Wassenberg: Die bewegte Geschichte des Ortes Myhl

750 Jahre : Die bewegte Geschichte des Ortes Myhl

Noch hängt sie als einfache Schwarz-Weiß-Papierkopie an der Wand des kleinen Myhler Heimatmuseums. Doch pünktlich zur 750-Jahr-Feier soll die Urkunde, die Beweis für dieses große Jubiläum des Ortes ist, in einer besseren, farbigen Version in der Myhler Kirche zu bewundern sein.

Die erste Idee, die Urkunde aus dem Jahr 1269 im Original auszuleihen vom Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Duisburg, wo Recherchen unserer Zeitung sie ausfindig machten, wurde schnell verworfen, weil der besondere Transport und die aufwendigen Ausstellungsbedingungen doch zu teuer geworden wären. „Aber auch so wird die Ausstellung der Urkunde natürlich ein Höhepunkt unserer Jubiläumsfeierlichkeiten am 7. und 8. September“, erklärt Herbert Theißen, Vorsitzender des Heimatrings Myhl-Altmyhl und Schriftführer des Fördervereins Vereinigte Vereine Myhl.

Zusammen mit Vertretern aus mehr als 20 weiteren Vereinen organisiert er dieses große, zweitägige Dorffest, dessen Schirmherrin das Myhler „Original“ Helene Philippen ist. Sie war selbst 30 Jahre lang Vorsitzende des Heimatrings, war die erste Brudermeisterin in der Diözese Aachen und ist heute Ehrenvorsitzende ihrer Schützenbruderschaft, um nur zwei ihrer vielen Aktivitäten für und in Myhl zu nennen.

Natürlich gehen die Ortshistoriker davon aus, dass Myhl noch viel älter ist als genau 750 Jahre. „Wahrscheinlich entstanden Myhl und Altmyhl zeitgleich in Nebentälern der Rur“, sagt Theißen, dieses Gebiet wird heute Wassenberger Riedelland genannt. Und beide hätten wahrscheinlich unter der Herrschaft der Wassenberger Burg gestanden. Was den Namen betrifft, gibt es zwei Vermutungen. Die eine ist, dass Myhl keltischen oder germanischen Ursprungs ist, wo Bäche häufig mit „mel“ oder „mil“ bezeichnet wurden. Eine andere Möglichkeit wäre, dass der Name aus dem römischen Zahlwort „mille“ für 1000 stammt, weil die Wachstationen der Römer jeweils 1000 Schritte auseinander lagen.

Vor dem Myhler Geburtstag: Schirmherrin Helene Philippen, Ortsvorsteher Rainer Peters und Herbert Theißen vom Förderverein Vereinigte Vereine Myhl (v.l.) freuen sich auf die 750-Jahr-Feier im September. Foto: Anna Petra Thomas

In der vornapoleonischen Zeit gehörte Myhl auf jeden Fall zum Kern der alten Herrschaft Wassenberg und im Wechsel der Geschichte zunächst zum Herzogtum Limburg, dann zu Brabant, zu Heinsberg, zu Moers und ab Ende des 15. Jahrhunderts zum Herzogtum Jülich. „Die politische Gemeinde ist dagegen ein Kind der Neuzeit und erst rund 200 Jahre alt“, so Theißen weiter. Zur Zeit Napoleons, an der Wende zum 19. Jahrhundert, wurde in Myhl eine Bürgermeisterei, die „Mairie Myhl“ mit den drei Ortsgemeinden Arsbeck, Myhl und Wildenrath gebildet. Unter der preußischen Herrschaft gehörte sie ab 1815 zum landrätlichen Kreise Heinsberg. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Bürgermeisterei Myhl zusammen mit der benachbarten Bürgermeisterei Wassenberg in Personalunion verwaltet, blieb aber selbständig.

Als der Landkreis Heinsberg 1932 aufgelöst wurde, fiel die Bürgermeisterei Wassenberg dem neuen Landkreis Geilenkirchen-Heinsberg zu, die Bürgermeisterei Myhl, das spätere Amt Myhl, wurde in den Landkreis Erkelenz eingegliedert. Verwaltungssitz für das Amt Myhl war ab 1934 Wildenrath. In dem im Jahr 1962 erbauten Verwaltungsgebäude hat heute die Lebenshilfe Heinsberg eine Wohnstätte eingerichtet. Die Wappen von Arsbeck, Myhl und Wildenrath zieren jedoch noch heute die Fassade.

Im Rahmen der kommunalen Neugliederung im Jahr 1972 wurde das Amt Myhl aufgelöst. Arsbeck und Wildenrath gehören seitdem zur Stadt Wegberg. Myhl wurde ein Stadtteil von Wassenberg. Gebäude oder Objekte, die sich auf die Geschichte des Ortes beziehen, sind auch heute noch vorhanden, wie die Pfarrkirche oder das Sankhas-Denkmal aus dem Jahr 1974. Es erinnert an den weißen Treibsand in Myhl, der den Myhlern einen bescheidenen Broterwerb sicherte. „Der weiße Sand wurde am Wochenende in den Wohnstuben gestreut“, weiß Theißen.

Andere historisch bedeutsame Orte sind inzwischen verschwunden, so das Kloster der Franziskanerinnen, das 1360 gestiftet wurde, bis Mitte des 16. Jahrhunderts Katharinenthal und später St. Johannisthal hieß und im Rahmen der Säkularisation Anfang des 19. Jahrhunderts wieder aufgehoben wurde. Im 20. Jahrhundert, von 1908 bis 1977, gab es dann in Myhl das Kloster Marienhaus der Vinzentinerinnen.

Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert förderte die regionale Textilindustrie die Hausweberei im ursprünglich landwirtschaftlich geprägten Ort. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es knapp 200 Weber in Myhl, das damals rund 1000 Einwohner hatte. Weitere industrielle Impulse gingen vom Hückelhovener Bergbau aus. So stieg allein von 1925 bis 1933 die Bevölkerungszahl von 1075 auf 1327. Heute hat Myhl rund 2700 Einwohner. Prägend sind neben dem regen Vereinsleben die Schule sowie die beiden Kindergärten. Nicht zu vergessen das eigene Heimatmuseum, das seit nunmehr genau 20 Jahren im Keller der Schule besteht.

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