoch helfen, sich mit seiner Umgebung zu identifizieren und die Attraktivität nachhaltig zu steigern“, sagt Hölz. Man kann das so verstehen: Aufgabe für die Planer ist, dem neuen Ort Erkelenz-Nord eine Identität zu verpassen — am besten die gewohnte.

Genau damit hat sich Hölz in ihrer Masterarbeit beschäftigt. Sie setzt sich auf eine Bank in der Heilig-Kreuz-Kirche in Keyenberg und spricht darüber, wie sie die fünf Orte analysiert, die Einwohner befragt, nach Zutaten gesucht hat, die ein Dorf zum Funktionieren braucht. Hölz ist in Grevenbroich ausgewachsen, wo RWE, die Kohle, ihr Abbau und die daraus resultierenden Folgen allgegenwärtig sind.

Sie spricht darüber, dass Architekten Heimweh lindern können. Zum Beispiel mit der Idee, altes Baumaterial, etwa Klinkersteine, beim Bau der neuen Häuser wiederzuverwenden. „Einerseits war es in den Dörfern bereits lange Tradition, Abbruchmaterialien wiederzuverwenden, andererseits können somit die neuen Gebäude ein Stück Geschichte und Heimat in sich tragen“, sagt sie.

Hölz ist der Meinung, dass so etwas auch für private Bauherren interessant sein könnte. Für die Gebäude der neuen Ortsmitte von Erkelenz-Nord ist das Wiederverwenden von Abbruchmaterial in ihrem Konzept aber unerlässlich. Demnach sollen die neue Kapelle und ein Mehrzweckgebäude aus recycelten Klinkern aus den alten Orten gebaut werden.

Gerade dieses Mehrzweckgebäude, für das neben der Kapelle Raum vorgesehen ist, hat Hölz interessante Ideen. Sie hat es in Form eines offenen Vierkanthofes geplant. Solche Höfe seien charakteristisch für die alten Umsiedlerorte. Sie hat in das Gebäude zum Beispiel einen Hofladen und ein Gasthaus eingeplant, aber auch einen Dorfsaal, eine Sporthalle und eine Bühne. In einem weiteren Flügel einen Kindergarten und altengerechtes Wohnen.

Bei der Stadt Erkelenz denkt man da eher an eine klassische Mehrzweckhalle. Genaueres könne man aber noch nicht sagen, weil die Verwaltung erst im Laufe des Jahres in die Planung einsteigen wolle, sagt Ansgar Lurweg, Technischer Beigeordneter der Stadt Erkelenz.

Natürlich hätte die Stadt die Möglichkeit gehabt, mit strengeren Vorgaben im Bebauungsplan zu entscheiden, welche Gestalt der neue Ort einmal annehmen soll. Aber die Vorgaben waren bewusst nicht allzu streng. Damit verwehre man Umsiedlern, die ihre Heimat zwangsweise verlassen müssen, sonst auch noch, nach ihren Vorstellungen zu bauen. Die Umsiedler seien im gesamten Prozess über Jahre umfassend beteiligt worden, sagt Lurweg.

Also keine Spur von der Identität der alten Orte — aus Rücksicht auf die Häuslebauer? „Man müsste mal die Umsiedler fragen, was die aus ihren alten Häusern mitbringen. Keiner von denen baut sich seine alten Holzfenster wieder ein“, sagt Lurweg. Und überhaupt: Bei fünf Orten gebe es die eine Identität ohnehin nicht. Also kann man sie auch nicht mitnehmen.

Modernes Gebäude

Wenn man sich mit Anna-Laura Hölz unterhält, dann spürt man, dass sie das ganz anders sieht. Sie hat mit vielen Leuten gesprochen und erfahren, wie sehr sie an der alten Heimat hängen. Zum Beispiel an der Heilig-Kreuz-Kirche, die an diesem Morgen geputzt wird. Die Kirche ist eben ein Bau, den die Leute mit ihrer Heimat verbinden. Auch wenn sie nicht gläubig sind. Das ist zuletzt bei Abriss des Immerather Doms deutlich geworden.

Hölz holt ihre Pläne heraus, die zeigen, wie sie sich die neue Kirche vorstellt: als modernes Gebäude — aber mit vielen alten Elementen. Die Kirche auf ihrem Plan ist völlig anders als Heilig Kreuz — und doch ähnelt sie ihr. Der Turm, die Fenster, das Licht im Innenraum. „Ich möchte mit meiner Arbeit ein Bewusstsein dafür schaffen, dass ein regionaler Bezug in der Architektur eine Umsiedlung für die Betroffenen erleichtern kann“, sagt sie.

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